Ekstase in Rot-Weiß: Kunstwerke zeigen Leben und Geist von Union

„Eisern Union – bis ins Atelier“: Der Künstler Torsten Schlüter erfasst die einzigartige Atmosphäre und Geschichte von Union aus Sicht der Fans.

Der Maler Torsten Schlüter vor dem „Union-Gen“, einem aufmüpfigen Vogel, der seinen Schnabel aufreißt.
Der Maler Torsten Schlüter vor dem „Union-Gen“, einem aufmüpfigen Vogel, der seinen Schnabel aufreißt.Volkmar Otto

„Rot-weiße Ekstase, Fahnenmeer und Bierdusche, das donnernde ‚Fußballgott‘ nach jedem Namen, die nicht endenden Gesänge auf den Rängen“, so hat jemand die Atmosphäre eines Fußballspiels von Union Berlin in der Alten Försterei beschrieben. Der Maler und „Alt-Unioner“ Torsten Schlüter fängt diese Stimmung in seinen Gemälden und Zeichnungen dynamisch und kraftvoll ein. Man sieht das wogende Fahnenmeer, meint fast, die Trommeln und Gesänge zu hören.

Nun sind die Bilder zum ersten Mal gesammelt zu sehen: in der Ausstellung „Eisern Union – bis ins Atelier“ in der Galeria Balletage im Stadion An der Alten Försterei. „Für uns ist auch in der Bundesliga Fußball viel mehr als das Spiel auf dem grünen Rasen“, sagte Dirk Fischer, Vorstandsvorsitzender des Wirtschaftsrats 1. FC Union, bei der Eröffnung der Ausstellung.

Man wolle mit Ausstellungen und anderen künstlerischen Aktionen „den Blick über den Stadionrand hinaus wie in das Stadion hinein“ fördern. Zu diesem Zweck rief der Verein bereits vor einiger Zeit das Projekt Galeria Balletage im Union-Stadion ins Leben, gemeinsam mit der Stiftung „Union vereint. Schulter an Schulter“ und den „Eisernen Botschaftern“. Es ist eines von vielen gesellschaftlichen Projekten Unions.

Torsten Schlüter: „Erinnerung Waldwiese“, 2021, Öl auf Leinwand.
Torsten Schlüter: „Erinnerung Waldwiese“, 2021, Öl auf Leinwand.Torsten Schlüter

„Eisern Union – bis ins Atelier“ – der Titel passt zum Leben und Werk des Künstlers Torsten Schlüter wie der Ball ins Tor. Die Ausstellung zeigt etwa 60 Bilder aus dem Union-Kosmos, allerdings nicht nur aus dem Stadion. Auch die Stadt spielt eine Rolle, ebenso die faszinierende, kaum glaubhafte Entwicklung von Union – vom „Underdog aus Köpenick“ bis ganz nach oben, an die Bundesliga-Spitze.

Eine Familie aus Arbeitern, Angestellten, Künstlern, Punks und Anarchos

„Ich bin kein Union-Maler. Ich bin ein Maler, der zu Union geht und im Stadion vor allem Fan ist“, sagt  Schlüter. Geboren wurde er 1959 in Hennigsdorf bei Berlin. An der Bauhaus-Universität Weimar machte er 1986 sein Architekturdiplom, wandte sich allerdings ab vom „vorbestimmten akademischen Weg“ und bekam sofort die Konsequenzen zu spüren. In Weimar kündigte man ihm Wohn- und Arbeitsraum.

Schlüter schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und arbeitet seit 1988 als freischaffender Maler und Grafiker. Zu einem Refugium wurde ihm die Insel Hiddensee, auf der er sich seit 1983 immer wieder für längere Zeit aufhielt. Hier hat er sein Freiluftatelier mit jährlichen Ausstellungen („Kunstgarten Hiddensee“). In Berlin arbeitet er in seinem Atelier an der Jannowitzbrücke.

Im Nachhinein kann man es fast als zwangsläufig sehen, dass beide zusammenkamen: der eigenwillige Maler und der 1. FC Union. Das war in den 1980er-Jahren. „Union war schon damals eine große Familie, die jedem, der sich dazugehörig fühlte, seine Individualität ließ, aber alle mit dem Spielbetrieb unter einer Idee vereinte“, erinnert sich Schlüter.

Im Stadion  sah man „Exzentriker, Kuttenträger, Langhaarige, Skins, Punks, Anarchos und auch manche Künstler – vereint mit Arbeitern und Angestellten“. Heute gehört Schlüter zu den „Alt-Unionern“, einer verschworenen Gemeinschaft. Bei Heimspielen steht er immer am selben Platz, in der sogenannten Gegengerade des Stadions, nahe der alten Anzeigentafel.

Der Moment, wenn das Stadion explodiert

Einige Bilder sind jener Zeit des Trotzes, der Widerborstigkeit, des Aufbegehrens in den 1980er-Jahren gewidmet. Sie heißen „Der Fluchtwald“, „Selbstporträt als junger Wilder“ oder „Mielkes Abgang“. Schlüter selbst engagierte sich zum Ende der DDR im Neuen Forum. Das Bild „Die Mauer muss weg“ erinnert an die Stadionparole, die einst bei Freistößen intoniert wurde. Fast überflüssig zu sagen, dass nicht die Freistoß-Mauer gemeint war.

Als die Mauer dann weg war, unternahm Schlüter viele Studienreisen, etwa nach New York, Namibia, Guatemala und immer wieder nach Indien. Es folgten Ausstellungen im In- und Ausland. Eine Reihe von Werken befindet sich in Museen, in öffentlichen und privaten Sammlungen. Schlüters Kunst ist sehr vielfältig. Sie umfasst auch Skulpturen, Installationen, Performances, Theaterausstattungen und literarische Arbeiten.

Was den Fußball betrifft, interessierten Schlüter nicht so sehr das Spiel selbst oder „die Idealisierung menschlicher Körper“, wie es bei anderen bildenden Künstlern der Fall sei, schreibt der Autor Markus Metke. „Ihn faszinieren vor allem Leidenschaft, Ekstase und Chorgesang oder der Moment nach einem Tor, wenn das Stadion explodiert und das Gemeinschaftserlebnis alle Klassenunterschiede aufhebt.“

Die Fans haben ihren Verein gerettet

Und so erfassen die Bilder zum „Mai 19“ auch die ersten Minuten nach dem Aufstieg von Union in die Bundesliga  – einen Moment „der Eruption, in dem Menschen – wie Lava nach einem Vulkanausbruch – den Rasen fluten“, so Metke. Es war der Höhepunkt nach einer langen Zeit der Existenzkämpfe. Für diese steht in der Ausstellung „eine Reihe tränen- und schweißgetränkter Trikots, zum Teil zerrissen, ausgewaschen oder konturlos zerknittert“. Sie sollen auch die enge Verbundenheit zwischen Mannschaft und Fans zeigen.

„Unser Verein wird nicht über die Spieler definiert, sondern über seine Fans“, sagt Torsten Schlüter. Wenn man die Nachwendegeschichte Unions überfliegt – mit Begriffen wie „Lizenzentzug“ und „drohender Bankrott“ –, dann erscheint es wie ein Wunder, dass sich der Verein sozusagen am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen konnte, dank seiner Fans. Beispiele dafür: die große Rettet-Union-Demonstration durchs Brandenburger Tor 1997, die Kampagne „Bluten für Union“ und die Beteiligung Tausender Fans am Stadionumbau – mit Spenden und fast 140.000 unentgeltlichen Arbeitsstunden.

Wild und rot sieht man auf Schlüters Acrylbild „Fanblock!“ das „schlagende Herz des Vereins“. Für sein Union-Rot nutze er übrigens „Echtrot zwischen Zinnober und Kadmium“, sagt er. Auch der unglaubliche Aufstieg von Union an die Spitze der Bundesliga findet seinen Widerhall in Schlüters Bildern – nicht in symbolischen Siegerposen, sondern mit der Konzentration auf die enge Verbindung der Fans zu ihrem Verein. So sieht man etwa einen gezeichneten Entwurf Schlüters für eine mögliche Rückkehr von Zuschauern ins Stadion während des Corona-Lockdowns im Juli 2020. „Nach dem Schachbrett-Prinzip“, sagt Schlüter „So ähnlich kam’s ja dann.“

„Fanblock! Das Schlagende Herz des Vereins“ von Torsten Schlüter, Acryl auf Karton
„Fanblock! Das Schlagende Herz des Vereins“ von Torsten Schlüter, Acryl auf KartonTorsten Schlüter

„Fußball ist für Torsten Freiheit“, schreibt der Autor Frank Willmann, ein Freund des Künstlers. „Dieser Freiheitswille, diese störrische Eigenwilligkeit, machen Torsten und Union aus.“ Insofern mag einem als Union-Fan der Aufstieg des Vereins fast peinlich erscheinen, denn man war doch immer ein Underdog gewesen. Aus den „Unaufsteigbaren“ ist ein Spitzenverein geworden. 

Das Union-Gen mit dem aufgerissenen Schnabel

Das kleine Wäldchen in Köpenick steht nun im Mittelpunkt deutschen und europäischen Fußball-Interesses. Und man hofft, dass der Verein trotzdem genau das beibehält, was Schlüter in seiner Ausstellung als „Union-Gen“ bezeichnet. Seine Zeichnung dazu zeigt einen frechen, leicht zornig guckenden rot-weißen Vogel mit aufgerissenem Schnabel.

Und auch das gehört zum „Union-Gen“: Die Erlöse des Katalogverkaufs zur Ausstellung sollen der Initiative „Eisern statt einsam!“ zugute kommen, mit der Union regelmäßig Menschen im Umfeld hilft – mit Lebensmittelausgaben, Suppenküchen, Beiträgen zur Kältehilfe und anderem. 

Ausstellung: Torsten Schlüter: „Eisern Union – Bis ins Atelier“, bis Mai 2023 in der Galeria Balletage, Haupttribüne, Stadion an der Alten Försterei, An der Wuhlheide 263, 12555 Berlin. Da die Balletage keine öffentliche Galerie ist, wird um Anfragen für Ausstellungsbesuche und Führungen gebeten bei Heike Albrecht vom Wirtschaftsrat 1. FC Union e. V., heike@albrecht@fc-union-wirtschaftsrat.de.