Corona-Sommerwelle: Welchen Intensivstationen droht der Engpass?

Omikron sorgt unter Pflegekräften für mehr Krankschreibungen. Intensivmediziner warnen vor Engpässen. Droht eine Notlage in Berlin?

Ein freies Bett auf der Intensivstation des Berliner Bundeswehr-Krankenhauses
Ein freies Bett auf der Intensivstation des Berliner Bundeswehr-Krankenhausesimago

Deutschlands Intensivstationen geht das Personal aus. Die hoch ansteckende Omikron-Variante des Coronavirus sorgt für zahlreiche Krankschreibungen. Es drohe ein Engpass, hat Christian Karagiannidis unlängst gesagt. Karagiannidis ist als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und als Mitglied im Expertenrat der Bundesregierung durchaus eine gewichtige Stimme.

In Berlin jedoch stellt sich die Lage auf den Intensivstationen relativ entspannt dar. In den Krankenhäusern des landeseigenen Vivantes-Konzerns zum Beispiel, der zusammen mit den Kliniken der Charité rund die Hälfte der stationären Versorgung in der Stadt übernimmt.

„Über alle Vivantes-Standorte hinweg sank der Anteil der krankheitsbedingt ausgefallenen Mitarbeitenden auf den Intensivstationen in den vergangenen Wochen – seit Mitte März – und ist zuletzt wieder leicht angestiegen auf 12,5 Prozent“, teilte eine Sprecherin der Berliner Zeitung mit. Während einer Grippesaison und unabhängig von Corona liege die Quote bei rund zehn Prozent.

Ähnlich ist die Situation an der Charité. „Wir stellen wieder eine wachsende Zahl an Mitarbeitenden fest, die sich mit einem positiven Covid-19-Test in häusliche Isolation begibt“, sagte ein Sprecher der Uniklinik, doch: „Die Krankenversorgung ist an der Charité aktuell gewährleistet.“ Die Charité ist nach dem Berliner Notfallkonzept (Save) das sogenannte Level-1-Zentrum. Sie koordiniert die gesamte Intensivversorgung von Covid-Patienten. Behandelt werden sollen dort überwiegend Patienten mit akutem Lungenversagen. Weitere 16 Krankenhäuser gehören zur zweiten Notfallstufe. Wiederum 20 Kliniken betreiben zwar Intensivbetten, übernehmen aber keine Corona-Fälle.

Lediglich vier Covid-Patienten verzeichneten an diesem Mittwoch alle Intensivstationen von Vivantes zusammen. 49 waren es in Berlin laut Divi-Intensivregister insgesamt, wovon 24 invasiv beatmet werden mussten. Von 976 betreibbaren Intensivbetten waren 81 frei, 28 davon Covid-Patienten vorbehalten. Mit einer Corona-Infektion befanden sich laut Hospitalisierungsrate 7,4 auf 100.000 Menschen in einem der 60 Berliner Krankenhäuser.

Studie: Auf deutschen Intensivstationen fehlen 50.000 Vollzeitkräfte

Bundesweit gibt es rund 1300 Intensivstationen. Nach Aussagen von Intensivmediziner Karagiannidis hat etwa die Hälfte davon personelle Engpässe gemeldet. Die Misere wird durch die Pandemie verstärkt, sie bestand allerdings schon davor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Hannoveraner Professors Michael Simon im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ihre Ergebnisse wurden Anfang Juni präsentiert.

Demnach fehlen auf Deutschlands Intensivstationen bis zu 50.000 Vollzeitkräfte. Der Gesundheitssystemforscher Simon wertete Daten bis zum Jahr 2020 aus, die er Krankenhausstatistiken und dem Divi-Intensivregister entnahm. Auf knapp 28.000 Intensivbetten kam der Wissenschaftler. Davon waren seinen Berechnungen zufolge durchschnittlich etwa 21.000 belegt. Dem standen 28.000 Vollzeitstellen gegenüber, fand Simon heraus.

Ein einheitliches Verfahren zur Personalbemessung gibt es in Deutschland nicht, lediglich eine Verordnung für Untergrenzen. Diese zugrunde gelegt, so Simon, seien bundesweit 50.500 Vollzeitkräfte nötig. Ginge es nach den Empfehlungen der Divi, wären sogar 78.200 erforderlich. Im Umkehrschluss müssten rund 60 Prozent der Intensivbetten gesperrt werden – nach der Datenlage von 2020, dem ersten Jahr der Pandemie.

Bei Vivantes und an der Charité gibt es seit diesem Jahr einen Tarifvertrag, der festschreibt, wie viele Pflegekräfte pro Schicht eingesetzt werden. Arbeiten dann trotzdem zu wenig Mitarbeiter auf Station, erhalten die betreffenden Pflegekräfte einen Freizeit-Ausgleich. Das System macht Schule, Beschäftigte an Nordrhein-Westfalens Universitätskliniken streiken deshalb: Sie wollen ähnliche Tarifverträge abschließen.