Der in Kreuzberg geplante Google Campus wird nun doch nicht eröffnen. Wie Google am Mittwochmorgen bekanntgab, soll in das ehemalige Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer stattdessen ein „Haus für soziales Engagement“ einziehen, das inhaltlich von der Onlinespendeplattform Betterplace und dem Verein Karuna, der sich um Kinder und Jugendliche in Not kümmert, gestaltet werden soll. Bereits vor ein paar Tagen hat Google den Schlüssel zum Umspannwerk an die beiden Organisationen übergeben.

Seit Google vor zwei Jahren seine Pläne verkündet hat, in Kreuzberg einen Campus auf knapp 3000 Quadratmetern zu eröffnen, in dem unter anderem Start-ups ein von Google geleitetes Mentoring-Programm durchlaufen sollten, hatte es zahlreiche Proteste gegen das Projekt gegeben. Gegner befürchteten, dass mit Google ein Katalysator der Gentrifizierung in einen Kiez einziehen würde, der weltweit mit den am stärksten steigenden Immobilienpreisen zu kämpfen hat. Im September erst besetzten Aktivisten das Umspannwerk für mehrere Stunden, ehe die Polizei einschritt.

Ist Google also vor den Protesten eingeknickt?

Ralf Bremer, Sprecher von Google, sagte der Berliner Zeitung: „Wir lassen uns nicht von Protesten diktieren, was wir machen.“ Man habe in den vergangenen Monaten viele Gespräche mit Akteuren wie Karuna, Betterplace und anderen sozialen Organisationen aus dem Kiez geführt und sei zu dem Schluss gekommen, dass das neue Konzept für das Umspannwerk die beste Lösung für Kreuzberg sei.

Googles Engagement für Start-ups wird es in Berlin weiter geben. Demnächst wird das Team von Rowan Barnett, der sich um Googles Start-up-Förderung kümmert, Büros in der Tucholskystraße in Mitte beziehen.

Ein neuer Campus, wie es ihn bereits in sechs anderen Städten von Sao Paolo bis Madrid gibt, soll in Berlin aber erst mal nicht realisiert werden, so Bremer.

FDP: „Sieg der Kiez- und Milieuschutz-Fanatiker“

Die von der Grünen Ramona Pop geführte Senatswirtschaftsverwaltung versucht den überraschenden Sinneswandel positiv für den Wirtschaftsstandort Berlin zu deuten. Einen Ort für soziale Unternehmen zu schaffen, seien  „interessante Pläne“, hieß es.   Diese zeigten die „zunehmende Bedeutung von sozial und ökologisch orientierten Unternehmen und der nicht-gewinnorientierten Ökonomie“ in der Stadt. Derzeit  steuerten Sozialunternehmen knapp sechs Prozent zur Berliner Bruttowertschöpfung bei.  „An der Schnittstelle zwischen sozial-ökologischem Wirtschaften und innovativen Tech-Lösungen steckt viel Potenzial für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen“, hieß es weiter.

Die Opposition dagegen spricht von einem Desaster für die Ansiedlungspolitik Berlins. Von einer „schöngeredeten Resignation“, spricht FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja.  Die Botschaft an alle zukünftigen Unternehmen und Investoren sei  fatal: „Kommt bloß nicht nach Berlin, erst recht nicht nach Kreuzberg.“ Dieser vermeintliche Sieg werde „Kiez- und Milieuschutz-Fanatiker nun weiter ermutigen, jegliche Veränderung radikal zu torpedieren“, so Czaja. Und dann wird er sarkastisch. Wirtschaftssenatorin Pop könne ihren Bezirks-Parteifreunden für den tatkräftigen Support des Anti-Google-Bündnisses zum Schaden der gesamten Stadt danken. Tatsächlich verliere Berlin bereits  heute „zunehmend die Gunst der Gründer, weil Wohnraum und Büroflächen fehlen und optimale Förder-Bedingungen nur Marketing-Versprechen bleiben“, so Czaja.

CDU sieht Versagen des Senats

Auch Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sieht im Wegfall des Google Campus ein Versagen des Senats. Er spricht von einem „schweren Rückschlag für den Wirtschaftsstandort“. Schließlich fungiere  ein solcher internationaler Konzern  auch immer als Motor und Treiber für andere Dienstleister und kleinere Unternehmen. Kurz, so Gräff: „Das  Renommee Berlins ist dadurch schwer geschädigt.“

Gräff sieht sich dabei an den Fall der Firma Hypoport erinnert. Auch dabei habe der Senat ein Unternehmen abgeschreckt. Der im S-Dax gelistete Finanzdienstleister wollte seinen (zunächst gemieteten) Stammsitz an der Klosterstraße in Mitte erwerben, doch das Land Berlin übte sein Vorkaufsrecht aus. Teile der Innenverwaltung sollen dort einziehen, Hypoport droht jetzt mit einer Verlagerung des Unternehmenssitzes nach Lübeck.

„Es ist doch irre, einen S-Dax-Konzern zu verdrängen“, sagt Gräff, gleichzeitig Abgeordneter für Biesdorf, Marzahn-Süd und Friedrichsfelde Ost. „Und das, weil die Polizeibehörde mehr Platz braucht. Die können gerne zu mir hier nach Marzahn kommen, hier ist genug Platz.“

"Empfindlich, wenn es ums Image geht"

Den Vorwurf, dass die Behörden es Unternehmen wie Google nicht leicht machen in Berlin, kennt auch Kreuzbergs Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne). Der Bezirk hatte Google anfänglich keine Baugenehmigung erteilt, weil Arbeitsplätze im Keller und ohne Tageslicht geplant waren und ein Cafébetrieb rund um die Uhr. Die Botschaft an Google war klar: Wenn ihr hierherkommt, dann gibt es strenge Auflagen.

Florian Schmidt begrüßte jetzt die Entscheidung von Google: „Google ist damit auf die Forderungen von Politik und Nachbarschaft eingegangen", sagte Schmidt. "Wir werden das Projekt begleiten und uns weiterhin für die sozialräumliche Verträglichkeit von Immobilienentwicklungen einsetzen.“

Stefan Klein von der Initiative Gloreiche, die gegen Gentrifizierung im Reichenberger Kiez  kämpft und an zahlreichen Protestaktionen rund um das Umspannwerk beteiligt war, war am Mittwochmittag überrascht von Googles plötzlichem Rückzug. „Wobei wir schon damit gerechnet hatten, dass Google irgendwann aufgibt, wenn der öffentliche Druck zu groß wird“, sagte er der Berliner Zeitung. „Google ist eben ein Unternehmen, das empfindlich ist, wenn es um sein Image geht.“