Was ist ein Haus wert? Diese Frage diskutiert die Stadt immer wieder, wenn große Gebäude zum Verkauf stehen. Zuletzt war es soweit, als das Zentrum Kreuzberg vor gut vier Wochen den Eigentümer wechselte. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag zahlte 56,5 Millionen für den markanten, weißen Brückenbau am Kottbusser Tor.

Was ist das NKZ wert?

Eine auf den ersten Blick hohe Summe, die offen lässt, ob das Land das Gebäude rentabel bewirtschaften kann. Ist das Zentrum Kreuzberg, dieses oft als Bausünde bezeichnete Haus mit bröckelnder Fassade, das Geld wert?
Wer eine Immobilie verkaufen und dafür den Preis ermitteln möchte, stößt schnell auf verschiedene Kennzahlen zum Wert eines Hauses. Gutachter berechnen ihn in komplizierten Verfahren anhand von Flurkarten, Mietverträgen, Grundbuchauszügen, Flächenberechnungen, Bauzeichnungen und einigem mehr. Der Zustand des Gebäudes spielt eine Rolle, das Baujahr sowie die Beschaffenheit von Dächern, Rohren und Fenstern. Aber auch die Lage des Grundstücks, die Verkehrsanbindung, die Nachbarschaft und mögliche Mietpreis- oder Belegungsbindungen.

Das Haus prägt die Umgebung

Aus den Grundmauern eines Hauses, den Parkplätzen, Schulen und Supermärkten in der Umgebung, lässt sich so also für jedes beliebige Gebäude ein Wert errechnen. Was aber, wenn ein Haus nicht nur einen Wert hat, sondern auch einen Wert schafft? Wenn nicht die Umgebung das Haus macht, sondern das Haus die Umgebung?

Das Zentrum Kreuzberg färbt ab. Auf die Straßen und Flächen um das Gebäude herum, auf die Atmosphäre im Kiez und die Haltung seiner Menschen. Die Bewohner der 295 Sozialwohnungen in dem 70er-Jahre-Bau prägen das Leben am Kottbusser Tor. Sie erzeugen gemeinsam mit allen anderen, die hier auf engstem Raum zusammenkommen, etwas, das mehr ist als nur ein Wohnblock.  Deutsche, Türken, Touristen, Alteingesessene, Hausbesetzer, Hipster, Akademiker, Hartz-IV-Empfänger, Heteros, Homos, Dönerverkäufer, Clubbetreiber, Schuster, Fischhändler, Junkies, Dealer, Obdachlose – sie alle sind es, die das Kottbusser Tor möglicherweise zum urbansten Fleck Deutschlands machen.

Lob der Kottikratie

In einem kürzlich veröffentlichten Essay nennt der Stadtforscher Felix Hartenstein von der TU Berlin das Kottbusser Tor einen modernen Marktplatz, auf dem die gesellschaftlichen Diskurse unserer Zeit ausgehandelt und Lösungen erprobt werden. „Kottikratie“, sagt er dazu. Die Leute rund um das Zentrum Kreuzberg sind sich nicht immer grün, im Gegenteil. Es kommt zu Konflikten, die den Ort vor Herausforderungen stellen – aber auch die drängenden Fragen der Stadt aufwerfen. Was ist mit den Dealern und Dieben, deren Asylantrag noch läuft? Funktioniert so der Rechtsstaat? Funktioniert so Integration und Zuwanderung? Was ist mit den kleinen Läden? Wer schützt deren Inhaber vor  Verdrängung? Und wie? Wer kümmert sich um die Junkies in den Hausfluren?  

Viele Aktive, die auch streiten

Auf der Suche nach einer Antwort sind im Zentrum Kreuzberg und am Kottbusser Tor Dutzende Initiativen, Vereine und Projekte entstanden. Ob Deutschkurse für Flüchtlinge, eine mobile Sozialberatung, Patenprogramme für Kinder, Flashmobs gegen Gentrifizierung, ein Frauenzentrum, eine Suchthilfestelle oder ein Kiezspaziergang der Gewerbetreibenden – die Bandbreite ist groß. Zwar lösen die Aktiven die Konflikte in ihrer Umgebung nicht in Luft auf, mitunter leisten sie echte Sisyphusarbeit. Aber sie handeln die Probleme des Ortes immer wieder aufs Neue aus. So wie eine Demokratie, oder eben eine „Kottikratie“, es vorsieht.

Das Zentrum Kreuzberg hat einen Wert, der aus Baujahr, Lage und maroden Wänden besteht – und ob der wirklich bei 56,5 Millionen liegt, darüber lässt sich streiten. Zusätzlich hat das Haus aber einen Wert, der aus sozialem Kapital besteht. Deswegen tut die Stadt gut daran, Gebäude wie das Zentrum Kreuzberg nicht Investoren und Immobilienspekulanten zu überlassen, sondern sie selbst zu kaufen – auch wenn es mal etwas mehr kostet.  

Kein Ghetto!

Hier, genau wie in Neukölln, Wedding oder am Ostkreuz, in all den anderen aufstrebenden Kiezen, gilt es, die Vielfalt zu schützen. Nicht nur, um eine Explosion der Mieten und die Entstehung von Ghettos am Stadtrand zu verhindern. Nicht nur, weil dieses Nebeneinander von Menschen einen Kiez lebenswert macht. Sondern, weil es unserer Gesellschaft jeden Tag aufs Neue einen Spiegel vorhält.  Weil es die richtigen Fragen stellt. Das ist unbequem, zäh und manchmal nervenaufreibend. So, wie Demokratie, wie Kottikratie, eben ist.