Berlin - Mit einem leichten Lächeln kauert Robert Riedel vor einer großen Rolle aus gepresstem Heu. Steht er daneben, ist sie fast so groß ist wie er selbst. „Das ist der teuerste Strohballen Berlins“, sagt er mit grimmigem Stolz. Der Ballen ist sein Eigentum und liegt auf seinem eigenen Grundstück. Dennoch ist es illegal, was Robert Riedel hier tut. Seit fünf Jahren gehört ihm das gut 8000 Quadratmeter große Grundstück in Kaulsdorf, direkt an der Bundesstraße 5. Nutzen darf er es nicht.

Villa, Kohlen, Obstbäume

Einst stand auf dem Grund eine schöne Villa, umgeben von einer terrassenförmig angelegten Obstbaumplantage. Doch das ist lange her. Zu DDR-Zeiten lagen Schutt und Kohlen vom Kaulsdorfer Krankenhaus. Auf dem Gelände steht noch heute ein Bauwagen, in dem die Arbeiter Mittagspause machten, wenn es draußen kalt war. „Für uns Kinder war es eine Mutprobe, hier über den Zaun zu klettern“, sagt Riedel, der in Kaulsdorf aufgewachsen ist. Von den Obstbäumen klauten sie im Sommer die Äpfel. Nach der Wende verfiel das Grundstück, niemand interessierte sich dafür.

Heute sieht es dort kaum anders aus als damals, doch aus der missachteten Brache ist angeblich ein Wald geworden. Und deshalb darf hier keinesfalls ein Strohballen lagern. So will es die Umweltbehörde. Robert Riedel will sein Grundstück anders nutzen und hat nun eine Menge Ärger am Hals. Dazu gehört auch ein Bußgeldbescheid über 5000 Euro, weil er den Strohballen nicht wegräumt. Vor allem aber gehören mittlerweile rund zehn Prozesse zum Leben der Familie Riedel. Prozesse, mit denen sie zu erreichen versuchen, doch noch etwas anderes mit ihrem Grundstück anfangen zu dürfen als das, was ihnen die Umweltbehörde vorschreibt.

Doch es sieht nicht gut aus für sie. Die Behörden haben das Gesetz auf ihrer Seite. Praktisch ist dabei natürlich, dass sie selbst es sind, die das Gesetz auslegen. „Ich war so naiv damals“, sagt Robert Riedel, „Ich dachte wirklich, wenn man sich miteinander unterhält, findet man schon eine Lösung. Aber den Behörden ging es nur darum, mich hinzuhalten.“ Mit „Behörden“ meint Riedel die Senatsverwaltung für Umwelt und das Umweltamt des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Man kann heute nicht mehr sagen, in welcher Amtsstube die Idee mit dem Wald geboren wurde. Es ist auch egal, denn beide Behörden arbeiten bei diesem Thema seit Jahren vorbildlich, effizient und fleißig zusammen. Schade nur, dass Familie Riedel dabei grundsätzlich den Kürzeren zieht.

Die Berliner Zeitung hat bereits mehrfach über Robert Riedel und seinen Fall berichtet. Offizielle Reaktionen kamen bisher nicht. Viele Leser haben sich gemeldet und in ihren Briefen nachgefragt, wie es sein kann, dass zwei Behörden einen Privatmann derart schikanieren. Eine Antwort darauf gibt es nicht. Aber eine Vermutung: Die Behörden handeln so, weil sie es können. Und weil es keine Politiker gibt, die ihnen auf die Finger sehen.

Wie berichtet, hat alles mit einer Grundstücksauktion im Dezember 2011 begonnen. Riedel ersteigert das rund 8000 Quadratmeter große Grundstück Alt-Kaulsdorf 74-78. Das Grundstück ist günstig, 27.000 Euro soll es kosten. Riedel wundert sich, dass der Bezirk nicht von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch macht, schließlich hat das Gelände einen wunderbaren Ausblick auf die Kaulsdorfer Seen. Doch im Bezirksamt weiß man ja schon, was kommt. Riedel jedoch fällt aus allen Wolken, als er ein paar Wochen später zufällig in der Zeitung liest, dass der Barnimhang unter Landschaftschutz gestellt werden soll. Sein neues Grundstück, auf dem ein Biobauernhof mit Lehrgärtnerei entstehen soll, gehört mit dazu. Der 52-Jährige setzt sich sofort mit den zuständigen Behörden in Verbindung.

Biobauernhof nie ernsthaft in Erwägung gezogen

Parallel dazu versucht er den Kauf des Grundstückes rückgängig zu machen. Das ist wichtig zu wissen, weil sich im Zuge des langjährigen Rechtsstreites hartnäckig die Auffassung hält, dass Riedel wusste, dass er ein geschütztes Grundstück kauft. Die Rückabwicklung scheitert jedoch, weil die Verkäuferin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) ebenfalls nichts von der Unter-Schutz-Stellung wusste und auf dem Verkauf beharrt. Sie schreibt Riedel, dass man auch Grundstücke im Schutzgebiet bewirtschaften kann. Er versucht nun, Unterstützung für sein Projekt vom Biobauernhof zu bekommen. Er reicht Projektanträge ein und wartet monatelang auf Genehmigungen.

Heute weiß Riedel, dass sein Biobauernhof bei den Behörden nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Für beide Verwaltungen, Senat und Bezirk, kommt von Anfang an nur eine Nutzung in Frage, nämlich die als Wald.

Bisher gibt es auf dem Gelände aber nur eine verwilderte Obstbaumplantage. Diese Bäume möchte Riedel erhalten und für seine Landwirtschaft nutzbar machen. „Ich will jeden einzelnen Baum erhalten, der gesund ist“, sagt er. Obstbäume aber sind kein Wald, so steht es im Berliner Waldgesetz und das weiß natürlich auch die Behörde. Deshalb sollen sie weg und Riedel stattdessen einen Eichenwald aufforsten, genauer gesagt, einen „Traubeneichen-Hainbuchenwald“. Es ist absurd: Ausgerechnet die Berliner Forsten fordern die Rodung von Bäumen, während der Besitzer sie erhalten will.

Auf dem Papier ging die Waldwerdung schneller. Zwar gibt es bis heute kein offizielles Gutachten oder gar einen Bescheid, doch die Senatsverwaltung schuf an anderer Stelle Fakten. Weil die Nutzungsart des Geländes im Grundbuch als „Gebäude- und Freifläche“ eingetragen war, wies die Senatsverwaltung den Bezirk im Mai 2015 an, dies zu ändern. Binnen Stunden wurde daraus auf dem Papier ein „Wald“. Dagegen zog Riedel im Januar vors Berliner Verwaltungsgericht – und verlor aus formalen Gründen: „Die Mitteilung der Nutzungsart hat keine Indizwirkung für die bauplanungs- und bauordnungsrechtliche Zulässigkeit einer Nutzung“, heißt es im Urteil (VG 13 K 243.15).

Anfragen verlaufen im Sand

Zu deutsch: Da es keine rechtliche Bindung hat, was im Kataster unter der Rubrik „Nutzungsart“ eingetragen ist, muss der fragwürdige Verwaltungsakt nicht rückgängig gemacht werden. Für die Senatsverwaltung ein doppelter Sieg. In der Beantwortung einer großen Anfrage des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier verwies sie auf das Urteil und erklärte zudem, dass man mit der Änderung im Kataster eine „fehlerhafte Feststellung“ des öffentlich bestellten Vermessungsingenieurs korrigiert habe. Welcher Politiker weiß schon, dass diese Eintragung rechtlich belanglos ist? Und die „fehlerhafte Feststellung“ eine Einschätzung der Behörde?

So ähnlich läuft es mit allen Anfragen, die Politiker und Bezirksverordnete stellen. Sie werden von den immer gleichen Sachbearbeitern beantwortet, die in die Materie gut eingearbeitet sind, auf das Landeswaldgesetz verweisen, auf das öffentliche Interesse und erklären, dass man nichts machen könne.

Drei verschiedene Senatoren waren in den vergangenen Jahren für die Berliner Forsten zuständig, auch im Bezirk wechselte der zuständige Bezirksstadtrat. Da hält man sich lieber bedeckt, verweist auf die Rechtslage und Prozesse. Die Materie ist zu kompliziert und der Fall dann auch zu klein, um sich mit der eigenen Verwaltung anzulegen.

Familie Riedel investiert derweil weiter ihr Geld in Prozesse. Wegen des Strohballens müssen sie im April vor Gericht.