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Walid Khodr steht unten an der Eingangstür und rappelt. Sein Haustürschlüssel passt nicht. Er passte immer, jetzt plötzlich nicht mehr. „Das Haus ist verhext“, schimpft er. Neben ihm steht ein Hüne im Blaumann, der Hausmeister. Seit einem Jahr soll er sich um die Immobilie kümmern. Walid Khodr schimpft, der Schlüssel will nicht öffnen, der Hausmeister zuckt mit den Schultern und lächelt verlegen.

„Das Schloss ist kaputt, mal wieder“, sagt Walid Khodr. „Hier kann jeder rein. Wenn die verdammte Tür am Montag zu gewesen wäre, dann wäre das womöglich alles nicht passiert.“ Seine Wohnung liegt im dritten Stock. Er schimpft und steigt in den völlig verdreckten Fahrstuhl, der nach Pisse stinkt. Der Aufzug gehe auch erst seit gestern wieder. „Wie das hier aussieht?“ Eine halbe Minute später steht er vor seiner Wohnungstür.

Zugemauerte Fenster

Montagnacht um 1.15 Uhr war es laut geworden im Haus Köthener Straße 37, 5. Stock. Orhan S. war rasend vor Wut bei seiner Frau aufgetaucht. Es hatte Streit gegeben und dann war der 32-Jährige auf der Dachterrasse mit Messern auf die zwei Jahre jüngere Semanur losgegangen. Er stach sie tot, dann rief er „Allahu Akbar, Sheytan“ (Gott ist groß, du Teufel), schnitt ihr den Kopf und eine Brust ab und warf beides in den Innenhof.

Die beiden hatten sechs Kinder, sie waren in der Wohnung. Nachbarn, die die Polizei alarmiert hatten, sahen, was auf der Dachterrasse geschah. Als eine Streife das Haus erreichte und noch davon ausging, eine der üblichen Ehestreitereien schlichten zu müssen, fanden die Beamten Kopf und Brust. Oben stießen sie auf die Leiche, der der Mann auch noch die Füße abgeschnitten hatte. Er ging auf die Polizisten los, sie überwältigten ihn.

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Walid Khodr steht vor seiner Wohnungstür. Der Flur ist über und über mit Kritzeleien verschmiert. Sprühereien, dicker Filzstift, alles ist beschmiert vom Boden bis zur Decke. Im Treppenhaus stinkt es wie im Aufzug. „Das ist ein Zombie-Haus“, sagt der 43-Jährige. Seit zehn Jahren wohnt er mit seiner Frau Marian in dem dunkelbraunen heruntergekommenen Block. Er kommt aus dem Libanon, sie ist in Berlin geboren. Beide haben sechs Kinder.

Drei Mal, erzählt Walid Khodr, habe er selbst den Treppenaufgang weiß gestrichen. „Auf eigene Kosten. Mit meinen eigenen Händen. Ich konnte den Dreck nicht mehr sehen“, sagt er. „Und was ist das Ergebnis? Zwei Tage später ist alles wieder verschmiert. So ist es hier immer.“

Das Haus ist ein brauner Klotz aus Ziegelsteinen mit Dutzenden Wohnungen, an dem wilder grüner Wein emporrankt, als wolle er den Schandfleck gnädig verstecken. Ein gewaltiges Eckhaus mit Innenhof und einem mächtigen Laubbaum darin. Etliche Klingelbretter sind vor langer Zeit herausgerissen worden, die Lampen im Hof wurden zertrümmert und notdürftig durch Baumarktleuchten ersetzt.

Fenster sind zerbrochen oder verhängt, andere im Erdgeschoss zugemauert worden. Sozialwohnungsbau aus den 80er-Jahren. Die Zeit der Förderung ist vorbei, hier herrschen jetzt Verfall und Vandalismus. An einer Wand im Innenhof der Hinweis der Firma, die den Hausmeisterdienst seit Juni 2011 betreibt und sich um die „Außenreinigung, Gartenpflege, Haustechnik und den Notdienst“ des Blocks kümmert, dessen Eigentümer in Insolvenz sein soll. „Sehr geehrte Hausbewohner“, beginnt das Schreiben. Es erscheint wie ein schlechter Witz.

Das Haus wirkt von außen wie tot, vergessen, verlassen. Dabei liegt es nur ein paar Hundert Meter vom Potsdamer Platz entfernt, einem Stück Protz- und Vorzeige-Berlin, ganz in der Nähe des Gropius-Baus und des Berliner Abgeordnetenhauses. Wer den stinkenden braunen Kasten dort zum ersten Mal sieht, ist überrascht, wie ein Haus derart falsch am Platz sein kann. Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, Ordnung, Unordnung, Frust und Zufriedenheit – hier liegt das alles nur wenige Meter von einander entfernt.

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Auf der Straße vor dem Haus sammelt ein Müllmann im orangen Overall mit einem Greifer penibel die drei herumliegenden Zigarettenkippen auf. Als er fertig ist, dreht er sich um. Alles sauber. Er wechselt die Straßenseite.
Oben im dritten Stock setzt sich Marian Khodr an den Küchentisch. Sie und ihr Mann haben sich nett eingerichtet, 95 Quadratmeter, 900 Euro kalt.

Von außen sehe das Haus schlimm aus, erzählt sie. Aber ihre Wohnung sei etwas anderes, nämlich ihre Wohnung. Da sorgten sie dafür, dass es sauber und gemütlich sei. Sie hat nicht viel Zeit, muss gleich die Kinder aus der Schule und aus dem Kindergarten abholen. „Die Hausverwaltung ist pleite, hier passiert nichts“, erzählt sie. Im ganzen Haus nur Hartz-IV-Empfänger, Familien mit fünf oder sechs Kindern. Viele aus der Türkei, aus dem Libanon, aus Arabien. Sie steht auf, es klingelt an der Tür. Zwei Polizisten fragen sich durchs Haus. Sie suchen nach Zeugen der Mordnacht.

Ihr Mann erzählt weiter. Walid Khodr arbeitet gerade nicht, er ist krank. Sonst ist er als Wachmann im Bundestag beschäftigt. „Der Rücken“, sagt er. Man hat ihm ein Stück Metall in die Wirbelsäule implantiert. Er hat noch Schmerzen, nimmt starke Mittel und schläft deshalb auch gut. „Ohne die Tropfen hätte ich vielleicht etwas gehört, hätte einschreiten können“, sagt er.

Prügel sind Alltag

Er blickt aus dem Fenster in den Hof, in den Orhan S. den Kopf und die Brust runterwarf. „Das ist so unfassbar, so unglaublich“, sagt er. Zwar gebe es immer Ärger in dem Haus. Dauernd Ehestreitereien, erzählt er. „Hier wird dauernd gestritten. Eine Frau haut dem Mann die Vase über den Kopf, er schlägt sie mit einem Stuhl.“ So etwas sei Alltag, komme vor, ja, natürlich. Aber ein solcher Mord?

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Im Innenhof liegen Tulpensträuße und Teelichter. Eine rote Kerze flackert. Auf dem Boden ein weißes Blatt. „Hilfe!“ dick in Rot, „Nicht wegsehen“ in Schwarz. Am Abend vor dem Verbrechen war Semanur, das Opfer, unten bei den Khodrs. „Sie hat sich lange bei mir ausgeweint“, erzählt Marian Khodr.

„Wenn ich das alles geahnt hätte…“ In der Nacht, als der grausige Mord dann passierte, habe sie wie ihr Mann tief geschlafen. „Ich stehe morgens um sechs auf“, sagt sie. „Da ist man abends müde.“ Jetzt sitzen sie an ihrem Küchentisch und machen sich Vorwürfe, weil sie so gut geschlafen haben.

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