Berlin-Marathon 2015: Ohne Mediziner gäbe es den Marathon nicht

Ein Pärchen, das die ganze Nacht durchgefeiert hat, steht am Sonntag um 8 Uhr etwas hilflos am Alexanderplatz. Nirgends ein Taxi – es ist überhaupt kein Auto zu sehen. Alles abgesperrt. Sie wissen wohl nicht, dass in einer Stunde der 42. Berlin-Marathon startet. Dann werden sich 41.000 Läufer aus 131 Ländern exakt 42,195 Kilometer lang durch Berlin quälen. Ganz freiwillig.

Im Ziel wird alles für den Empfang bereitet: die Absperrgitter sind dicht, alle Werbebanner montiert, Helfer hängen zehntausende Medaillen auf, andere stellen unzählige Wasserbecher auf Tische. Und seit 7.30 Uhr stehen auch die Ärzte im „Zielzelt“ bereit. Auch sie sind freiwillig hier.

Ärzte mit Lauferfahrung

Über dem Zelt weht eine grüne Fahne mit der Aufschrift „First Aid. Erste Hilfe“. Der Eingang ist 50 Meter hinterm Ziel, und damit an der richtigen Stelle. „Es gibt Läufer, die noch zehn Meter vor dem Ziel zusammenbrechen“, sagt Alexander Uhrig, der im Zelt die Arbeit der 50 Ärzte, Schwestern und Helfer dirigiert.

Der 48-Jährige ist Facharzt an der Charité, Spezialisierung Notfallmedizin. Vor allem aber ist er Sportler, läuft auch die Halbmarathon-Distanz. Aber nicht bei Wettkämpfen. „Da arbeite ich ja“, sagt er. Es sei eine kluge Idee der Veranstalter, dass nicht nur einfach Notfallmediziner an der Strecke stehen, sondern Ärzte mit Sporterfahrung. „Die wissen noch besser, welche Art von Patienten sie nach solchen Strapazen erwartet.“

Das Zelt hat zwei Zonen: eine grüne mit 23 Betten für klassische Erschöpfungen und eine rote Zone für ganz harte Fälle. „Hier sind Behandlungen wie in der Intensivstation möglich, auch Wiederbelebungen“, sagt er. Auch so etwas habe es schon gegeben.

Alles ist bereit. Tafeln für die Namen der Patienten, die an die Zentrale gehen – für den Fall, dass Angehörige nachfragen. Für jeden liegt eine Kladde für die Akte bereit. Das Zelt wird beheizt, es türmen sich aber auch Säcke voller Eiswürfel. „Die meisten Patienten sind extrem erschöpft“, sagt Uhrig. Sie werden abgehört, der Puls wird gemessen und der Sauerstoffgehalt des Blutes. Sie werden befragt, von Orthopäden abgetastet, ob ein Ermüdungsbruch vorliegt. Die meisten bekommen – wenn sie nicht erbrechen müssen – Wasser oder Iso-Getränke. „Wir entscheiden auch, wer in die Klinik muss.“

9.50 Uhr. Alle Nicht-Mediziner verlassen das Zelt. Bald kommen die Spitzenläufer und dann die ersten Patienten.

Lars Brechtel, der oberste Mediziner des Marathons, kommt kurz vorbei. Er sagt, dass es an der Strecke 24 Hilfsstellen gibt. „Dort sind 760 Leute im medizinischen Bereich tätig.“ Beim Marathon fallen 700 bis 2000 Behandlungen an. „Hängt vom Wetter ab“, sagt er.

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Die Nothelfer wissen: Beim Halbmarathon gibt es mehr Patienten. Da nehmen einige teil, die nicht so hart trainiert haben, wie jene, die einen Marathon wagen. Der Unterschied ist auch in den Gesichtern ablesbar: Im Ziel der „kurzen Strecke“ strahlt die Mehrheit vor Stolz, beim Marathon wird im Ziel kaum gelächelt. Die Gesichter sind schmerzverzogen, viele humpeln. Der Stolz kommt später, nach dem Schmerz.

Es ist 12.25 Uhr. Der Sieger ist längst durch. Nun kommen all jene, die knapp über drei Stunden brauchten – die schnellen Amateure. So wie Torsten Richter (44) aus Brandenburg/Havel. Seine Zeit: 3:24. Er ist enttäuscht. „Eigentlich wollte ich meine Bestzeit knacken – Drei-Stunden-Drei-Minuten“, sagt er, als er das Notfallzelt verlässt. „Aber ich konnte nichts dafür.“ Bei Kilometer 25 trat ihm jemand in die Hacken. „Ich bin auf die Seite gefallen, der Muskel hat zugemacht, ich kam nicht mehr ins Tempo.“ Er lief und humpelte noch 17 Kilometer. Im Ziel ließ er nun nachschauen, ob es etwas ernsthafteres ist . „Alles gut. Ich soll jetzt nur schnell zur Massage. Die waren sehr professionell und ausgesprochen freundlich.“

In drei Wochen läuft er den Marathon in Eisenhüttenstadt – als Training für Ravenna in sechs Wochen. „Dort greife ich meine Bestzeit noch mal an.“ Richter war bislang sieben Mal beim Berlin-Marathon dabei, lief die 42 Kilometer dieses Jahr schon zehn Mal – und das heute war sein 85. Marathon.

Im Medizinzelt wird geschuftet. „Wir haben ordentlich zu tun“, sagt Alexander Uhrig. Schon wird der nächste Patient gebracht, wie die meisten muss er von zwei Leuten gestützt werden. Drei Läufer kommen in vier Minuten.

Kurz nach 16 Uhr fährt der Besenwagen durchs Ziel. Das Rennen ist vorbei. Insgesamt wurden dieses Mal 580 Läufer behandelt.