Anna Poplenkina und Aykut Erikli sitzen auf der Bank und schauen in die helle Mittagssonne. Die beiden sind Anfang 20, kein Paar, sondern nur befreundet, und sind die Einzigen auf dem luxuriösen Sportareal: Klettergerüst, Tartanboden und Trampolinnetzen – alles ist brandneu. Die Wiese ringsherum leuchtet in einem derart sattem Grün, dass niemand ahnt, dass Berlin gerade den trockensten Sommer seit mehr als 100 Jahren erlebt hat. Anna und Aykut stehen auf und laufen hinüber zur Tischtennisplatte. Im Hintergrund ragt eines der zahlreichen Hochhäuser der Gropiusstadt in die Höhe.

Die ruhige Idylle von Annas und Aykuts Mittagspause ist nicht das, was die meisten Berliner mit Großsiedlungen wie der Gropiusstadt verbinden: Eher den sozialen Brennpunkt, wo Christiane F. drogenabhängig wurde oder Sido mit Gangsterrap zum „schlechten Vorbild“. Die Gropiusstadt entstand damals aus Visionen von moderner Architektur und viel Wohnraum für viele Menschen. Sie wurde in den 60ern von dem weltbekannten Architekten Walter Gropius konzipiert. Doch wie steht es heute um diese Hochhaus-Siedlung? Ist der schlechte Ruf doch gerechtfertigt? Oder ist sie unterschätzt?

Bausenator Andreas Geisel (SPD) spricht zu Anwohnern in der Gropiusstadt.
Emmanuele Contini
Bausenator Andreas Geisel (SPD) spricht zu Anwohnern in der Gropiusstadt.

Politik und Mitwirkende machen sich ein Bild vor Ort

Anna und Aykut bekommen Gesellschaft von einer Gruppe, die mit Kopfhörern im Ohr über die Wiese stapft. Angeführt wird diese von Andreas Geisel (SPD), Berlins Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Zusammen mit der Staatssekretärin Ülker Radzwill besucht der Senator die Gropiusstadt, um sich über Wohnsituation und sozialen Zusammenhalt zu informieren. Und er will auch über sein eigenes Engagement hier im Kiez aufklären. Vor Ort ist außerdem der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Neukölln, Jochen Biedermann. Dieser testet erst einmal die neuen Trampolin-Netze selbst aus und hüpft begeistert. Degewo und Quartiermanagement sind auch dabei.

Einwohner am Balkon in einem Hochhaus in der Gropiusstadt.
Emmanuele Contini
Einwohner am Balkon in einem Hochhaus in der Gropiusstadt.

Der Rundgang diene dazu, heißt es, Vorurteile über Hochhaussiedlungen zu widerlegen. „Die Presse hat immer schlecht darüber geschrieben“, sagt Jutta Weissbecker, „aber die Bewohner haben sich immer richtig wohl gefühlt.“ Weissbecker arbeitet mit 79 Jahren immer noch ehrenamtlich für die Gropiusstädter Bewohner*innenvertretung. Sie sagt, sie macht es: „Weil ich die Gropiusstadt so liebe.“

Für einen Glühwein fährt hier niemand zum Gendarmenmarkt

Anna Poplenkina ist erst seit einem Monat hier in Berlin-Gropiusstadt und kommt ursprünglich aus Kaiserslautern. Für die Grundschul-Referendarin war es ein ziemlicher Schock hierherzuziehen. „Tatsächlich hatte ich echt Angst am Anfang, zum Beispiel abends rauszugehen.“ Aber mit der Zeit sei es besser geworden. Ihr Wohnhaus kam ihr erst sehr anonym vor, bis sie Aykut Erikli kennenlernte, der aus Istanbul für seinen Master nach Berlin gezogen ist. Angst mache ihr eher das Image der Stadt. „Wenn man tatsächlich hier lebt, dann ist es friedlich und schön“, sagt sie. „Man sieht auch viele Familien, Kinder und alte Leute.“

Cindy Adjei, Karin Korte, Wolfgang Hecht der BVV Neukölln und Mitglied im Abgeordnetenhaus Marcel Hopp (v. l.) posieren für ein Bild während eines Presserundgangs mit Bausenator Andreas Geisel (SPD) in der Gropiusstadt.
Emmanuele Contini
Cindy Adjei, Karin Korte, Wolfgang Hecht der BVV Neukölln und Mitglied im Abgeordnetenhaus Marcel Hopp (v. l.) posieren für ein Bild während eines Presserundgangs mit Bausenator Andreas Geisel (SPD) in der Gropiusstadt.

Laut Andreas Geisel wurden bereits viele Maßnahmen eingeführt, um Großsiedlungen zu stärken. Wenn viele Menschen auf geringen Raum zusammenleben, so entstünden automatisch Probleme. Studien haben gezeigt, um ein gutes Miteinander zu schaffen, braucht es ausreichend Grünflächen, Kinderspielplätze und Veranstaltungen für die Gemeinschaft. Das wollte Geisel hier umsetzen. Berühmt unter den Gropiusstädtern sei laut Jutta Weissbecker beispielsweise der „Naschmarkt“, ein Weihnachtsmarkt zwischen den Hochhäusern. Kein Gropiusstädter fahre ihr zufolge für einen Glühwein zum Gendarmenmarkt.

Die Stadttour startet am Gemeinschaftshaus, U-Bahnhof Lipschitzallee, und führt am Lipschitz-Springbrunnen, mehreren Spiel- und Sportplätzen vorbei sowie durch einen weitläufigen Park. Hier sind mehrere Neubauten der Degewo entstanden. „Die Menschen, die im 11. Stock wohnen, sehen ein ganz anderes Berlin als wir hier unten“, so Thorsten Vorberg-Begrich vom Quartiersmanagement. Karina Korte, Bezirksstadträtin für Bildung in Berlin-Neukölln (SPD) weist auf die Wichtigkeit von Bildung für den Stadtteil hin: „Neben Förderungsmaßnahmen für Schulen und Kitas“, sagt sie, „ist auch eine gute Anbindung an die Innenstadt wichtig.“ Die Tour endet nicht zufällig bei einer Bildungsstätte: dem Campus Efeuweg, ein gemeinsames Areal verschiedener Bildungsstätten.

Die Kinder spielen gerade draußen auf dem Schulhof, ihre fröhliche Stimmung ist ansteckend. Andreas Geisel will heute besonders auf die positiven Seiten hinweisen – und das, was schon erreicht wurde. Doch die Anwohner sprechen Geisel an und erinnern ihn an die bestehenden Probleme im Bezirk. Gökmen Öztürk beschwert sich über die steigenden Energiepreise. „Die Leute hier können nichts mehr bezahlen!“, ruft er. Andreas Geisel antwortet, er fordere bereits vom Bund mehr Schutz für Mieter, damit diese nicht ihre Wohnungen verlieren. Geisel wörtlich: „Die Zeit wird uns so oder so alle durchrütteln.“ Er selbst möchte sich die steigenden Energiepreise auch zur Aufgabe machen. Konkreter wird er allerdings nicht.

Neben neuen Sorgen über steigende Energiepreise gibt es altbekannten Ärger über die Müllsituation

Auch Elvira Weimann, eine ältere Anwohnerin, lässt ihrem Ärger über das Müllproblem der Gropiusstadt freien Lauf: „Das ist unerträglich“, schimpft sie. „Manche Bürger fangen schon an, den Müll von Fremden selbst wegzuräumen.“ Hätte sie eine dieser Greifzangen, würde sie dabei mithelfen. Auch die Gropius-Beauftragte Jutta Weissbecker kennt die Aufräumaktionen und hilft selbst mit. Es sei eine mühselige Aufgabe, weil viel Müll im Gestrüpp lande.

Hochhäuser am Rand vom Park am Vogelwäldchen.
Emmanuele Contini
Hochhäuser am Rand vom Park am Vogelwäldchen.

Ab diesem September soll ein neues Programm in Gropiusstadt starten: „Sauberkeit und Sicherheitsempfinden in Großsiedlungen“. Dafür sollen 2 Millionen Euro in sieben ausgewählte Großsiedlungen Berlins fließen, die Gropiusstadt ist eine davon. So soll Müll vermieden und die Umwelt mehr geschützt werden. Außerdem soll das Sicherheitsempfinden der Bürger im öffentlichen Raum erhöht werden. Konkrete Maßnahmen sind schon geplant: Die Beleuchtung von Müllplätzen soll verbessert werden und es sollen mehr „Kümmerer und Netzwerker vor Ort“ eingestellt werden.

Die meisten Bewohner, auf die die Politiker während ihrer Stadttour treffen, fühlen sich bereits wohl in der Siedlung. Die Studenten Anna und Aykut zum Beispiel, aber auch die Mutter Dilan S., die mit ihrem zweijährigen Sohn Dogan unterwegs ist. Sie lebe gern hier, sagt sie. „Vorher habe ich in Kreuzberg gewohnt, da war es nicht nur schmutziger, sondern ich habe mich auch abends unsicherer gefühlt.“ Wegziehen wolle sie erst mal nicht, auch wenn sie in Kreuzberg, wo sie einen Späti mit ihrem Mann betreibt, auch leben könnte.

Der Berliner Rapper Crystal F singt im Song „Hausbesuch“ über die Gropiusstadt: „Das Leben ist ein Spiel und du wirst umgebracht für Spielgeld.“ Doch dieses Viertel arbeitet hart daran, das Image hinter sich zu lassen. Hier leben 36.000 Menschen, sie gründen Bürgerinitiativen, Nachbarschaftsgruppen, aber sie alle brauchen auch Unterstützung. Das macht die Stadttour an diesem Tag im Herbst 2022 deutlich. Andreas Geisel steht am Ende vor einer Schule, schaut in den herbstlichen Himmel und sagt einen Satz, der zwar voller Elan ist, aber an der Realität doch noch vorbeischießt. Aber vielleicht sollte man ihn doch einfach einmal aufschreiben: „Die Stadt der Zukunft, sie funktioniert jetzt schon hier in der Gropiusstadt.“

Dilan S. und ihr Sohn Dogan leben gerne in der Gropiusstadt.
Emmanuele Contini
Dilan S. und ihr Sohn Dogan leben gerne in der Gropiusstadt.