Berlin-Marathon 2013: Mehr Teilnehmer, weniger ernsthafte Läufer

Am Sonntag um 8.45 Uhr fällt der Startschuss zum 40. Berlin-Marathon, für Mark Milde hat der Organisationsstress schon früher begonnen. Alle wollen Antworten vom Renndirektor. Landen die Spitzenläufer pünktlich? Wo kriege ich schnell Zusatzmotorräder für die Kameraleute her? Wo präsentiert Haile Gebrselassie sein Buch? Ständig klingelt das Telefon. Dennoch hat Milde, 40, sich Zeit genommen, über die Entwicklung des Berlin-Marathons zu sprechen.

Herr Milde, Ihr Vater Horst Milde war der Initiator des Berlin-Marathons. Sie sind seit 2004 Renndirektor. Als 1974 der erste Startschuss fiel, waren Sie 14 Monate alt. Welche Erinnerungen haben Sie an den Lauf?

Dass ich 1983 bei der Startnummernausgabe mitgemacht habe. Bei anderen Veranstaltungen haben wir zu Hause Pressemitteilungen eingetütet, die damals per Post verschickt wurden. Ein Mal durfte ich bei der Polizei vorne mitfahren. Da hat mich mein Vater reingesteckt, wohl, weil er mich loswerden wollte.

Für die Genehmigung des ersten Marathons musste Ihr Vater 25 Mark an den Berliner Polizeipräsidenten bezahlen. Wie sieht es heute mit den Gebühren und dem Budget aus?

Die Behördenerlaubnis liegt im vierstelligen Bereich. Dazu kommen Gebühren für Sondernutzungsrechte wie Catering oder die Tribünen im Start-Ziel-Bereich – da sind die Kosten fünfstellig. Unser Gesamtbudget liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich.

Bei den ersten Läufen haben knapp 300 Menschen mitgemacht. Heute sind die 40.000 Startplätze sofort ausgebucht. Weshalb ist der Berlin-Marathon so populär?

Ich gehe davon aus, dass nicht nur in Deutschland der Drang nach Bewegung und körperlichem Ausgleich in der Bevölkerung immer größer wird. Das, gepaart mit einem aufregenden Event mit Erlebnischarakter, ist ein Trend, der die letzten Jahre stark anhält. Wir sehen deutlich, dass die Zahl der ernsthaften Marathonläufer, die das wettkampfmäßig betreiben, zurückgeht – gemessen an der Benchmark von drei Stunden. Da hatten wir in den Achtzigerjahren bei 15.000 Teilnehmern 2000 unter drei Stunden, während wir jetzt bei fast drei Mal so viel Teilnehmern gerade mal 1400 unter die Drei-Stunden-Marke bringen.

1974 hat die Startgebühr 12 Mark gekostet. Heute werden bei e-Bay Startplätze für 120 Euro zur Versteigerung angeboten. Die weltbesten Athleten bekommen Antrittsprämien – bei Haile Gebrselassie war von 250 000 Euro die Rede. Wann ist aus der Breitensportveranstaltung parallel eine Spitzenveranstaltung geworden?

Das ist in den Achtzigern passiert. Ab da war auch in der Leichtathletik erlaubt, was in anderen Sportarten gang und gäbe war: Antrittsgelder und Preisgelder zu zahlen. Diese Entwicklung hält seither an. Wobei sich die Läufer, verglichen mit anderen Sportarten schon auf einem niedrigeren Niveau bewegen. Und das wird halt auch dadurch geprägt, dass die Macht der Kenianer sehr hoch ist. Für die sind 2 000 oder 3 000 Euro, die sie neben ihren Reisekosten mit nach Hause nehmen, eine Menge Geld.

2006 schlossen sich die Marathons von Berlin, New York, Chicago, London und Boston zur World Marathon Majors Serie (WMM) zusammen, die 2013 um Tokio erweitert wurde. Die Sieger bei Männern und Frauen teilen sich eine Million Dollar an Preisgeld. Fördern solche Summen nicht die Bereitschaft, mit Hilfe von Doping zum Erfolg zu kommen?

Das würde ich nicht ausschließen. Das kann ein Beweggrund sein für die Besten, da nachzuhelfen. Den persönlichen Ehrgeiz, irgendwelche Ziele zu erreichen, gibt es ja auch immer. Wenn man sich in einer Sportart bewegt, die messbare Faktoren hat, wird es immer Leute geben, die Rekorde aufstellen wollen. Ob das durch den Ruhm bedingt ist oder durch das Geld – es ist immer die Gefahr gegeben, dass dort zu unlauteren Mitteln gegriffen wird. Wir sind gegen Doping – und in einer Vorreiterrolle bei den WMM. Wir haben Anfang des Jahrtausends Bluttests eingeführt. Wir machen Pre-Competiton-Tests, also vor dem Start. Es ist wichtig, dass wir versuchen, den Athleten zu zeigen: Ihr könnt uns nicht veräppeln.

Was ist Ihre größte Befürchtung vor dem Start?

Einerseits, dass ein Spitzenläufer ausfällt. Auf die ist viel aufgebaut, auch was die Berichterstattung angeht. Aber meine größte Befürchtung ist, dass ein Wetterumschwung eintreten könnte, der das Erlebnis für die Teilnehmer ins Negative zieht, genauso für die Zuschauer und Helfer. Ansonsten haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.

Was hat Sie in den vergangenen 40 Jahren am meisten beeindruckt?

Vier Dinge: Dass der Marathon vom Wald in die Stadt gekommen ist. Der Vereinigungsmarathon 1990, dann 2003 die Verlegung von Start und Ziel ans Brandenburger Tor und dabei eine Zwei-Tages-Veranstaltung zu haben. Und dass wir es geschafft haben, dass Gesamtkunstwerk Marathon so herzurichten, dass hier auch Weltrekorde aufgestellt werden können.

Zuletzt hatten Gebrselassie und Paula Radcliffe besondere Strahlkraft. Beide sind am Ende ihrer Karriere. Mittlerweile belegen eher unbekannte Kenianer die ersten Plätze. Fehlt dem Marathon derzeit eine Identifikationsfigur?

Die Angst haben wir auch. Aber wir sehen jetzt, dass Mo Farah, der ja Doppelolympiasieger in London geworden ist, auf die Straße wechseln wird. Der wird im nächsten Jahr seinen ersten Marathon laufen. Kenenisa Bekele, der auch Olympiasieger war, kommt auch. Es gab gerade den Great North Run, bei dem Halbmarathon ist Gebrselassie gegen Bekele und Farah gelaufen. Den Clash der Titanen hat Bekele vor Farah gewonnen – eine Wachablösung ist dran. Dazu gibt es hierzulande zarte Nachwuchspflänzchen wie die Hahner-Zwillinge.

Warum tun sich die Deutschen so schwer, in die Spitze vorzustoßen?

Weil das ein hartes Brot ist, auf diesem Niveau Weltklasseleistungen zu bringen. Wie die Kenianer zu trainieren und den Sport zu leben, verlangt viel. Wenn wir unser Potenzial nicht so sehr an Fußball binden würden, sondern ans Laufen, wären wir auch in der Lage, mit den Kenianern mitzuhalten. Aber die Ablenkungsmöglichkeiten hier sind groß. Und die 1 000 oder 10 000 Euro, die man bei einem Straßenlauf verdienen kann, bringen einen Deutschen nicht so weit wie einen Kenianer. Deshalb setzen die auf die Laufkarte – und wir Europäer nicht so sehr.

Das Gespräch führte Karin Bühler.