Berlin - Was wohl Kiezmutter Klara Franke zu den Entwicklungsplänen für die Lehrter Straße gesagt hätte? „Zu teuer“, sagt Susanne Torka ohne zu zögern. Sie sitzt an einem Tisch in einer Ladenwohnung an der Lehrter Straße. Hinter ihr an der Wand hängen Pläne für Hunderte Wohnungen, die demnächst an der Lehrter Straße gebaut werden sollen.

Susanne Torka ist 61 Jahre alt und engagiert sich in einer Anwohnerinitiative mit dem Namen „B-Laden. Billige Prachtstraße in Berlin-Moabit“. Gemeint ist damit die Lehrter Straße. Sie soll schöner werden, aber trotzdem bezahlbar bleiben, für Leute, die bereits hier wohnen. So hat Klara Franke es gemeint, als sie die Initiative in den 80er-Jahren gegründet hat. Letzteres erscheint derzeit allerdings unwahrscheinlich. Massive Veränderungen in dieser unscheinbaren Straße direkt am Berliner Hauptbahnhof stehen bevor. Lange hat es gedauert, bis sich rund um den Hauptbahnhof überhaupt etwas bewegte. Nun geht es los.

Achtzehngeschosser geplant

Die Groth-Gruppe will 700 Wohnungen zwischen den Bahngleisen und der Lehrter Straße errichten. Behutsame Entwicklung des Mittelbereichs nennen die Projektentwickler das und Reurbanisierung. In Wirklichkeit sollen Sechs- und Achtzehngeschosser entstehen. Bisher gibt es nur knapp über 1 000 Wohnungen an der Lehrter Straße. Behutsam scheint ein falscher Begriff.

Kiezmutter Klara Franke wäre vielleicht schon zu Thomas Groth, dem Geschäftsführer der Groth Gruppe marschiert und hätte ihm ihre Meinung ins Gesicht gesagt. Sie war bekannt für solche Auftritte. Eine sehr energische alte Dame sei sie gewesen, sagen ihre ehemaligen Nachbarn. Klara Franke ist schon lange tot. Sie starb 1995 mit 84 Jahren. In der Lehrter Straße gilt sie aber noch immer als Kiezmutter und scheint weiter wachend über allem zu schweben. Klara Franke hat sich viele Jahre mit Vehemenz für die Belange ihrer Mitbürger eingesetzt. Dafür hat sie das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Die Lehrter Straße war ihr Zuhause. Sie hat hier gegen den Abriss von Wohnhäusern protestiert, als die West-Tangente gebaut werden sollte. Susanne Torka versteht sich als geistige Erbin. „Wir wollen, dass mindestens ein Drittel der Wohnungen für Hartz-IV-Empfänger gebaut werden“, sagt sie.

Die Lehrter Straße ist lang. Zu Fuß braucht man 20 Minuten vom Hauptbahnhof bis zu ihrem wuseligen Ende an der Perleberger Straße. Genauso lange kann man auch auf den Bus warten, der hier fährt. Gut angebunden ist die Straße nicht. Es gibt wenig Gründe, hierherzukommen. Das Motel One und ein Geschichtsgarten, in dem man durch die gestalteten Überreste des alten Zellengefängnisses laufen kann, befinden sich direkt am Hauptbahnhof.

Wohnblöcke aus den 70er-Jahren säumen die Straße. Die Stadtmission hat hier ihr Zentrum. Weiter in Richtung Norden kommt das Poststadion. In den letzten Jahren ist daraus ein Sportpark geworden. In der Mitte, direkt neben dem Stadtbad Tiergarten, öffnet bald eine Saunalandschaft. Ein paar schicke, moderne Reihenhäuser stehen am Rand.

Das Straßenbild allerdings prägen Kleingärten, Brachen und historische Gefängnisbauten. Ursprünglich erstreckten sich an der Lehrter Straße Kasernen, Militärbauten und Eisenbahnerwohnungen. Reste davon sind noch da. Die ehemalige Zweigstelle der JVA Plötzensee steht derzeit leer – ein Stillleben in Stacheldraht. Die Berliner Immobilienmanagement Gesellschaft (BIM) prüft gerade, ob der massive Backsteinbau verkauft oder doch lieber nur vermietet werden sollte. Aber wer mietet schon ein Gefängnis?

„Normale Leute können sich das nicht leisten“

Groth will gegenüber, auf der riesigen Brache bis zu den Gleisen bauen. Zurzeit räumen Bagger den Schutt weg. Einen Bebauungsplan gibt es noch nicht, aber das Verfahren zur Beteiligung öffentlicher Institutionen steht kurz bevor. Die Groth Gruppe will die 700 Wohnungen in zahlreichen Häusern unterbringen. Auf dem Plan sehen die Baukörper wie hingewürfelt aus. Sie stehen diagonal gedreht zum Bahndamm. Jede Wohnung soll eine lautere und eine ruhigere Seite haben können: am Bahndamm die Miet- und zur Lehrter Straße die Eigentumswohnungen. Mieten sind mit 8,50 bis 11 Euro pro Quadratmeter etwa doppelt so hoch angedacht, wie im bestehenden Kiez.

Und genau das gefällt Susanne Torka gar nicht. „Normale Leute können sich das nicht leisten“, sagt sie. Schon jetzt beobachtet sie zunehmend Menschen auf der Straße, die einen wohlhabenden Eindruck machen. Sie hat Angst, dass die Mieten auch im Altbestand steigen werden, wenn es ringsum teurer wird.

Die Bürgerinitiative gibt es seit 1985. Die Lehrter Straße war damals Randlage, direkt an der Mauer, die Gegend vernachlässigt. Die Menschen zogen weg, viele Häuser standen leer. Die Übriggebliebenen organisierten sich schließlich. Es war Klara Frankes Idee, dem Verein den Namen „Billige Prachtstraße“ zu geben. Ihr Projekt hat sie mit Nachdruck vertreten. Noch heute erzählen Nachbarn, wie sie, den Krückstock schwingend, Stadträte, Stadtplaner und Verwaltungsmitarbeiter aufgesucht hat, um für einen Spielplatz, eine Bushaltestelle oder einen Gemüseladen zu streiten. Ein Spielplatz ist nach ihr benannt und ein Preis für nachbarschaftliches Engagement.

Ein lebendiger Kiez

Im Restaurant Mediterraneo, direkt neben dem B-Laden, hängt Klara Frankes Porträt an der Wand. Dort ist sie gestorben, zwei Wochen, nachdem das Lokal 1995 geöffnet hatte. Sie schlief einfach ein am Tisch. „Die Gegend war herunter gekommen damals“, sagt Wirt Dogan Kahriman. Das ist besser geworden. Rund um sein Lokal ist die Lehrter Straße heute eine richtige Wohnstraße, ein lebendiger Kiez. Gründerzeithäuser stehen auf beiden Seiten der Straße. Im Restaurant sitzen vor allem Nachbarn.

Die neue Zeit ist gegenüber eingezogen. Die Malerin Katharina Grosse hat dort einen wuchtigen Neubau aus Beton für ihr Atelier hingestellt. Daneben sind Architekten und Designer in einen modernisierten Gebäudekomplex aus Vorkriegsbauten gezogen. Unter den Gewerbetreibenden ist auch „Sauerbruch Hutton“, ein internationales Büro für Architektur, Städtebau und Gestaltung. 75 Architekten und Gestalter arbeiten dort. Sauerbruch Hutton hat unter anderem das Kreuzberger GSW-Hochhaus entworfen und das Umweltbundesamt in Dessau. Die Architekten haben auch den Masterplan für Groths Stadtquartier an der Lehrter Straße gemacht. Sie sprechen von einem wunderbaren Kiezcharakter, den sie weiterentwickeln wollen. Ein Stadtplatz soll entstehen mit Bio-Supermarkt, kleinen Läden und Lokalen, ein Studentenwohnhaus und eine Kita.

In Kahrimans Restaurant könnten die Geschäfte derzeit besser gehen. „Dabei haben wir schon niedrige Preise, eine Pizza für 3,50 Euro, sagt er. Zur Perleberger Straße hin wohnen viele Migranten. Der Spätkauf preist Bier für 70 Cent an. Eine Moschee gibt es, türkische Telefonläden, das Jobcenter.

Dort befindet sich auch die Kulturfabrik. Auch sie geht auf Klara Franke zurück. 1991 hatte sie in dem leeren Gebäude eine Ausstellung über die Lehrter Straße initiiert. Dann ist das Projekt gewachsen. Junge Leute legten ein Brett über zwei Bierfässer und schon war es eine Kneipe. Künstler schafften den Schutt raus und eröffneten Ateliers, gründeten ein Theater, ein Kino. Im Keller wurden legendäre Partys gefeiert. Heute dümpelt die Sache vor sich hin. „Es blieben immer mehr Gäste weg. Der Kiez ist schwierig, viel Armut“, sagt Claudia Aporius von der Kulturfabrik. Groths neues Stadtquartier könnte für sie durchaus eine willkommene Wiederbelebung sein.