Berlin - An einem grauen Tag Anfang März sitzt Thorsten Willenbrock vor einer Tasse Milchkaffee und sagt der  Berggruen Holdings GmbH den Kampf an. „Wir werden so viel Ärger machen, wie es nur geht“, sagt er. Willenbrock ist ein schmaler Mann Anfang  fünfzig, der den Kragen seines Hemdes über dem Pulli trägt, dazu eine Brille mit feinem Silberrahmen. Willenbrock ist Buchhändler. Wie viel Ärger kann einer wie er machen? „Sehr viel“, sagt er. „Zum Beispiel mit Postkarten.“

Postkarten an die Investmentfirma des Milliardärs Nicolas Berggruen, seinen Vermieter – das ist Willenbrocks Waffe. Die Karten sollen seine Kunden und Nachbarn schicken. Sie sollen Berggruen sagen, was sie davon halten, dass Willenbrock seinen Buchladen Kisch & Co. in ein paar Wochen schließen muss, weil Berggruen die Miete erhöhen wollte und Willenbrock das nicht zahlen konnte.

Ein Kiez gegen Berggruen. David gegen Goliath. Es sieht nicht gut aus. Der Mietvertrag läuft Ende Mai aus. Der Vertrag mit dem Nachmieter ist unterschrieben. Rechtlich ist die Sache aussichtslos. „Wir können jetzt nur noch an Berggruens Gewissen appellieren“, sagt Willenbrock. Allerdings  ist das Gewissen keine Instanz, die bei Immobiliengeschäften viel zu sagen hätte. Bei Berggruen, das ist die Hoffnung, könnte das anders sein.

Philanthropie und Investment

Die Berggruen Holdings hat in den vergangenen zehn Jahren mehrere Dutzend Häuser in Berlin gekauft, viele davon sind denkmalgeschützt und historisch von Wert wie die Sarotti-Höfe am Mehringdamm oder das Café Moskau in der Karl-Marx-Allee. Immobilien würden hier als langfristiges Investment gesehen, heißt es auf der Internetseite der Holding. Nicolas Berggruen ist ein erklärter Philanthrop – wobei sein Ruf gelitten hat, seit er vor einigen Jahren Karstadt für einen Euro kaufte und dann doch nichts von seinem eigenen Geld in die marode Kaufhauskette steckte, wie er es versprochen hatte. Dennoch: Sein Vater war einer bedeutender Kunstsammler.

Und die Berggruen Holdings behauptet, der größte private Vermieter von Künstlerateliers der Stadt zu sein. Dem Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien stellte Berggruen schon mal eine Zeit lang ein Haus mietfrei zur Verfügung. Warum also werfen sie jetzt einen Buchhändler raus?

Wie ein Museum für die Touristen

Das Haus in der Oranienstraße 25 ist ein Gewerbehof, erbaut 1910, unten liegt die Buchhandlung, darüber eine Galerie. Es ist ein hübsches Haus mit Rundbogenfenstern; die Straße davor ist laut und dreckig, der M29er-Bus rauscht alle paar Minuten vorbei, kein Baum säumt die Bürgersteige. Dennoch drängen sich hier die Touristen, hüpfen nachts durch die Kneipen, bestaunen tagsüber das, was vom alten Kreuzberg übriggeblieben ist, vom Kreuzberg der besetzten Häuser, der Gastarbeiter, der Verrückten und Außenseiter; die Touristen  laufen durch diese Straße wie durch ein Museum der Gegenkultur.

Manchmal stolpern sie in Willenbrocks Buchladen, kaufen eine Postkarte, auch mal einen Reiseführer, was eben Platz findet im Rucksack. Die Touristen sind ein Problem. Weil sie immer mehr werden, während die Menschen, die Bücher kaufen, wegziehen, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Willenbrock hat versucht, das den Gesandten der Berggruen Holdings zu erklären, als sie sich im November im Buchladen trafen, um die Zukunft zu besprechen. Auch, dass es schwierig ist, in Zeiten von Amazon und Kindle den Umsatz zu steigern. Das gelingt Kisch & Co. seit Jahren nicht mehr. Sie können nicht einfach die Bücher teurer machen. In Deutschland gilt die Buchpreisbindung. Aber es gibt kein Gesetz, das der Berggruen Holdings verbietet, die Miete zu erhöhen.