Berlin-Marzahn: Patient wartet über drei Stunden auf den Rettungswagen

Ein anderer Rettungswagen braucht 42 Minuten. Und eine Mutter ruft die Feuerwehr, weil ihr Kind bockig ist: Berlins Rettungsdienst ist total überfordert.

Die Berliner Feuerwehr mit Blaulicht auf einem Weg zum Einsatz. 
Die Berliner Feuerwehr mit Blaulicht auf einem Weg zum Einsatz. www.imago-images.de

Drei Stunden und zehn Minuten lang wartete ein Patient in der Nacht zum Sonntag in Marzahn auf einen Rettungswagen. Um 21.57 Uhr hatte nach Informationen der Berliner Zeitung ein Anrufer den Notruf 112 gewählt. Doch erst um kurz um 1.07 Uhr traf der Rettungswagen zu dem Notfall am Helene-Weigel-Platz mit Blaulicht ein. Zum Glück war der Patient nicht lebensbedrohlich erkrankt. Bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt wäre die Sache wohl tödlich ausgegangen.

Mehr als drei Stunden auf einen Rettungswagen zu warten – das ist auch in Berlin ein extremer Einzelfall. „Ich vermute, dass die Kollegen beim Disponieren überfordert waren und es denen irgendwie untergegangen ist“, sagt ein erfahrener Feuerwehrmann. „Denn die Tools, die sie haben, sind nicht dafür ausgelegt, dauerhaft diesen Ausnahmezustand zu beschicken.“ Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein sagte am Montag: „Wir sind dabei, nachzuvollziehen, was da genau passiert ist.“

Wie so oft herrschte am Sonnabend bei der Berliner Feuerwehr wieder „Ausnahmezustand Rettungsdienst“. Dieser wird ausgerufen, wenn die Zahl der Rettungswagen zu 80 Prozent ausgelastet ist und die vorgegebenen zehn Minuten von der Notrufannahme bis zum Eintreffen nicht eingehalten werden können. Dann müssen Besatzungen von Löschfahrzeugen die Rettungswagen (RTW) besetzen, was zulasten des Brandschutzes geht.

Mutter ruft die Feuerwehr, weil ihr Kind bockig ist

Zu der Zeit am Sonnabend hatte es auch den schweren Verkehrsunfall in Lankwitz gegeben. Dort waren zwei Schülerinnen unter einen BVG-Bus geraten. Ein 14-jähriges Mädchen wurde schwer verletzt, eine 15-Jährige konnte nur noch tot geborgen werden. Für Aufsehen sorgten dabei Meldungen, dass der RTW 20 Minuten zum Unfallort gebraucht habe. Die Feuerwehr teilte am nächsten Morgen mit, dass der Notarzt der Feuerwache Marienfelde bereits nach neun Minuten da gewesen sei. Weitere Löschfahrzeuge umliegender Wachen seien kurz danach eingetroffen.

Am Abend zuvor lief es allerdings auch nicht gut. Von 94 einsatzbereiten Rettungswagen war am Freitagabend zeitweise kein einziger mehr verfügbar. So wählte ein älterer Herr im Reinickendorfer Ortsteil Heiligensee gegen 20 Uhr den Notruf. Nach Informationen dieser Zeitung trafen die ersten Feuerwehrleute nach acht Minuten als „First Responder“ ein, also als Ersthelfer. Weil aber in der Nähe kein RTW frei war, musste einer aus Friedrichshagen losfahren, der erst 42 Minuten später endlich in Heiligensee ankam.

Oft müssen RTW-Besatzungen allerdings auch zu Bagatelleinsätzen fahren, da bei den meisten Notrufen eine Pflicht zum Ausrücken besteht. Die Leidtragenden sind dann echte Notfallpatienten. Einen Einsatz am vergangenen Donnerstag konnte ein Beamter der Notrufannahme jedoch abwenden: Eine Mutter hatte die 112 gewählt und die Feuerwehr zu einem Schulhort am Askanierring in Spandau bestellt. Ihr Kind wolle mit niemandem reden und nicht mit nach Hause kommen, sagte sie. Weil ein Feuerwehrmann auch wegen eines bockigen Kindes nicht einfach auflegen darf, konnte er die Mutter überzeugen, den Fall an die Polizei abzugeben.

Bündnis pro Rettungsdienst fordert Gleichbehandlung und mehr Geld

Der Rettungsdienst ist nicht nur in Berlin im Ausnahmezustand, sondern an vielen Orten in Deutschland. Das neu gegründete Bündnis pro Rettungsdienst forderte am Montag bei einer Pressekonferenz eine grundlegende Reform der Notfallrettung. Zu den Mitgliedern des Bündnisses gehören die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft, die Björn-Steiger-Stiftung, die Deutsche Gesellschaft für Rettungswissenschaften und der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst und Notärzte.

Oliver Hölters vom Bündnis forderte eine bessere Bezahlung im Rettungsdienst. Zudem forderte er, den Rettungsdienst als relevanten Bestandteil des Gesundheitswesens anzuerkennen. Alle drei Behandlungsformen, die ambulante, die stationäre und die rettungsdienstliche Versorgung seien gleich wichtig.

Oft handele es sich um Bagatelleinsätze, sagte Frank Flake vom Deutschen Berufsverband Rettungsdienst. „Zur Quetschwunde am Finger muss kein Rettungsdienst alarmiert werden.“ Viele Mitarbeiter seien frustriert, weil sie zur Bewältigung dieser Bagatellprobleme diesen Beruf nicht gewählt hätten. „In vielen Bundesländern haben wir aber eine Transportpflicht. Das heißt, wir müssen auch diese Patienten in ein Krankenhaus oder eine Notaufnahme transportieren, die selber schon an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit sind.“ Es brauche vernetzte Leitstellen für die Nummern 112 und 116117 der Kassenärztlichen Vereinigung mit abgestimmten standardisierten Notrufabfragen, so Flake.

Schlechte Hausarztversorgung erzeugt mehr Rettungsdiensteinsätze

Nach seiner Auffassung hat die Qualität der hausärztlichen Versorgung in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen. Am Ende rufe der Patient die 112, wenn er über die 116117 keinen bekomme. „Der Rettungsdienst muss dann diesen Patienten transportieren, obwohl eine Versorgung in der ambulanten Ebene ausreichen würde.“

Allerdings blieb die Zahl der Notrufe zumindest in Berlin in den vergangenen Jahren relativ konstant, wie der Landesrechnungshof jüngst feststellte. Dagegen stieg die Zahl der Einsätze, die aus den Notrufen resultieren, was offenbar aus einer veränderten Bewertung der Nothilfebedürftigkeit resultiert.

„Berlin brennt“ vor dem Roten Rathaus

Aus Sicht von des Vereins „Berlin brennt“, einem Zusammenschluss von Feuerwehrleuten, ist die Hauptursache dafür die verfehlte Anwendung des Standardisierten Notrufabfrageprotokolls (SNAP) bei der 112. „Der Versuch, einer komplexen Hilfesituation mittels der sturen Anwendung eines Abfrageprotokolls gerecht zu werden, führte in der Vergangenheit zwangsläufig zu dieser massiven ungerechtfertigten Beschickung und damit zur Explosion der Einsatzzahlen“, erklärte der Verein, der am Sonntagnachmittag eine Kundgebung vor dem Roten Rathaus veranstaltete.

Bis zu 200 Feuerleute beteiligten sich an der Mahnwache. Sie entzündeten eine Feuertonne. Schon vor viereinhalb Jahren hatte es eine solche Dauermahnwache über fünf Wochen gegeben. Damals hatten sich auch die Gewerkschaften beteiligt. Die jetzige Mahnwache lehnen sie ab. So ist die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) unter anderem für die Beibehaltung von SNAP. Das Notrufabfragesystem gänzlich einzustellen, sei aus der Zeit gefallen, erklärte sie. Momentan sitze die DFeuG am Verhandlungstisch mit der Politik, um Veränderungen am Rettungsdienstgesetz zu erreichen.


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