Berlin_ Kommunikation vor 150 Jahren – Rohrpost war die Whatsapp der Kaiserzeit

"Komme heute Abend vorbei“, schrieb Fräulein Schneider aus Köpenick auf einer Postkarte morgens um zehn Uhr an den lieben Hans in Spandau. Im Jahr 1900 konnte die Dame sicher sein, dass die Kurznachricht den Adressaten rechtzeitig vor ihrem Eintreffen erreicht. Wie war das möglich? Ohne Mail, SMS, WhatsApp?

Die damaligen Ingenieure und Wirtschaftsorganisatoren waren eben „nich vom Kiez“, wie der Berliner sagte, also keine Deppen vom Fischerdorf, sondern innovative Leute in stürmisch voranschreitender Zeit. Natürlich wollten sie auch Geld verdienen – und das war staatlicherseits hocherwünscht.

Mit Luftdruck an die Zielperson

Tatsächlich ersannen und betrieben unsere Altvorderen ein erstaunliches System aus technischer Erfindung, schlauer Organisation und einem hoch ausgeprägtem Dienstleistungswillen, um Nachrichten in rasanter Geschwindigkeit von A nach B zu transportieren.

Als Turbobeschleuniger wirkte die Rohrpost: Am 18. November 1865 ging erste pneumatische, also nach dem Prinzip von Luftdruck und -sog arbeitende Verbindung zwischen Berliner Haupttelegrafenamt und Berliner Börse in Betrieb – zunächst ausschließlich für die Weiterleitung von Telegrammen. Die Bankiers waren begeistert, bekamen sie so doch umgehend die zum Beispiel aus London eingehenden neuesten Meldungen.

1.324.899 Sendungen im Eröffnungsjahr

1868 lagen bereits 18 Kilometer Rohrnetz, am 1. September 1876 begann der öffentliche Rohrpostbetrieb – in einem nunmehr auf 25,9 Kilometer ausgebauten Röhrensystem zwischen Haupt-Telegrafenamt und vierzehn Postämtern. Jetzt war es möglich geworden, Postsendungen in Stundenfrist zu befördern. Der von Werner Siemens 1846 erfundene Zeigertelegraf konnte zwar kurze Meldungen über lange Strecken übermitteln, aber auf der Kurzstrecke war die von jedermann auf einfachste Weise nutzbare Rohrpost auf Jahrzehnte unschlagbar.

Zwischen den mit Rohrpoststationen ausgestatteten Postämtern, wo man seine Sendung in spezielle Schlitze steckte oder am Schalter einlieferte, gingen von 7 bis 21 Uhr alle 15 Minuten Büchsen ab. Weil es jeweils nur ein Rohr für Hin- und Rückweg gab, regelte ein komplizierter Fahrplan die jeweiligen Absendezeiten. Solche Postämter trugen stolz entsprechende Schriftzüge und rote Laternen am Gebäude. Im Jahr der Rohrposteröffnung zischten 1.324.899 Sendungen durch die Röhren, bis zum Jahr 1883 hatte sich diese Zahl verdoppelt.

Respektsperson Briefträger

Die Zustellung in die Wohnung des Adressaten übernahm eine bedeutende Amtsperson – der Briefträger, in schmucker Uniform deutlich im Straßenbild sichtbar. Er trug Ledertaschen um den Leib geschnallt, Eilbriefe steckten in roten Lackledertaschen. Rohrpost galt vom ersten Tage an als Eilsendung. Für die Briefe und Karten galt eine Normgröße, damit sie in die Büchsen passten: 10,5 mal 14,8 Zentimeter, sehr dünnes rosa Papier, Gewicht maximal 20 Gramm.

Der Brief kostete 30 Pfennig, die Postkarte (mit aufgedruckter Marke) 25 Pfennig (das entsprach um 1900 einem Liter Bier oder einem Kilo Roggenbrot). In jenem Jahr verbanden bereits 121 Kilometer Rohrnetz 48 Postämter; etwa sieben Millionen Sendungen gingen pro Jahr ab; 1919 waren es dann 167 Kilometer und 26 Millionen Sendungen.

900 Briefträger für 800 Straßen

Elfmal pro Werktag startete jedes Postamt die Stempelaktion – in den modernen Zeiten beschleunigten Stempelmaschinen diesen Amtsvorgang: Stempel musste sein für den exakten Nachweis des schnellen Austragens, dann kurz darauf zogen die Briefträger „auf Tour“ – wie gesagt unglaubliche elfmal am Tag zwischen 7.15 Uhr und 20 Uhr, an Sonntagen fünfmal.
Auf der ersten Runde des Tages schwärmten im Jahr 1884 jeweils 900 Briefträger in die 800 Straßen und 18.310 Häuser des damaligen Berlin mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern aus.

Auf diesem Frühgang stellten sie ein Drittel des täglichen Postaufkommens zu. Für die nächsten zehn Touren genügten 500 bis 600 Austräger. Kam die Pferdebahn vorbei, sprangen die Briefträger auf, um schneller voranzukommen, schließlich war die Berliner Post bestrebt, alle Sendungen innerhalb von zwei Stunden zuzustellen. So erreichte selbst der vergessene Geburtstagsglückwunsch an den mimosenhaft empfindlichen Onkel Albert noch am selben Tage den Jubilar und verhinderte familiären Ärger.

„Jehn se den Pferdeäppeln nach”

Die Deutsche Volkszeitung stieß gewiss auf Zustimmung ihrer Leserschaft, als sie am 11. Januar 1884 lobte: „Die Berliner Postboten haben es verstanden, sich die Sympathie des Publikums in hohem Maße zu erwerben. Der Berliner Briefträger ist eine populäre Persönlichkeit und ein allgemein beliebter Mann!“

Das 1988 erschienene Buch „Berliner Post: Ereignisse und Denkwürdigkeiten seit 1237“ von Fritz Steinwasser weiß all diese Details und noch viele andere zu berichten, es liegt für jedermann zugänglich in der Bibliothek des Museums für Kommunikation in Berlin. Der Band macht auch auf die grandiosen Ungleichzeitigkeiten und Spannungen aufmerksam, die die Berliner in jenen Aufbruchsjahren auszuhalten hatten:

Während die Rohrpostkapseln mit etwa zehn Metern pro Sekunde auf unterirdischen Bahnen dahinflitzten, erhielt man oberirdisch auf die Frage „Wo gehts denn hier zur Post?“ die Antwort: „Da jehn se am besten immer den Pferdeäppeln nach.“ 1859, das war kurz vor dem Start der Rohrpost, rumpelten über die notorisch schlechten Straßen Berlins 137 Postfuhrwagen vom Hof-Postamt zu den Stadtpost-Expeditionen und Bahnhöfen.

Unkompliziert und praktisch

Der Siegeszug der schnellen, kurzen Mitteilung per Postkarte erklärt sich nicht allein durch die Vorzüge der Rohrpost. Die Postkarte funktionierte auch außerhalb dieses technischen Netzes: Sie befreite das Schreiben von allem unnötigen Ballast, sie beanspruchte keinerlei prunkvolle Titulatur oder umständliche Ehrenbezeugungen. Knappe, sachliche Fassung mit dem Zweck, Abmachungen zu treffen, sich zu verabreden, Vergessenes kurz nachzureichen – das alles erledigte man per Postkarte.

Sie diente dem augenblicklichen Zweck, für freundschaftliche, familiäre oder gesellige Mitteilungen – alles offen, für die Allgemeinheit von wenig Interesse, ohne Geheimniskrämerei. Allgemein akzeptierte Regeln untersagten Kränkungen, beleidigende Anreden, Verdächtigungen, Vorwürfe, Mahnungen, Zurechtweisungen.

Wie früher, bloß noch schneller

Die Postkarte war eines der ersten echten Massenkommunikationsmittel, und wie groß das Bedürfnis in den entstehenden, mobilen Massengesellschaften war, muss uns Heutigen niemand erklären, wir nutzen die elektronischen Mittel wie die Leute einst die Rohrpostkarte.
Ansichtskarten gehen heute per WhatsApp-Bildchen in Sekundenschnelle um die Welt.

Die besten Zeiten der Rohrpost gingen in den 1920er-Jahren zu Ende, verdrängt unter anderem durch die Allgegenwart des Direktwähl-Telefons. Nach 1945 blieben nur Einzelstrecken in Betrieb – wie bis zur Wende die zwischen der Redaktion der Berliner Zeitung am Alexanderplatz sowie ihrer Setzerei und Druckerei. In großen Kliniken wie der Charité gehen heute noch Präparate und Papiere per Luftdruck durch die Gebäude. Da spielt das System alle Stärken aus.