Berlin - Wer wollte das nicht begrüßen: Auf dem Petriplatz, dem Gründungsort der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin-Cölln, ist ein überkonfessionelles Bet- und Lehrhaus geplant. Noch ist nicht klar, wie der Bau finanziert werden kann, aber die Idee wird nicht wieder aus der Welt zu bringen sein: ein für jedermann frei zugängliches Haus, das Kirche, Synagoge und Moschee in einem ist. Eine friedlich-freundliche Gottes-WG in einer säkularen Stadtgesellschaft also, in der die Mitbewohner ihre Unterschiede weder verheimlichen noch verabsolutieren sollen.

Um diese Idee Architektur werden zu lassen, gründeten die Jüdische Gemeinde von Berlin und das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam, das Forum Interkultureller Dialog und die Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien im Oktober 2011 einen Verein. Sie gaben sich eine Charta von seltener Ausgewogenheit.

Sie ist geradezu tiefenentspannt angesichts des rohen Tons, der etwa in den Debatten um die Beschneidung oder das von religiösen Fanatikern gedrehte Mohammed-Hass-Video herrscht. Und sie prägte auch die Wettbewerbsausschreibung.

In ihr wird von den Architekten gefordert, dass jede der monotheistischen Religionen einen eigenen Raum erhalten soll, derjenige für Juden nach Osten, der für Muslime Richtung Mekka ausgerichtet. Nach langen Debatten einigte man sich auch auf Frauenemporen, damit die jeweiligen Orthodoxen hier beten können.

Die Botschaft der Architektur

Die Ergebnisse des internationalen Architekturwettbewerbes für das Bet- und Lehrhaus sind jetzt in der Parochialkirche an der Klosterstraße zu sehen. Von gnadenlosem Kitsch bis hin zu raffinierten Raumkonstruktionen ist alles dabei. Da gibt es Entwürfe, die an neuromanische Kirchen der Kaiserzeit erinnern, geschwungene Betondächer wie aus den 1960er-Jahren und strenge Kisten. Oft wird Ziegelstein verwandt, manchmal Sichtbeton, seltener glitzernde Metallvorhänge, wie sie eine Zeit lang zum Markenzeichen moderner Glaubensarchitektur geworden waren.

Auch die Siegerarbeit des Berliner Büros Kuehn Malvezzi ist von diesem materiellen Bescheidenheitsgestus beherrscht, selbst wenn der 40 Meter hohe Turm eine kräftige Dominante in das Stadtbild setzen würde. Die Komposition erinnert auffällig an das Märkische Museum Ludwig Hoffmanns. Er wollte 1908 mit den durch einen kräftigen Turm zusammengefügten Einzelbauten die Macht der Geschichte über unser Leben zeigen. Kuehn-Malvezzi hingegen binden mit dem Turm die in drei Flügeln untergebrachten Gebetsräume der drei Religionen zusammen. Unter dem Turm befindet sich der gemeinschaftliche Versammlungsraum, gekrönt von einer hohen Kuppel – ähnlich den Kuppeln über den Lehrsälen der großen liberalen islamischen Universitäten des Mittelalters in Kairo oder im Iran.

Aber: Die Synagoge liegt ausgerechnet in dem Bauteil, der außen eindeutig einen christlichen Kirchenchor zitiert. Und die Frauenemporen – ein Zugeständnis an die Orthodoxen – sind für liberale Juden und Muslime eine Zumutung, zumal die Trennung zwischen Männern und Frauen selbst in traditionellen osmanischen Moscheen oft einfach durch eine Holzbank oder ein leichtes Gitter hergestellt wird. Und nur konservative Christen werden angesichts einer Kapelle glücklich sein, die nicht um den Altar herum organisiert ist, wie es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962/65 selbst für römisch-katholische Kirchen Vorschrift ist. Hier aber wird geradezu mittelalterlich eine eindeutige Hierarchie zwischen dem Priester im Altarraum und der Gemeinde im schmalen Kirchenraum hergestellt. Architekturformeln transportieren eben auch Bedeutungen.

Überhaupt ist auffällig, wie sehr sich die Architekten des Wettbewerbs an traditionellen Kirchen-, Synagogen- und Moscheeformen orientieren. Die große Ausnahme ist der Entwurf des Kanzleramts-Architekten Axel Schultes, der bezeichnenderweise nur den vierten Preis erhielt. Er ist einer der wenigen, der gleiche Räume für alle Religionen vorschlägt und das Gemeinsame des Monotheismus in der Gemeinsamkeit der Ästhetik aufnimmt.

Das entspricht dem Grundgedanken dieses Vorhabens. Denn das Bet- und Lehrhaus soll laut seiner Charta ein „identitätsstiftender Ort der unvoreingenommenen Begegnung“ werden. Wenn es gelänge, „das je Eigene der Religionen in großer Offenheit und Öffentlichkeit zu leben“; wenn die Religionen hier „so miteinander umgehen, dass nach Religion fragende und suchende Menschen es als Bereicherung wahrnehmen, hinzukommen und sie so (drei) erste Antworten hören“ – dann würde Berlin „Zukunft gewinnen und das Gute der Religionen zum Besten der Stadt erleben können“.

Schöne Idee, ja. Einnehmend auch der bereits ausgearbeitete gemeinsame liturgische Festkalender, der kein Neben- , sondern eben ein Miteinander der Religionen vorsieht. Dazu gehört, dass Lessings „Nathan der Weise“ jährlich am 14. April, dem Tag der Uraufführung 1783, inszeniert werden soll. Den jeweiligen Regisseur darf wechselweise eine der Religionsgemeinschaften vorschlagen. Das klingt zwar nach einer Reduzierung der Literatur auf ihren Inhalt und ist insofern ideologieanfällig. Aber den Versuch ist es wert.

Dennoch: Welche Zukunft und welche Identität soll denn gestiftet werden? Ist es nicht auch so, dass damit den Gläubigen ein Platz geschaffen wird, um sie als Gläubige erkenn- und sichtbar zu machen, um sie also als Gruppe von der säkularen Gesellschaft zu sondern? Wem ist damit geholfen – den Gläubigen oder der säkularen Gesellschaft? Vertieft das nicht die Gräben? Soll man das begrüßen? Fördern womöglich?

Wie hältst du’s mit der Religion?

Dieses Haus ist ja mehr als ein überkonfessioneller Ort, es stellt der Gesellschaft die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion? Sie wird künftig eher wichtiger werden als an Dringlichkeit verlieren, weil Religionen nicht verschwinden, sondern sich allenfalls wandeln. An die Religion wiederum richtet dieses Haus die umgekehrte Frage: Wie hältst du’s mit der säkularen Gesellschaft? Seltsam, dass es darauf mit seiner Architektur schon eine Antwort gibt: Die Nichtgläubigen dürfen hier Gast sein, aber nicht zu Hause.

Ein aufgeklärtes Verhältnis von Religion und Säkularismus erforderte, dass das Gebäude auch Versammlungsräume für all jene bereithielte, die sich als Nichtgläubige beschreiben. Aufklärung im gehaltvollen Sinne bedeutete ja nie, die Abschaffung der Religion zu betreiben, sondern ihre Integration, ihre Versöhnbarkeit mit einer säkularen Gesellschaft. Es war schließlich eines der höchsten Ziele der historischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, die Gräben zwischen Religion und Vernunft, Glaube und Nichtglaube als (philosophisch wie lebensweltlich) unsinnig auszuweisen. Gemessen daran leben wir heute in einer eher wenig aufgeklärten Gesellschaft.

Vor allem deshalb muss man dieses Haus begrüßen. Es erteilt der Gesamtgesellschaft, allen Gläubigen wie Nichtgläubigen, den Auftrag: Vorwärts zur Aufklärung, zurück zu den Anfängen!