Berliner Tops und Flops: Was im Jahr 2022 funktioniert hat - und was nicht

Das Jahr 2022 hat Berlin viel Schlechtes, aber tatsächlich auch ein paar gute Dinge gebracht. Hier die Liste der Tops und Flops für die Hauptstadt.

Warteschlange vor einem Wahllokal in Moabit: Die letzte Berlin-Wahl geriet zum Desaster.
Warteschlange vor einem Wahllokal in Moabit: Die letzte Berlin-Wahl geriet zum Desaster.dpa-Zentralbild

Die Berliner Flops des Jahres 2022:

1. Die verwirrende Posse um die Berlin-Wahlen

Achtung, jetzt wird es ärgerlich, peinlich, absurd, blamabel, überflüssig, nervtötend, konsequent – ganz wie Sie wollen. Die letzte Berlin-Wahl hat bekanntlich im Jahr 2021 stattgefunden, und das Drunter und Drüber hat uns das ganze Jahr 2022 beschäftigt. Das Ergebnis: eine bis auf die Knochen blamierte Stadt („Berlin kann nicht einmal wählen“) sowie ein Landesparlament und eine Regierung, deren Rechtmäßigkeit infrage steht.

Doch was ist eigentlich schlimmer? Die Tatsache, dass am 26. September 2021 in etlichen Wahllokalen unfassbar geschlampt wurde? Mal gab es falsche Wahlzettel, mal zu wenige. Mal wurde der Wahlvorgang ausgesetzt. Mal bildeten sich so lange Warteschlangen, dass etliche auch weit nach 18 Uhr noch abstimmen durften. Oder doch das, was Politik und Justiz am Ende daraus machten? Ein heilloses Tohuwabohu um mögliche Wahlwiederholungen.

Das Berliner Verfassungsgericht entschied, dass die Berlin-Wahl zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksparlamenten in Gänze ungültig sei und wiederholt werden müsse – Termin soll der 12. Februar 2023 sein. Der Bundestag will, dass die am selben Tag in denselben Wahllokalen abgehaltene Bundestagswahl nur dort wiederholt wird, wo gravierende Fehler nachgewiesen wurden. Wer soll das verstehen?

Um das Chaos wirklich komplett zu machen, kommt jetzt zum Jahresende eine weitere Volte. 43 Berlinerinnen und Berliner haben beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Einspruch gegen das Berliner Urteil zur Wahlwiederholung eingelegt. Im Januar, so heißt es, könnte eine Entscheidung fallen. Es könnte also sein, dass alles doch noch ganz anders kommt. Uff! Elmar Schütze


2. Der Friedrichstraßen-Flop

Wenn man eines in dieser Stadt nicht erwarten sollte, dann große Visionen für die Zukunft. Im Gegenteil: Berlin gibt sich gerne weltstädtisch, hat aber in vielen Bereichen nicht mehr Ideen und Wagemut als eine piefige Kleinstadt. Das beste Beispiel dafür, wie’s besser nicht laufen sollte, ist die Verkehrsberuhigung der Friedrichstraße.

Das ganze Projekt ist ein Schlag ins Wasser, wirkt undurchdacht und zeigt, wie wenig zukunftsorientiert in der deutschen Hauptstadt gedacht wird, denn anstatt ein Verkehrskonzept für den kompletten Bereich, also Friedrichstraße zwischen Mehringplatz und Unter den Linden zu entwerfen, vom Gendarmenmarkt, Französische Straße usw. ganz zu schweigen, wird ein Zipfelchen zwischen Leipziger und Französischer Straße gesperrt.

Mit welchem Ergebnis? Jedenfalls keinem brauchbaren. Der Einzelhandel fühlt sich im Stich gelassen von den Verkehrsplanern, die Kunden würden den Bereich meiden. Dass dieser Teil der Friedrichstraße schon zuvor darbte, spielt keine Rolle. Wohl aber, dass es nicht reicht, einfach eine Straße zu sperren und darauf zu hoffen, dass dann schon die Flaneure kommen. Wozu auch? Was gibt es da zu flanieren? Nur weil der Bürgersteig dann breiter ist, wird das Angebot nicht automatisch attraktiver.

Es fehlt nach wie vor ein schlüssiges Konzept. Die Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch jedenfalls hält die Pläne für eine Fußgängerzone nach wie vor für richtig. Immerhin eine. Marcus Weingärtner

Schön ist es nicht. Funktioniert hat es auch nicht, das Konzept für die autofreie Friedrichstraße.
Schön ist es nicht. Funktioniert hat es auch nicht, das Konzept für die autofreie Friedrichstraße.dpa/Paul Zinken

3. Das Desaster um die U2 unterm Alexanderplatz

Eigentlich ist es unglaublich, dass darüber so wenig gesprochen wird. Schließlich ist es doch ein handfester Skandal, der sich da mitten in Berlin abspielt. Oder finden wir es normal in der Pleiten-Pech-und-Pannen-Metropole, sind wir so abgestumpft in dieser Stadt, dass wir es mit einem Achselzucken hinnehmen, wenn ein U-Bahn-Tunnel absackt? Eine der wichtigsten Linien Berlins liegt lahm, seit Monaten, und wird auch noch auf Monate hinaus lahmliegen. Im Bahnhof der U2 unter dem Alexanderplatz musste ein Gleis gesperrt werden, nachdem sich das unterirdische Bauwerk um mehr als drei Zentimeter gesetzt hatte. Auf dem anderen Gleis fährt die U-Bahn zwischen Klosterstraße und Senefelderplatz seit Oktober nur noch im 15-Minuten-Takt.

Sperrzone: Seit fast drei Monaten fährt die U2 am Alexanderplatz nur noch eingleisig.
Sperrzone: Seit fast drei Monaten fährt die U2 am Alexanderplatz nur noch eingleisig.Sabine Gudath

Jeder, der schon mal im Berufsverkehr U2 gefahren ist, weiß, dass auf dieser Strecke schon ein Fünf-Minuten-Takt sportlich ist. Nun ist es besser, man weicht auf den Bus aus. Neulich allerdings wartete ich am Spittelmarkt geschlagene 20 Minuten, bis ein Bus kam, der dann vollgestopft bis unters Dach im Stau die Grunerstraße hochschlich. So viel zur Idee der Umfahrung des U2-Pendelverkehrs, in einer Stadt, die sich die Verkehrswende als hehres Ziel auf die Fahnen schreibt.

Und warum müssen sich Tausende Berliner jeden Tag mit Zeit- und Nervenverlusten durchs östliche Zentrum quälen? Weil am Alexanderplatz Hochhäuser entstehen. Der Tunnelschaden hängt mit einer Hochhaus-Baustelle zusammen. Unabhängig davon, wie man zur Turmbauerei am Alex steht, stellt sich mir die Frage, wie sicher sind solche Bauprojekte? Möchte ich, wenn sie irgendwann wieder regulär fährt, überhaupt noch in eine U-Bahn steigen, wenn da Tunnel absacken und wer weiß was sonst noch passieren kann? Vielleicht erfahren ja die Fahrgäste einer der meistfrequentierten Linien der Stadt irgendwann mal, was künftig zu ihrer Sicherheit unternommen wird. Anne Vorbringer


Die Berliner Tops des Jahres 2022:

1. Das Ankunftszentrum für ukrainische Kriegsflüchtlinge in Tegel

Bis 2020 war Tegel ein Flughafen, seit diesem Frühjahr ist es ein Ankunftszentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine.
Bis 2020 war Tegel ein Flughafen, seit diesem Frühjahr ist es ein Ankunftszentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine.AP/Markus Schreiber

Das ging schnell. Als Ende Februar die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine in Berlin ankamen und sich am Hauptbahnhof dramatische Szenen abspielten und die Verwaltung überfordert, wenn nicht gar komplett abwesend wirkte, wurde rasch klar: Berlin braucht ein Ankunftszentrum für diese Menschen. Innerhalb weniger Wochen wurde der stillgelegte Flughafen Tegel umfunktioniert. Dort kamen die Menschen für die ersten Tage unter und konnten sich registrieren lassen. Viele wurden per Bus in andere Bundesländer gebracht. 

Insgesamt hat Berlin in diesem Jahr mehr als 360.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge erstversorgt, bis zu 100.000 sind in der Stadt geblieben. Nach einigen Monaten der relativen Ruhe kommen jetzt wieder deutlich mehr Flüchtlinge aus dem kriegsgeplagten Land im Osten in Berlin an, täglich sind es 300. Deshalb sollen in zwei Hangars von Tegel und in zwei Leichtbauhallen auf Parkplatzflächen 3200 Plätze für eine längerfristige Unterbringung entstehen.

Zahlen, Zahlen, Zahlen, die durchaus als Beweis für Berlins Handlungsfähigkeit stehen dürfen.

Doch natürlich ist nichts nur gut. Ursprünglich wollte die Berliner Hochschule für Technik – ihr eigentlicher Namensgeber Beuth war wegen seines Antisemitismus unmöglich geworden – Anfang 2023 mit dem Aufbau ihres Campus auf dem Flughafengelände beginnen. Das ist nun nach hinten geschoben worden. Irgendwann einmal soll die BHT der Nukleus für eine Urban Tech Republic werden, einen Forschungs- und Industriepark im Terminal. Doch große Pläne halten manchmal nur bis zur nächsten großen Krise. Elmar Schütze


2. Berlins 29-Euro-Ticket für BVG und S-Bahn

Fahrgäste profitieren vom 29-Euro-Ticket.
Fahrgäste profitieren vom 29-Euro-Ticket.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das beliebte bundesweite 9-Euro-Ticket lief Ende August aus. Bund und Länder stritten sich lange um eine Nachfolgelösung. Es folgte ein Hin und Her um die Finanzierung und die richtige Idee. Doch anstatt sich im Zoff zu verlieren, schaffte Berlin ungewohnt schnell eine Lösung für sich. Der Senat einigte sich auf das 29-Euro-Ticket, das seit Oktober verfügbar ist. Es gilt zwar nur für den AB-Bereich, ist aber immer noch deutlich günstiger als eine normale Monatsfahrkarte.

Franziska Giffey (SPD) nutzt dieses Thema geschickt für sich, kann es gut verkaufen. Eigentlich sollte Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) sich jetzt damit in Szene setzen. Doch es ist Giffey, die brilliert. Als sich Vertreter des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) Ende September gegen das 29-Euro-Ticket stellten, telefonierte sie mit den Kritikern. Und überzeugte sie am Ende. Das 29-Euro-Ticket ist ein voller Erfolg. Es wurde jetzt bis Ende April verlängert. 

Ein Problem wurde schnell beseitigt: Das Ticket ist eigentlich kein Ticket, sondern ein Abo-Rabatt-Angebot. Wer es will, muss ein Jahresabo abschließen. Dem Vorwurf, man würde jetzt die Berliner so in eine Abo-Falle locken, begegnete der Senat ebenfalls mit ungewohnter Geschwindigkeit. Für Neukunden gibt es ein Sonderkündigungsrecht und somit keine besonderen Fristen. Sie können das Ticket bis Ende April jederzeit zum Monatsende kündigen. Für die meisten Berliner erweist es sich als echte Entlastung und die BVG verkauft Abos ohne Ende. Wenn jetzt noch alle Busse und Bahnen verlässlich fahren würden ... Christian Gehrke


3. Die Rückkehr des Theaterlebens

Berliner Theatertreffen im großen Saal im Haus der Berliner Festspiele. 
Berliner Theatertreffen im großen Saal im Haus der Berliner Festspiele. dpa/Monika Skolimowska

Kann man es als Höhepunkt des vergangenen Theaterjahres werten, dass immerhin kein Haus geschlossen wurde? Wenn man bedenkt, welchen Belastungen der Betrieb durch die Corona-Pandemie ausgesetzt war, ist das allerdings ein Erfolg. Wer hätte vorher gedacht, dass man mit diesen trägen Hochleistungsbetrieben mehr oder weniger unbeschadet durch eine solche Krise steuern kann. Dank der Kurzarbeit-Regelung wurden die Häuser in die Lage versetzt, finanziell zu überstehen (man munkelt sogar, dass dadurch so mancher die Gelegenheit zur Sanierung der Finanzen bekam). 2022 war nun das Jahr, in dem die Theater wieder öffneten, in dem die Maskenpflicht und das Abstandsgebot fielen. Die Belüftungsanlagen waren justiert, Wege markiert, kontaktlose Ticketsysteme implementiert – jetzt musste nur noch das Publikum zurückkehren.   

Anders als in anderen Bundesländern scheint das in Berlin – Zahlen liegen noch nicht vor – kein Problem zu sein. Mal abgesehen von der Volksbühne, die in der zweiten René-Pollesch-Spielzeit noch immer ihr Repertoire aufbaut und neben Corona noch ganz andere Verheerungen auszubaden hat, sind die Theater voll. Dabei lief der Vorverkauf jeweils ziemlich schleppend an, weil man nicht wissen konnte, ob man selbst oder die Begleitung krank sein würden. Öfter als vor der Krise fiel die Entscheidung für einen Theaterbesuch spontan. Das könnte zur Folge haben, dass sich mehr junges Publikum im Saal wiederfand und vielleicht der eine oder andere neue Zuschauer gewonnen werden konnte. Demnach müsste es 2023 noch schwerer werden, Theaterkarten zu bekommen. Ulrich Seidler