Berlin-Marzahn: Die Parallelwelt der Russlanddeutschen

Berlin - Es ist nicht viel, was Nina Gauss im Jahr 1999 mitnimmt in ihr neues Leben: Ein Koffer voller Kleidung, einzelne Fotos, ein Handarbeitsbuch. Außerdem eine kleine, aus rosa und gelber Wolle geknüpfte Blume - das einzige selbstgebastelte Stück, das nicht in ihrer alten Heimat zurückbleibt. Knapp 17 Jahre später gibt es die Blume immer noch.

Gauss hat sie an diesem Vormittag zur Handarbeitsgruppe mitgebracht, die sie wöchentlich in den Räumlichkeiten des Aussiedlervereins Vision im Berliner Stadtteil Marzahn leitet. Sie ist mittlerweile 79 Jahre alt, hat Falten im Gesicht und schlohweiße kurze Haare. Gauss ist Russlanddeutsche, im 18. Jahrhundert ist ihre Familie unter Kaiserin Katharina der Großen von Deutschland nach Russland gezogen, in ein kleines Dorf an der Wolga. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie und ihre Eltern nach Nowosibirsk in Sibirien deportiert.

Manche sprechen nur wenig Deutsch

Zur Handarbeitsgruppe sind dieses Mal 13 Frauen gekommen. Die meisten sind zwischen 70 und Mitte 80, bis auf eine sind alle Russlanddeutsche. Auf dem Tisch liegen bunte Papiere, Scheren, Wollknäuel und Perlen. Die Frauen stricken Mützen oder häkeln kleine weiße Schwäne. Man hilft sich gegenseitig bei den Handarbeiten, tauscht sich über Neuigkeiten aus und scherzt über die Enkel - alles auf Russisch.


Zwischendurch fallen deutsche Wörter wie „Reisepassbeantragung“ oder „Hausverwaltung“. Eine Frau erzählt von der schweren Anfangszeit, als sie in deutschen Behörden kein Wort verstand. Eine andere erinnert sich mit einem Lächeln an eine deutsche Kollegin in ihrem ersten Betrieb, die ihr beim Übersetzen wichtiger Formulare half. Einige der Frauen sind erst im Rentenalter nach Deutschland gekommen und hatten wenig Kontakt zu Deutschen, sie sprechen zum Teil bis heute nur gebrochen Deutsch.

Kein Heimweh nach Russland

„Besonders die 1990er-Jahre waren schwer“, erinnert sich Gauss an die letzten Jahre in Russland. Die Regale in vielen Läden seien leer gewesen, die Stimmung gegenüber den deutschstämmigen Mitbürgern oft schlecht. Als immer mehr Freunde und Verwandte in die ursprüngliche Heimat zurückkehrten, beschloss auch Gauss zu gehen. 1995 stellte sie in Nowosibirsk ihren Ausreiseantrag, 1999 wurde er bewilligt. Sie machte sich zusammen mit ihren drei Töchtern sowie deren Ehemännern und Kindern auf den Weg.