„Letzte Generation“: Müssen sich Konzerthäuser auf Klebe-Aktionen einstellen?

Aktivisten klebten in der Hamburger Elbphilharmonie. Berlins Konzerthäuser planen noch keine neuen Sicherheitsmaßnahmen, würden Aktivisten aber zur Kasse bitten.

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt
Das Konzerthaus am Gendarmenmarktimago/Rolf Kremming

Am Mittwochabend erscheint auf Twitter ein Video, in dem allein der Ton schnell klar macht, worum es geht. Es ist in der Hamburger Elbphilharmonie aufgenommen. Man sieht Musiker der Sächsischen Staatskapelle auf der Bühne, gleich sollen sie das Konzert für Violine und Orchester von Ludwig van Beethoven und die erste Sinfonie von Johannes Brahms spielen. Plötzlich erscheinen zwei junge Menschen in orangefarbenen Warnwesten, steigen zum Dirigentenpult hinauf – und kleben sich mit Sekundenkleber an das Podium.

In einem Crescendo rufen Menschen aus dem Publikum „oh Gott, nein“, „raus“ oder buhen. Die Musiker schauen sich um und schlurfen unbeholfen auf ihren Plätzen herum; sie wissen nicht, was sie tun sollen. Es ist eine neue Aktionsform der Klimaaktivisten der „Letzten Generation“. Nach Sitzblockaden auf Straßen und Autobahnen sowie Aktionen in Kunstgalerien, bei denen etwa ein Gemälde von Monet im Potsdamer Museum Barberini mit Kartoffelbrei beworfen wurde, nehmen die Aktivisten jetzt offenbar andere Kulturhäuser ins Visier, um Druck für ihr Anliegen zu machen.

„Genau wie es nur ein Geigenkonzert von Beethoven gibt, haben wir auch nur diesen einen Planeten“, sagt eine der zwei Aktivistinnen in einem zuvor gefilmten Abschnitt des Videos. Es werde auch keine Elbphilharmonie mehr geben, in der man seine Musik spielen kann, wenn Hamburg unter Wasser stehe.

Schließlich konnte dort am Mittwochabend doch noch musiziert werden: Der NDR berichtet, ein Mitarbeiter des Orchesters habe kurzerhand eine Verbindungsstange im Dirigentenpult gelöst und die beiden Aktivistinnen aus dem Saal befördert. Das Konzert konnte wie geplant weitergehen, die Aktivistinnen wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Doch ihre Aktion klingt wie ein neuer Takt im Repertoire der „Letzten Generation“ – müssen sich Konzerthäuser darauf einstellen, zur Bühne für die Klima-Proteste zu werden? Wie bereiten sie sich darauf vor?

Eine Sprecherin der Berliner Philharmonie sagt, man wolle auch nach der Aktion in Hamburg zunächst keine neuen Kontrollmaßnahmen einführen, etwa eine gründliche Taschenkontrolle am Eingang. „Das wären völlig überzogene Maßnahmen, die wir eigentlich niemandem zumuten wollen“, sagt sie. Schließlich würde auch der Rest des Publikums darunter leiden, wenn es aufgrund des Risikos einer solchen Protestaktion zu langen Warte- und Kontrollzeiten kommen würde.

Ein Konzert in der Berliner Philharmonie
Ein Konzert in der Berliner PhilharmonieBerliner Zeitung/Markus Wächter

Problematisch wäre für Konzerthäuser wie die Berliner Philharmonie aber auch, wenn es durch eine lange Verspätung oder gar eine Absage eines geplanten Konzerts zu Regressansprüchen käme, Karten erstattet werden müssten oder Einnahmen für Künstler ausfallen würden. Im Falle eines abgesagten Konzerts im Großen Saal der Berliner Philharmonie könnte man mit einem fünfstelligen Betrag rechnen, so die Sprecherin. Die Philharmonie würde versuchen, die Kosten im Falle eines abgesagten Konzerts oder einer schweren Sachbeschädigung von den Aktivisten zurückzufordern.

Kulturverwaltung: „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“

Auch ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Kultur betont vor allem die finanzielle Belastung, die Konzert- und Kulturhäusern durch solche Aktionen drohten. Umfangreiche Sicherungs- und Sicherheitsmaßnahmen könnten zu einer Erhöhung der Eintrittskosten führen, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Berliner Zeitung. „Das ist etwas, was wir nicht wollen: Höherer Eintritt bedeutet gerade in der jetzigen Zeit für viele Menschen eine zusätzliche Hürde, um an Kultur teilzuhaben“, so der Sprecher. Abgesehen von den Kosten, könne man aber nicht jede Aktion verhindern: „Wer wirklich solche Übergriffe gegen Kunstwerke oder Kultureinrichtungen begehen will, wird leider immer einen Weg finden.“

Die Kulturverwaltung erkenne die Klimakrise zwar als „eines der dringlichsten Anliegen unserer Zeit“ – und spiegelt damit das Anliegen der „Letzten Generation“. „Der Zweck heiligt jedoch nicht die Mittel“, sagt der Sprecher. Das „In-Kauf-Nehmen von Schäden an wertvollem Kulturgut“ sei kontraproduktiv, das Gefährden der Kunst verantwortungslos. Und es sei vor allem falsch, auf diesem Weg ein notwendiges verantwortliches Handeln von der Politik zu fordern. „Zu hoffen ist, dass es bei der ‚Letzten Generation‘ zu Reflexionen kommt, sie ihr Handeln überdenken und Formen des Protestes finden, die ohne die Gefährdung von Kulturgut auskommt.“

Auch eine Sprecherin des Konzerthauses am Gendarmenmarkt reagiert mit Verständnis auf das Anliegen, das hinter dem Protest in der Elbphilharmonie steckt. „Wir leben inmitten der Klimakrise. Aktionen, die Missstände im Umgang mit der Krise aufzeigen, müssen und sollen in einer meinungsfreien und demokratischen Gesellschaft möglich sein“, teilt sie auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. Auch das Konzerthaus Berlin werde auf den Vorfall in Hamburg nicht mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen reagieren: „Da es sich um eine gewaltfreie, aktivistische Aktion handelte, sehen wir keine persönliche oder körperliche Gefahr für unsere Besucher:innen.“

„Das ist eine ganz andere Nummer als eine Bedrohung“

Aktivisten der „Letzten Generation“ haben bereits anderswo Konzerte gestört, um ihre Botschaft zu verbreiten, allerdings nicht mit Sekundenkleber. Anfang des Monats unterbrachen drei Klimaaktivisten ein Konzert im Concertgebouw in Amsterdam, in dem sie aufstanden und Parolen über die drohende Klimakrise skandalierten. Schließlich wurden sie von anderen Zuschauern aus dem Saal geschleppt. Eine solche Aktion sieht die Sprecherin der Berliner Philharmonie lockerer als eine mit Klebstoff. „So was findet halt statt“, sagt sie. „Es ist in dem Moment für einige Leute störend, verhindert aber nicht das gesamte Konzert.“

Sprecher mehrerer Berliner Veranstaltungsorte antworteten auf die Anfrage der Berliner Zeitung, sie wären überrascht von einer solchen Aktion der „Letzten Generation“ in ihrem Haus. Man solle aber die Namen der Bühne nicht im Beitrag zu diesem Thema erwähnen, vorsichtshalber. „Wir klopfen einfach auf Holz, dass da weiterhin nichts passiert“, sagt eine Sprecherin. „Wir wollen ja keine Kontrollen wie im Flughafen, haben auch das Personal für so was nicht. Und wenn es auch so ein gewaltfreier Protest ist, dann ist das eine ganz andere Nummer als eine Bedrohung.“