Berlin-Kreuzberg: 62-jährige Späti-Besitzerin verprügelt Räuber mit Gehstock

Ich brauche einen neuen Stock!, beschwert sich Nokta Halacoglu. Energisch schwingt sie den abgebrochenen Krückstock ihres Urgroßvaters durch die Luft. Die 62-Jährige hat einen Spätkauf im Erdgeschoss eines Kreuzberger Altbaus und lebt gefährlich. In ihrem Geschäft an der Mariannenstraße wurde sie in diesem Monat bereits dreimal überfallen.

Zuletzt am 19. Oktober. Gegen 16:30 Uhr hatte ein junger Mann ihren Laden betreten, wieder verlassen und war kurz danach mit gezücktem Messer zurückgekommen und hatte Geld von ihr verlangt. Die Berlinerin verprügelte den Dieb mit ihrem Gehstock. Nach drei Hieben zerbrach das hölzerne Erbstück auf dem Kopf des Mannes, der davonrannte.

Bereits der zweite Überfall

Wer Nokta Halacoglu begegnet, hält sie für eine gemütliche Rentnerin: bequeme Strickjacke, blondierte Föhnfrisur, freundliches Lächeln. Doch die Späti-Betreiberin kann auch ungemütlich werden. Vor ein paar Jahren war sie bereits ausgeraubt worden. Nach der aktuellen Überfallserie sagt sie: „Am liebsten hätte ich eine richtige Waffe.“

Da sie die nicht bekommen kann, will sie sich jetzt einen Hund und eine Überwachungskamera anschaffen. Ob sie Angst vor Räubern hat? „Nein, vor solchen Verrückten habe ich keine Angst“, sagt Nokta Halacoglu. Zur Sicherheit bleibt ab sofort einer ihrer beiden Söhne, 35 und 40 Jahre alt, bei ihr im Laden, sobald es dunkel wird. Alle in ihrer Familie sind überzeugt, dass die Täter nicht aus dem Kiez stammen: „Wir kennen hier jeden.“

Auf jeden Fall kennt Nokta Halacoglu die meisten ihrer Kunden mit Vornamen und ist mit ihnen auch per Du. Einige kommen schon so lange regelmäßig in den Spätkauf, dass sie zu Freunden wurden. Deshalb stehen immer eine Bierbank und weiße Plastikstühle vor dem „Café Nokta“. Wer auf ein Schwätzchen bleiben will, für den steht Tee im Caydanlik bereit, dem typisch türkischen Teebereiter aus zwei aufeinandergestellten Kannen.

„Mama Nokta“ ist im Mariannenkiez eine echte Institution. Sie gibt Rat, hilft bei Übersetzungen und ist gut im Kopfrechnen. Ein Stammkunde kauft Tabak und zeigt Nokta Halacoglu einen Brief von der Bank, den er nicht versteht. Halacoglu liest, überlegt eine Weile und erklärt ihm dann, dass er am Besten persönlich zur Bank gehen soll, um die Sache zu klären.

Aufgewachsen in Kreuzberg

Dabei ist sie nie zur Schule gegangen. Nokta Halacoglu wurde 1953 an der türkischen Schwarzmeerküste geboren. Als sie sechzehn war, zog sie mit ihrer Familie nach Berlin. Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter für Daimler und Siemens nach Deutschland. Die erste Wohnung fand die türkische Familie in der Görlitzer Straße in Kreuzberg. Nokta Halacoglu wohnte dort zusammen mit ihren Geschwistern, ihren Eltern und ihrem Großvater.

Später arbeitete die Deutsch-Türkin selbst für Siemens: Im Spandauer Kabelwerk war sie 26 Jahre lang Maschinenführerin. Mit Ende vierzig wurde Halacoglu Frührentnerin, doch die Rente reichte ihr nicht aus. Deshalb entschied sich die Berlinerin vor zwölf Jahren für die Selbstständigkeit und eröffnete 2003 den Spätkauf „Café Nokta“ in der Mariannenstraße. „Ich mache nicht viel Umsatz“, sagt sie über ihr Geschäft, „aber es reicht zum Leben.“

Jeden Tag öffnet Halacoglu ihren Laden vormittags um 11 Uhr und schließt ihn gegen Mitternacht, oft auch später. „Ich mache zu, wenn ich müde bin.“ Die Kreuzbergerin bietet das durchschnittliche Späti-Sortiment an: Bier, Schnaps, Sekt, Säfte, Cola, Zigaretten, Kaugummis, Schokoriegel, Chips und einiges mehr, säuberlich aufgereiht in holzfarbenen Ikea-Regalen.

Tageszeitungen und türkische Produkte will die Berlinerin nicht verkaufen: „Das ist zu viel Aufwand, steht nur rum und rentiert sich nicht.“ Dabei gibt es im „Café Nokta“ durchaus Dinge, die rumstehen. Auf einem der Regale steht ein Korb voller aufgerollter Nationalflaggen. Auf der Theke türmt sich ein Stapel Berlin-Postkarten. Unter der Decke, unerreichbar für jeden Kunden, hängen graue Berlin-T-Shirts. Wird sie nach den Ladenhütern gefragt, sagt Halacoglu: „Die kaufen die Touristen.“

Moderne türkische Familie

An der orange gestrichenen Wand über der Eingangstür hängt eine Uhr mit dem Bild von Mustafa Kemal Atatürk, dem großen Reformer der modernen Türkei. Ihre Familie sei schon immer sehr modern gewesen, betont die Späti-Betreiberin. Mit lauter Stimme ruft sie stolz durch den Laden: „Ich habe noch nie ein Kopftuch getragen!“

Nokta Halacoglu besitzt zwei Pässe, den deutschen und den türkischen. Obwohl sie seit 1969 in Berlin lebt, hat sie in dieser Woche ihre Stimme für die türkische Parlamentswahl abgegeben. Dafür ist sie mit ihrem Sohn bis an den Stadtrand gefahren, in das türkische Konsulat in der Heerstraße.

Ein großer Teil ihrer Familie lebt in der Türkei. Im November will Halacoglu ihren Spätkauf für zwei Wochen an ihren Sohn übergeben, um die Verwandten am Schwarzen Meer zu besuchen. Die Verbindung zur Heimat ist ihr sehr wichtig. So wie der Krückstock. Dass der nun kaputt ist, ärgert sie am meisten. „Ich will, dass der Räuber sich bei mir entschuldigt“, sagt sie wütend. Das ist das mindeste.