Eine schöne Idee: Auf der Bergmannstraße in Kreuzberg soll ein Paradies für Fußgänger werden, ein Wohlfühlort mit mehr Platz zum Bummeln und Sitzen. Jetzt hat für dieses Modellprojekt die Bürgerbeteiligung begonnen. Doch bei der ersten Diskussion wurde klar, dass sich offenbar nicht jeder Anlieger beglücken lassen will. Denn es steht fest, dass der Autoverkehr zurückgedrängt wird. Parkplätze werden wegfallen, sagte Jochen Ziegenhals, der das Café Atlantic betreibt. „An der Bergmannstraße gibt es 80 Gewerbetreibende. Bis auf zwei oder drei sind alle gegen diesen Plan.“

In der Alten Zollgarage des Flughafens Tempelhof, wo am Dienstagabend diskutiert wurde, erfuhren die Planer, dass sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Autofahrern schwant, dass die Parkplatzsuche künftig länger dauert – und machten ihrem Ärger Luft.

Tempo 20 und weniger Parkplätze

Es drohe eine „unzumutbare Situation“, klagte ein älterer Anwohner. „Ich bin hell entsetzt.“ Jemand anders schrieb auf ein Meinungskärtchen: „Kann es nicht so bleiben, wie es ist?“ Der stellvertretende SPD-Bürgerdeputierte Asad Mahrad stellte den Planern die rhetorische Frage: „Haben Sie einen Tipp, wie man das Ganze stoppen kann?“ Und der Café-Chef Jochen Ziegenhals hatte den Eindruck, dass die Grundsatzentscheidungen längst gefallen seien. „Die Bürgerbeteiligung soll sich darauf beschränken, wo Blumentöpfe hinkommen,“ sagte er.

Unrecht hatte er nicht. Denn Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) bestätigte, dass die Bezirksverordnetenversammlung die wesentlichen Neuerungen schon beschlossen hat: Auf der Bergmannstraße wird Tempo 20 eingeführt, die Fahrbahn schmaler. Die Straße wird eine Begegnungszone – so der offizielle Begriff für den Schonraum für Fußgänger, der dort 2017 nach Schweizer Vorbild entsteht. Der Planungsbereich ist einen halben Kilometer lang, er führt vom Mehringdamm zur Friesenstraße. Panhoff: „Es geht um die Verlangsamung des Verkehrs“ – und auch darum, dass der Fahrzeugverkehr abnehmen soll.

In der ersten Berliner Begegnungszone, die am 5. Oktober auf dem Südteil der Maaßenstraße in Schöneberg freigegeben wird, ist kein Parkplatz übrig geblieben. Auf der Bergmannstraße werde es weiterhin Stellflächen geben, beruhigte Horst Wohlfarth von Alm, Referatsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Doch an einigen Stellen wird es nötig sein, Sichtbeziehungen frei zu räumen“– damit Fußgänger besser gesehen werden.

Die Planer ließen durchblicken, dass sie die Interessen der Autofahrer für nachrangig halten. Mehr Platz und mehr Sicherheit für Fußgänger sowie Radler: Das halten sie für angemessen. Schließlich spiele der Autoverkehr im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle. Lediglich 17 Prozent der Wege würden per Auto zurückgelegt. Auch die Daten für die Bergmannstraße sprächen dafür. Dort seien tagsüber innerhalb von zwölf Stunden 6 500 Kraftfahrzeuge gezählt worden – aber auch 5 800 Radler, 8 900 Fußgänger auf Gehwegen sowie 1 550 Fußgänger beim Queren der Straße. Ganz klar: Dies ist die Mehrheit.

„Kann es nicht so bleiben?“

„Wir haben kein Parkproblem“, fügte Eckhart Heinrichs vom Planungsbüro LK Argus hinzu. Zusätzlich zu den 95 Stellflächen auf der Straße gibt es Platz für 111 Autos in der Tiefgarage unter dem Gesundheitszentrum. „Doch die sind fast immer leer“ – weil sie Geld kosten.

Die Planer sind sich einig: Der Platz ist zu schade, um ihn zuzustellen. „Autos parken die meiste Zeit. Es sind Steh-, keine Fahrzeuge“, hieß es. Der Platz für den fließenden Verkehr sei ebenfalls überdimensioniert, so Heinrichs: „Er ist acht bis neun Meter breit“ – für Ortsdurchfahrten von Bundesstraßen würden nur rund sechs Meter gefordert.

„Kann es nicht so bleiben, wie es ist?“ Diese Frage beantworteten auch Bürger im Raum mit Nein. „Der Fahrradverkehr braucht mehr Platz“, sagte Herbert Helle aus der Friesenstraße. Die Initiative „Leiser Bergmannkiez“ bekräftigte ihre Forderung, die Zossener Straße vor der Markthalle zu sperren, um den Durchgangsverkehr draußen zu halten. „Es wird zu viel in der zweiten Reihe geparkt“, sagte ein anderer Anwohner. Gehwege seien vollgestellt, so eine Frau. Sie forderte, die Gastronomie einzuschränken.

Dazu riet Horst Wohlfarth von Alm den Bezirkspolitikern: Sie müssten per Gestaltungstatut rasch sicherstellen, dass hinzu gewonnene Gehwegbereiche frei bleiben – sonst hätten Gastronomen das Recht, sie ebenfalls für Stühle und Tische in Beschlag zu nehmen.

Bis Januar 2016 sollen die Planer ein erstes Konzept erarbeiten, es folgen weitere Diskussionen mit Bürgern. Dann wird projektiert, im Jahr danach gebaut – für möglichst wenig Geld. „Ein Komplettumbau mit allen Schikanen wird nicht möglich sein“, sagte Eckhart Heinrichs.

Bis dahin geht die Debatte weiter, auch im Internet unter www.begegnungszonen.berlin.de. „Auf keinen Fall sollen Parkplätze wegfallen“, lautete ein Eintrag. Mit diesem heiklen Thema werden die Planer offenbar noch lange zu tun haben.