Ich komme mit dem Generationen-Geklingel nicht mehr klar. Was da in den Medien alles an Begriffen durcheinanderpurzelt: die Boomer, die 68er, die 89er, die Millennials, die Post-Millennials, die Generationen Golf und Greta, die Generationen X, Y, Z und Alpha. Ständig scheint es neue Generations-Bezeichnungen zu geben. Heerscharen von Soziologen, Jugendforschern und Marketingleuten toben sich aus.

Ich frage mich: Gab’s das früher auch schon? Stand im Mittelalter ein Ur-Berliner Soziologe herum und erklärte: „Der Typ da drüben jehört zur Jeneration Kreuzzuch. Der stinkt wie’n janzet Ritterheer, das sich drei Jahre nich jewaschen hat.“ Oder: „Da steht jemand von der Jeneration ‚Pestratte‘. Der hat’n Knacks. Eijentlich jeht der jar nich mehr aus’m Haus seit der Pest von Dreizehnsiemundfuffzich, und wenn, dann malt er lauter Kreuze anne Türen. Die vielen kleenen Post-Pest-Boomer hopsen um ihn herum und machen sich lustich.“

Telefonzelle und Smartphone, Landkarte und Google Maps

Während mein Opa – Jahrgang 1904 – offenbar zur soziologisch nicht erfassten „Generation Arschkarte“ gehörte (zwei Weltkriege, Notzeiten, Inflation, Trümmerwüste Berlin), bin ich Angehöriger der sogenannten Boomer, die von 1946 bis 1964 geboren wurden. Inhaltlich sagt das nicht viel aus, außer, dass wir viele waren. Wenn ich mich heute selbst einordnen müsste, würde ich mich eher als Generation „Hybrid-Saurier“ sehen.

Saurier, weil ich sooo alt bin, die grauen Vorzeiten noch kenne, mit Bleisatz und Telefonzellen. Hybrid, weil ich außerdem mit Computer und Smartphone umgehen kann. Während aber jüngere Leute oft den Weg zum Bäcker ohne Google-Maps nicht mehr finden, könnte ich mich mit Landkarte und Kompass – bei den jungen Pionieren gelernt – bis zu den Lofoten durchschlagen, falls die Spreizfußeinlagen so lange halten und zwischendurch immer mal wieder ein Floß bereitsteht.

Der Boomer ist schuld: die Lausitz verheizt, den Harz versauert

Ganz blöd finde ich, dass manche Leute die Generationen scharf trennen oder sogar gegeneinanderhetzen: also etwa die Boomer gegen die Millennials und Post-Millennials, zu denen meine Töchter gehören. Da heißt es dann, man habe als Boomer die Welt kaputtgemacht, die Lausitz verheizt, den Harz versauert, tonnenweise Kohlendioxid in die Luft geblasen. Und die Millennials-Kinder müssten das alles ausbaden. Ja, vor allem auch die Enkel, für die schon der Begriff Generation Alpha erfunden wurde.

Eine neue Generation – und schon wird alles besser? Das ist eine Illusion. Es gibt zwar aufmüpfige Gretas, aber keine Generation Greta. Alle paar Jahre ein neues Smartphone, Flüge zum Schüleraustausch nach Australien, stundenlanges Streamen von Netflix-Serien, das volle Obstangebot im Winter – auch hinter den Gewohnheiten vieler Jüngerer stecken der geballte Kapitalismus mit Ausbeutung und Verschwendung ohne Ende. Vielleicht hat der „alte weiße Mann“ ja alles Böse erfunden: Aber raus kommen wir da nur gemeinsam. Ich fühle wie meine Töchter, liebe meine Enkelin, will eine schöne, friedliche Welt für sie.

Der Rat des Berliner Soziologen aus dem Mittelalter

Um noch mal den Berliner Soziologen aus dem Mittelalter zu zitieren: „Die Jeneration Pestratte muss mal richtich mit die kleenen Post-Pest-Boomer spielen. Die Jeneration Kreuzzuch muss sich endlich mal richtig waschen und die olle Rüstung verschrotten. Dann ham wa ne Schangse.“

Buchpremiere: Torsten Harmsen: „Berlin brummt – Geschichten aus dem Hauptstadt-Kaff“ (BeBra-Verlag), am Mittwoch, 5. Oktober 2022, 20 Uhr, im Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin.