Berlin - Einschusslöcher an der Fassade und in den Säulen der Eingangsportale   – am Gebäude in der Lindenstraße 20-25 in Kreuzberg sind  die Spuren des Zweiten Weltkriegs noch immer präsent. Jetzt soll der Komplex, der von 1893 bis 1913 als Zentrale der Victoria Versicherung errichtet wurde, modernisiert werden. Die Firma Cresco Capital will daraus ein Hotel- und Bürogebäude mit Gastronomie- und Veranstaltungsflächen machen. „Victoriahöfe“, nennt Cresco das Projekt.

 Viele Berliner kennen das Haus noch aus anderem Zusammenhang: In ihm residierten einst die Senatoren für Stadtentwicklung. Von hier entwickelten Volker Hassemer (CDU) und Peter Strieder (SPD) nach dem Fall der Mauer die Hauptstadtplanung für Berlin.

Spuren aus dem Krieg bleiben erhalten

Noch in diesem Jahr sollen die Umbauten beginnen. Die Baugenehmigung sei erteilt worden, heißt es in einer Mitteilung des Architekturbüros GBP. Die Architekten wollen die alte Pracht des Gründerzeitbaues  wieder zu neuem Leben erwecken. „Die meisten Mieter sind schon ausgezogen“, sagt ein Mann in der Eingangshalle des alten Victoria-Baus am Donnerstagvormittag. Die übrigen sollen in den nächsten Wochen folgen.

„Das Gebäude wird komplett entkernt und bis auf die tragenden Mauerwerkswände zurückgebaut“, so die Architekten. Historische Bauelemente würden aber, wo immer möglich, erhalten und in das neue Konzept integriert. Dazu gehört die stadtbildprägende, mehr als 100 Meter lange Westfassade. Sie wird denkmalpflegerisch Instand gesetzt, wobei Spuren aus dem Krieg erhalten bleiben.

Café im Erdgeschoss

Im Erdgeschoss sollen ein Café, Restaurants, eine Galerie und ein Fitnessstudio einziehen. Außerdem soll dort der Hoteleingang samt Lobby sein. In den Obergeschossen des Mittel- und Südteils sind  rund 200 Hotelzimmer vorgesehen. Im nördlichen Teil planen die Architekten „großzügige Co-Working-Räumlichkeiten“, also Bereiche, in denen verschiedene Mieter nebeneinander arbeiten können. Diese Räume sollen die ursprüngliche Großraumstruktur der Victoria Versicherung aufgreifen.

Im Dachgeschoss, das ausgebaut wird, wollen die Architekten zwei Veranstaltungssäle samt acht Meter hoher Glasfassade errichten. Wer dort feiert oder tagt werde einen  „spektakulären Blick“ bis in Richtung Potsdamer Platz und Tiergarten genießen, versprechen die Architekten. Die Giebel der neuen Dächer sollen  die Größe und Form der historischen Westfassade aufgreifen. Neben dem bestehenden Komplex ist im Hof ein Neubau geplant.

Die deutsch-britische Firma Cresco ist für die Umnutzung alter Gebäude bekannt. Sie erwarb  vor zehn Jahren das 1928 errichtete  Kaufhaus Jonaß  in Mitte, das nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED als Sitz des Zentralkomitees (ZK) der SED diente, und baute es zum Soho House  um, einem exklusivem Club-Hotel.

Die private Kunstsammlung ging in Flammen auf

Mit dem  alten Komplex der Victoria übernimmt Creso erneut ein geschichtsträchtiges Ensemble. Es war errichtet worden, um mehr Platz für die schnell wachsende Zahl der Victoria-Mitarbeiter zu schaffen. Zu den damaligen Errungenschaften, die das Arbeiten  erleichterten, gehörte eine Zentralheizung, die das gesamte Gebäude mit Wärme versorgte. Die Versicherung zeigte sich auf vielfältige Weise bemüht um ihre Mitarbeiter.

1908 wurde  ein Kasino errichtet, um vorzugsweise den unverheirateten Beamten die Möglichkeit zu geben, für wenig Geld „ein frisches, einfaches, aber kräftiges Essen, bestehend aus Suppe, Fleisch, reichlich Gemüse und Kartoffeln einzunehmen“, wie es im Band zum 150-jährigen Bestehen der Versicherung heißt. Außerdem wurde ein Lebensmittelgeschäft eingerichtet, in dem sich die Mitarbeiter zum Einkaufspreis mit Waren eindecken konnten.

Die Versicherung wollte nach einer Regelung von 1911 sogar  mitreden, wenn ihre Mitarbeiter heiraten wollten.  So behielt sie sich das Recht vor, die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses davon abhängig zu machen, dass das Einkommen für die Ernährung einer Familie ausreichend sei. Pech hatte die Familie des Aufsichtsratsvorsitzenden Otto Gerstenberg (1848-1935). Er hatte aus Platzgründen in dem Versicherungsbau seine private Kunstsammlung untergebracht. Diese ging im Zweiten Weltkrieg nach einem Luftangriff in Flammen auf.