Das Klingelschild am Haus ist noch gar nicht so alt. Sein Vorgänger sah irgendwann ziemlich übel aus, völlig verklebt vom vielen Tesafilm, mit dem über die Jahre wechselnde Bewohner ihre Namen auf den Klingelknöpfen hinterlassen hatten.

Selbst wenn eine Klingel mal ordentlich beschriftet war, gab es in einer WG manchmal doch noch einen kurzfristigen Wechsel oder es gesellte sich irgendwo ein neuer Partner hinzu – und schon ging das Klebespiel von vorne los. Bis vor nicht allzu langer Zeit das Tableau komplett ausgetauscht wurde. Ein Neuanfang für alle.

Doch beim Anschließen wurden Leitungen vertauscht, sodass es bei Nachbar B klingelte, obwohl ein Besucher die Klingel von Nachbar A gedrückt hatte. Das hat nicht nur die betroffenen Nachbarn gestört, sondern vor allem Paketboten verrückt gemacht. Das Problem ist längst behoben, doch die Boten haben daraus wohl den Schluss gezogen, sich nie wieder beirren zu lassen.

Mit wasserfesten Filzstiften haben sie jüngst auf dem Rahmen des Klingeltableaus markiert, welche Nachbarn sie mit großer Wahrscheinlichkeit antreffen und als Annahmestelle nutzen können.

Paketboten markieren, bei wem sie Pakete abgeben können

Hinter einigen Namen stehen nun Kreuze, bei anderen Nachbarn haben sie sogar die Etagenzahl vermerkt – vielleicht auch zur eigenen Abschreckung, um beim nächsten Mal den Weg in den vierten Stock zu vermeiden.

Man muss ihnen zugutehalten, dass die Grundidee gar nicht weit hergeholt ist. Immerhin hingen früher in vielen Hausfluren große Tafeln, auf denen die Namen der Hausbewohner mitsamt der Etage vermerkt waren, auf der man sie antreffen konnte. Andererseits stammten diese Wegweiser eben aus einer Zeit, in der die Häuser noch keine Klingel- und Gegensprechanlagen besaßen. Heute lässt sich das richtige Stockwerk über eine kurze Kommunikation ja schnell austauschen.

Grundvoraussetzung dafür ist allerdings, die Funktionsweise einer Klingelanlage zu verstehen. Und da ist doch frappierend, wie wenig lernfähig viele Paketboten trotz ihrer tagtäglichen Erfahrungen offenbar sind.

Wenn viele Klingeln auf einmal gedrückt werden, kann keiner antworten

Es mag modernere Systeme geben, aber hier im Haus funktioniert es so: Man klingelt – und der Bewohner kann antworten. Klingelt man woanders, bevor der Bewohner geantwortet hat, kann dieser keinen Kontakt mehr aufnehmen. Und da viele Boten einfach alle Knöpfe nacheinander drücken, ist die Verwunderung groß, wenn überhaupt keiner antwortet.

Wenn ihnen doch jemand Einlass ins Haus gewährt, rufen die Boten im Treppenhaus orientierungslos „Hallo“, in der Hoffnung, jemand werde sie erhören und von der Lieferung erlösen. Wer will ihnen da verdenken, dass sie, um das zu vermeiden, lieber fremdes Eigentum beschmieren?