Berlin - Für die einen ist er der schaurigste Ort in Berlin – schmuddliger Drogenumschlagplatz, gefürchteter Kriminalitätshotspot mit regelmäßigen Polizeieinsätzen und labyrinthischer Verkehrsknoten mit dunklen Ecken. Doch der Kotti in Kreuzberg, der vielgeschmähte Platz am U-Bahnhof Kottbusser Tor, wird nicht von allen für bedrohlich gehalten. Sechs junge Leute, die meisten direkte Anwohner, haben „ihrem Kotti“ eine Liebeserklärung gemacht. Die jungen Mitarbeiter der Agentur Muschi Kreuzberg haben einen Webteppich fürs Kinderzimmer entworfen. Auf 2 mal 1,50 Metern sind dort in bunten Knallfarben alle gängigen Stereotype abgebildet, die man mit dem Ort verbindet.

„Es gibt Drogen in Form von Smiley-Pillen, überdimensionierte Hundehaufen, den beliebten Eck-Döner und neben Graffiti auch eine Riesenspritze zu sehen“, sagt Steph Heim von Muschi Kreuzberg. Der 40-Jährige ist Brand-Manager der Agentur, er bringt die Erfindungen seiner Kollegen unters Volk.

Muschi Kreuzberg gibt es seit 2007. Damals machte der Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ Furore; es war die Geschichte dreier Kreuzberger Mädchen, die rund ums Prinzenbad selbstbewusst und rotzig-frech der Welt trotzten. Ihr Leitspruch „Ich bin aus Kreuzberg, du Muschi!“, ein im Kiez gängiges Synonym einer harten Sozialisierung, wurde bundesweit berühmt.

Arbeit in der Kirche

Eine Tochter der Werbeagentur Dojo, sozusagen der Lifesyle-Ableger, nennt sich seither Muschi Kreuzberg. Die Agentur, die im stylisch ausgebauten Dachgeschoss der Heilig-Kreuz-Kirche residiert, veranstaltet Events und gestaltet Mode. Die Streetware trägt verspielt-freche Sprüche wie „Nachts sind alle Atzen blau“ oder „Harte Schale, weicher Korn“. Auf Mützen steht „zugezogen“ oder „Crime“. „Wir wollen so die kreuzbergische Identität hervorheben, wo alles weniger ordentlich und geregelt ist als anderswo und wo sich die Leute eher über steigende Mieten aufregen als über Junkies, die hier einfach dazugehören“, sagt Steph Heim. Der magere Mann mit den halblangen Haaren, der innerhalb einer halben Gesprächsstunde von der braunen zur schwarzen Wollmütze wechselt, zog vor zehn Jahren aus Köln nach Kreuzberg. Er habe hier seine Heimat gefunden, sagt er.

Der wahre Liebling Kreuzberg

Mit Heimat hat auch der Kotti-Teppich zu tun. 36 Exemplare hat man hergestellt, stilecht zur symbolischen Postleitzahl SO 36. Trotz des für Kreuzberg exorbitanten Preises von 299 Euro (pro Stück!) waren alle Exemplare an einem Wochenende ausverkauft. In etwa vier Wochen soll die nächste Lieferung da sein.

Der hohe Preis sei der Tatsache geschuldet, dass in Deutschland gefertigt werde, heißt es. Passt aber so ein Teppich mit Darstellungen von Drogen und Hundekot in ein Kinderzimmer, das landläufig mit Begriffen wie Geborgenheit und Liebe verbunden wird? „Wieso nicht,“, meint Heim, „Wir sind keine Pädagogen, aber Eltern sollten ihren Kinder ruhig erklären, wie diese verrückte Welt da draußen tickt.“ Man könne schließlich auch etwas lieben, wenn es nicht niedliche ist, dafür aber Charakter habe.

So wie der Polizeitransporter mit der Aufschrift „Kanzlei“, der im Kiez bekannt ist wie der berühmte bunte Hund. Die grün-weiße „Wanne“ gehört dem Kreuzberger Anwalt Carsten Hoenig. Das Fahrzeug passt zu Kreuzberg, wo man auf Widerborstigkeit jeder Art stolz ist. Hoenig, der als guter Strafverteidiger gilt, wird in der Szene übrigens auch als „der wahre Liebling Kreuzberg“ bezeichnet. Auch das passt zum Bild, das man sich nach dem Wunsch der Werber von Kreuzberg machen soll.