Die Blumen für Evrim Sommer blieben unbeachtet am Rande liegen. Diesen Tag hatte sich die Linken-Politikerin ganz anders vorgestellt. Am Donnerstag sollte sie von der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg zur neuen Lichtenberger Bürgermeisterin gewählt werden. Alles schien klar.

Am Vortag hatten Linke und SPD eine Kooperationsvereinbarung für die beginnende Legislaturperiode unterzeichnet. Darin sind nicht nur die inhaltlichen Ziele für die kommenden fünf Jahre aufgeschrieben. Der Text enthält auch die Passage, dass sich die beiden Parteien geeinigt haben, Evrim Sommer gemeinsam zur Bezirksbürgermeisterin zu wählen. Linke und SPD verfügen zusammen über 31 der 54 Stimmen. Eine sichere Mehrheit also.

Immerhin mit einer 1

Doch mitten in dieses Gefühl der Sicherheit platzte die Meldung des RBB, Evrim Sommer habe sich zu Unrecht einen Hochschulabschluss angemaßt. Grundlage war ein Eintrag in das Handbuch des Abgeordnetenhauses aus der letzten Legislaturperiode. Dort hatte Sommer angegeben: „2005-2007 Studium der Sozialwissenschaft Bachelor of Arts“ und „2007-2015 Geschichte und Geschlechterstudien (Gender Studies) Bachelor of Arts“. Den akademischen Abschluss  jedoch besaß sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Im Gefühl der sicheren Mehrheit hatte Linke-Fraktionschef Daniel Tietze zuvor den Vorschlag vor den Abgeordneten vorgetragen. Er würdigte das Leben, das politische Engagement und den beruflichen Werdegang der Kandidatin. Wie es sich gehört. Anschließend hatten die Fraktionen Gelegenheit, Fragen zu stellen. Schon dort wurde Sommer zu ihrem Abschluss befragt. Stolz antwortete Sommer, sie habe ihre Bachelor-Arbeit mit der Note 1 verteidigt. „Gestern“, fügte sie hinzu. Also am Mittwoch, erst einen Tag, bevor sie gewählt werden sollte.

Das löste zunächst nur Verwunderung aus, hatte sie doch in ihren Gesprächen mit den Fraktionen offenbar auch schon ausweichend geantwortet.

Kurz darauf jedoch, der erste Wahlgang sollte gerade beginne, stürzte SPD-Fraktionschef Kevin Hönicke mit seinem Smartphone auf seinen Kollegen Tietze von den Linken zu. Augenblicke später wusste der ganze Saal von den Vorwürfen gegen Sommer.

Ein Auslegungsproblem

Die Sitzung musste unterbrochen werden. Hektische Diskussionen folgten. Die Linke versuchte, die aufgebrachte SPD zu beruhigen. Ein altes Abgeordnetenhandbuch mit dem betreffenden Eintrag wurde gesucht, schließlich gefunden. Dort stehe nichts von Abschlüssen als Bachelor, befand BVV-Vorsteher Rainer Bosse. Da gebe es ein Auslegungsproblem, das man rechtlich klären müsse, meinte dagegen die CDU und forderte eine Vertagung der Sitzung. Sie wurde jedoch überstimmt.

Der erste Wahlgang wurde durchgeführt. Er brachte ein niederschmetterndes Ergebnis. Nur 25 von 54 Stimmen für Sommer. Sechs Stimmen fehlten ihr in der rot-roten Zählgemeinschaft. Wieder gab es eine Unterbrechung, wieder fanden hektische Beratungen statt. Die Linke wollte einen zweiten Wahlgang. Doch der brachte noch eine Stimme weniger für Sommer. Einen dritten Wahlgang wollte die Linke sich und ihrer Kandidatin nicht antun. Der Tagesordnungspunkt Wahl  des Bezirksamtes wurde abgebrochen.

Da war Evrim Sommer schon im Mantel und mit hastigen Schritten auf dem  Weg zum Ausgang. Wann nun das Bezirksamt Lichtenberg gewählt wird, weiß in diesem Augenblick niemand. Evrim Sommer wird wohl dabei sein, denn sie ist Bezirksverordnete. Dass sie sich noch einmal zur Wahl stellen wird, scheint im Augenblick aber wenig wahrscheinlich.