Nichts als Beton: das Haus in der Dönhoffstraße Nummer 38.
Foto: Kulturring in Berlin e.V.

Berlin-KarlshorstWenn das keine gute Tarnung war: Von außen war die Adresse ein braves Landhaus, mitten im Vorstadtidyll von Karlshorst gelegen und sogar etwas verschnörkelt. So, wie ein Neubau im Jahr 1901 eben auszusehen hatte. Innen jedoch war dies ein Laboratorium für eine echte Revolution im Bauwesen, man experimentierte mit neuem Zement, zugfestem Beton sowie Fertigteilen.

Der „Verein deutscher Portland-Cement-Fabrikanten“ ließ es bauen, es war Laborgebäude und Werbefläche für die Industrie zugleich. Man wollte zeigen, was geht. Alle Ornamente und Friese, Fensterlaibungen und überhaupt sämtliche Fassadenplatten sind aus Kunststein.

Labor der Bauwirtschaft

Bis heute steht der wuchtige, blassgelb- und rosafarbene Bau an der Dönhoffstraße nahe dem Karlshorster Bahnhof. Eine Denkmalplakette gibt es am Eingang, mehr nicht. Unten im Haupthaus hat eine Schüler-Nachhilfe ihren Sitz, es gibt Wohnungen und Praxen, außerdem findet in einem Saal in der Beletage regelmäßig eine weitere Art von Lebenshilfe statt. Ein Berliner Arzt, dem das Anwesen gehört, bietet Seminare der von ihm gegründeten „innerwise academy“ an, einer alternativen Medizin.

Genau zu diesem Saal führt ein imposantes Treppenhaus, in das man auch als normaler Passant von der Straße einen Blick werfen kann. Und genau diese Treppen mit den schnörkeligen Metallgeländern sind eben nicht aus knarzenden Holzkonstruktionen, wie man es woanders erwarten würde, sondern auch aus Beton. Wie alles im Haus.

Prüfung des Zements

Die meisten Bauteile wurden einst aus einem Zementwerk in Ulm mit der Eisenbahn herangeschafft. So hatten es frühere Besitzer des Hauses herausgefunden. Sie hatten in den 2000er-Jahren das Beton-Kuriosum gekauft und saniert. Als sie von der Historie erfuhren, recherchierten sie in Archiven. So kam zutage, dass das Laboratorium bis zum Zweiten Weltkrieg sogar eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen der deutschen Bauwirtschaft gewesen war.

Und beim Bau dieser Vorzeige-Adresse in Berlin kam es den Ingenieuren offenbar vor allem darauf an, den kaiserzeitlichen Schmock und Stuck besonders gut zu imitieren – also waren sie sehr stolz auf all diesen Zierrat, stand in alten Berichten. Den präsentierten sie allen Gästen als erstes.

In einem Anbau im Hof dagegen fand einst die harte Prüfarbeit statt, in großen Mahlwerken des Zement-Zentrums. Der Portlandzement, der ursprünglich aus England stammte, wurde bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland hergestellt und galt seither als erste Wahl. 159 Fabriken gab es bis zum Jahr 1900 im Deutschen Reich. Für deren Produkte mussten nun eindeutige Qualitätskriterien und Standards entwickelt werden, das war die eigentliche Aufgabe in Karlshorst.