Berlin Kurfürstendamm: Neueröffnung vom Café Kranzler wird zum Kulturschock

Berlin - Und jetzt alle: „Ja, wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär’n wir längst schon russisch, chaotisch und grün. Was nach uns kommt ist Schiete, denn wir sind die Elite.“ Wenn es einen Ort gab, an dem die vom Grips-Theater so liebevoll-bissig besungenen Verteidigerinnen des Frontstadtgefühls anzutreffen waren, dann war es das Café Kranzler. Ansonsten zog das piefige Ambiente vor allem Touristen an, die es nicht besser wissen konnten. Alle anderen Einheimischen, den Autor inbegriffen, ignorierten das Kaffeehaus mit seinen charakteristischen rot-weißen Markisen einfach, obwohl es an West-Berlins belebtester Ecke lag: Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße.

Tatsächlich ist das alte Kranzler, ein Kaffeehaus mit langer Geschichte, schon ewig tot. Mit dem Bau des Einkaufszentrums Neues Kranzler Eck  wurde das Café in die Rotunde auf dem Dach verdrängt, Tische und Stühle absurderweise vom Bürgersteig verbannt.

Ambitionslose Vorgänger

Doch im Parterre und in der ersten Etage verkaufte nun das Modehaus Gerry Weber brave Hemden, Hosen und Blusen.  Oben in der Rotunde – erreichbar nur  über eine Treppe im  Laden oder  einen langen Gang samt Aufzug –  gab’s weiter Schwarzwälder Kirschtorte  zum Kännchen Kaffee. Ohne erkennbaren gastronomischen Anspruch.
So hielt sich die Trauer in Grenzen, als  das merkwürdig verbaute Ensemble Ende 2015 schloss. Der denkmalgerechte Rück- und Umbau begann. Jetzt, ein Jahr später, wird alles neu. Und es hat gute Chancen besser zu werden.

Am 4. Dezember ist Eröffnung. Auf die biederen Westfalen von Gerry Weber folgen die coolen Briten von Superdry. Das Streetwear-Label mit seiner asiatisch inspirierten sportlichen Mode ist in mehr als 500 Verkaufsstellen in rund 50 Ländern präsent.  
In Berlin bezieht Superdry  eine stattliche Fläche von 2500 Quadratmetern auf zwei Etagen, die Rede ist von der größten Filiale außerhalb des Königreichs. Der Haupteingang am Kudamm ist ebenerdig, im ersten Stock ziehen sich die Räume die Joachimsthaler Straße entlang bis zum Nachbarhaus, genutzt von Karstadt Sport.

Bistrobestuhlung auf dem Bürgersteig wird es also weiter nicht geben, dennoch  wird sich der eigentliche Kulturschock in der Gastronomie abspielen. Dem Zuschlag  erhielt Ralf Rüller. Der ist Gründer und Inhaber von The Barn, einer  ambitionierten Kaffeerösterei. In seinem Laden an der Auguststraße in Mitte verkauft Rüller seit sechs Jahren ausgesuchte Gewächse aus Ostafrika, Mittel- und Südamerika in die ganze Welt. Zu knackigen  Preisen. Mehr als 11 Euro für das halbe Pfund aus Burundi sind normal.

Die Qualität rechtfertige den Preis, sagt Rüller. Er selbst reise  regelmäßig zu den Farmern und bezahle sie am Ende weit über der Marge, die sie etwa beim Fairtrade-Handel bekämen.

Streitbarer Qualitätshüter

Der 46-Jährige sieht sich als „Handwerker und Spezialisten“. Vom Anbau über das Mahlen, Aufbrühen bis zur Beigabe von Milch – alles beeinflusse den Genuss des Getränks. Dazu gehöre natürlich auch die Umgebung. Diese solle dazu beitragen, dass man sich ganz dem  Kaffee hingeben könne.

Vor vier Jahren eröffnete Rüller das Café The Barn Roastery an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg mit seinem speziellen Publikum. Und der Ärger begann. Der Ärger über Mütter mit Kindern, die die Konzentration aufs Wesentliche, das Kaffeetrinken, störten. Also stellte Rüller einen Poller in die Tür, um Kinderwagen abzuhalten. Lob aber auch ein Shitstorm war ihm gewiss, als er Mütter bat, ihre Säuglinge nicht im Schaufenster zu stillen. Der Berliner Kurier titelte daraufhin: „Café herzlos.“

Jetzt übernimmt dieser streitbare Qualitätshüter das Kranzler. „Ich will die Kaffeekultur zurück an den Ursprung bringen“, sagt er. Ab Dezember will er die Rotunde bespielen, an schönen Tagen kommen die Dachterrasse (mit Sun-Beds) und der Balkon im Stockwerk darunter dazu.

Rüllers strenge Prenzlauer Berg-Regeln gelten für die City-West nicht. „Hier sind es  andere Voraussetzungen, wir sprechen  ein ganz anderes Publikum an.“