Berlin - Wer die Lichtenberger Brücke stadtauswärts passiert, kennt sie – die Menschenschlange, die vormittags vor einem Geschäft auf der rechten Straßenseite steht. Dort, Alt-Friedrichsfelde 8, warten Tag für Tag Bedürftige auf Unterstützung durch den Verein „Lichtenberger Hilfe & Lebensmittel“. Doch der 2004 ins Leben gerufene Verein muss seine Räume verlassen – das Logistiklager, den Möbelladen, die Ausgabestelle, das Café. Der Grund: Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge hat den Verein schriftlich aufgefordert, die Räume bis Ende Mai zu räumen. Die Mietverträge sind bereits Ende 2011 ausgelaufen, Neu-Verhandlungen verliefen ergebnislos. Mietschulden gibt es jedoch nicht. Unter den Bedürftigen hat das Aus die Runde gemacht, viele haben mit ihrer Unterschrift dagegen protestiert. Am Dienstagnachmittag versammelte sich eine kleine Protestdemonstration vor dem Howoge-Kundenzentrum am U-Bahnhof Magdalenenstraße.

Ohne den Verein verliere sie ihre sozialen Kontakte, sagte am Dienstagsvormittag eine Frau, die im Café Platz genommen hatte. Seit vier Jahren komme sie regelmäßig hierher, sie lebe von Hartz IV. Das gesparte Geld könne sie für ihre Kinder ausgeben. Die Sachen, die sie hier gegen eine kleine Spende bekomme, seien das eine – noch wichtiger sei die Möglichkeit, andere Menschen zu treffen. „Kontakte sind für uns überlebensnotwendig, wir haben ja kein Geld, um auszugehen.“

Vereinsmitglieder vor den Trümmern ihrer Arbeit

Die Howoge begründet das Aus mit Unstimmigkeiten innerhalb des Vereins: Dort waren mit Ausscheiden des einstigen Chefs im Sommer 2011 Unregelmäßigkeiten in der Buchführung bekannt geworden. Da der Verein deshalb keinen Finanz-Jahresabschluss vorlegen konnte, verlor er seine Gemeinnützigkeit. Sponsoren sprangen ab. Die 50 Vereinsmitglieder stehen ratlos vor den Trümmern ihrer ehrenamtlichen Arbeit. „Wir brauchen Hilfe“, sagt der neue Vereinschef Günter Brucker, der – um den Neuanfang zu beweisen – sowohl den Verein als auch den alten Chef angezeigt hat.

Was aus dem Verein wird, der sich eigenen Angaben zufolge um 6 000 Bedürftige kümmert und auch Schulen unterstützt, ist offen. Den Armen jedenfalls soll geholfen werden: In Wartenberg hat vor drei Tagen eine neue Ausgabestelle der Berliner Tafel eröffnet. „Das nützt mir nichts“, sagt eine Frau im Hilfe-Cafe, „wir brauchen diesen Standort in Alt-Friedrichsfelde.