Berlin - In Reiseführern rangieren Kudamm und Tauentzien nach wie vor zuverlässig unter den Top-Ten-Tipps für Berlin-Besucher. Die Straßenzüge haben es vor allem als Shoppingmeilen zu internationaler Bekanntheit gebracht. Das Verkaufspersonal spricht dort oft mehrere Sprachen und der Tourist ist als Kunde so wichtig wie Strom für die S-Bahn. Doch der Tourist ist rar geworden und selten geblieben. Noch immer.

In dem Kölner Unternehmen Hystreet weiß man genau, was auf den großen Einkaufsstraßen im Land geschieht. An weit mehr als 100 Shopping-Hotspots in fast allen größeren Städten der Republik hat es Laserscanner installiert, die anonym jeden Passanten registrieren, der ein unsichtbares Lichttor passiert. Es genügen ein paar Klicks, um zu erahnen, was der Touristenschwund für den Einzelhandel in der Berliner City bedeutet.

Beispiel Tauentzien: Der 500 Meter lange Straßenzug zwischen Kadewe und Breitscheidplatz wurde vor der Pandemie von kaum einem Berlin-Besucher ausgelassen. Auf den ersten Blick scheint sich daran nichts geändert zu haben. Denn immerhin registrierten die Hystreet-Laser dort zwischen dem 1. Januar und 15. Juli dieses Jahres insgesamt 1,42 Millionen Passanten. Allerdings waren im gleichen Zeitraum des Vor-Corona-Jahres 2019 am Tauentzien etwa 4,67 Millionen Passanten unterwegs – 3,2 Millionen mehr oder aktuell mehr als drei Millionen potenzielle Kunden weniger.

Wenngleich Einschränkungen in diesem Bereich inzwischen wieder aufgehoben wurden, auf den Gehwegen keine Masken mehr getragen werden müssen und Geschäfte auch ohne negativen Testnachweis betreten werden dürfen, ist keine Besserung abzulesen. In den ersten zwei Juliwochen wurden auf dem Tauentzien jedenfalls noch immer 42 Prozent weniger Passanten gezählt als vor zwei Jahren. Weiter westlich am Kudamm, zwischen Fasanen- und Joachimsthaler Straße, liegen die Zahlen sogar noch unter denen des Sommers 2020.

Berliner Hotellerie: Fehlstart statt Neustart

Tatsächlich fehlen der Stadt noch immer die Touristen. Zwar dürfen auch Berliner Hotels seit dem 11. Juni wieder ohne Einschränkungen Gäste empfangen, doch fällt die Bilanz bislang ernüchternd aus. Laut hiesigem Hotel- und Gaststättenverband meldeten die Hoteliers der Hauptstadt für die vier Wochen seit Wiedereröffnung beim Umsatz je verfügbarem Zimmer ein Minus von 68 Prozent gegenüber Juni/Juli 2019. Fehlstart statt Neustart.

Somit ist eine Erholung kaum in Sicht. Eine aktuelle Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter 650 Handelsunternehmen aller Standorte, Größenklassen und Branchen ergab jedenfalls, dass mehr als die Hälfte der Innenstadthändler für das laufende Jahr mit Umsätzen unter denen des Vorjahrs rechnet. Auch Nils Busch-Petersen, HDE-Chef in der Hauptstadtregion, geht für Berlin davon aus. Für Einzelhändler in City-Lage sei die Lage sogar zunehmend dramatisch, zumal die aktuell steigenden Inzidenzzahlen die Hoffnung auf Touristen in weite Ferne rücken lasse. Schließlich sicherten Berlin-Besucher vielen Händlern speziell an Kudamm, Tauentzien oder auch am Hackeschen Markt bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes, sagt Busch-Petersen und rechnet fest mit Konsequenzen: „Wir werden 2022 viele Händler verlieren.“

Bei der Makler-Gesellschaft Comfort, Marktführer für Einzelhandelsimmobilien in Top-Lagen, sind die Auswirkungen bereits jetzt ablesbar. „Zwischen Wittenbergplatz und Olivaer Platz stehen aktuell etwa zehn Läden leer,“ sagt Ronald Steinhagen, Chef der Berliner Comfort-Dependance. Darunter auch Stores von Luxus-Labels wie Bally und René Lezard. Allerdings gebe es durchaus auch wieder eine Nachfrage für Neuverträge, wobei alte Mietpreise nur noch selten zu erzielen seien. Laut Steinhagen liegen die Nachlässe bei zehn bis 25 Prozent, mitunter sogar bei 30 Prozent. Dennoch ist der Makler nicht unzufrieden. „Unter dem Strich ist die Situation noch besser als gedacht“, sagt er.

Die Bestätigung dafür liefert ein Vergleich von Haupteinkaufsstraßen europäischer Hauptstädte durch den Gewerbeimmobilienberater Cushman & Wakefield. Demnach fiel die durchschnittliche monatliche Passantenfrequenz am Kudamm von März 2020 bis März 2021 zwar um 35 Prozent. Doch wurde für die Londoner Oxford Street im selben Zeitraum ein Minus von 71 Prozent registriert. Die Gran Via in Madrid verlor 63 Prozent ihrer Passanten, 44 Prozent weniger wurden auf der Pariser Champs-Élysées gezählt. Der Kurfürstendamm war laut der Studie tatsächlich am wenigsten betroffen. Ein schwacher Trost.