Berlin -

Zwischen der Küche von Eileen Behrens, einem hohen, lichten Raum in der Berliner Mitte, und dem Schreibtisch von Ursula von der Leyen, einem recht stabilen Möbel der Macht, liegen vielleicht neunzig, hundert Meter Luftlinie. Und wahrscheinlich eine ganze Welt. Zwischen den Kinderzimmern der Söhne von Eileen Behrens und dem Wachlokal der Soldaten vor dem Verteidigungsministerium, vorne an der Stauffenbergstraße, liegen nur noch siebzig, achtzig Meter, höchstens.

Und einige Geschichten. Vier Meter über diesen Kinderzimmern im neuen Berlin ist auch der alte Krieg noch zu sehen, in der Wohnung ganz oben unterm Dach, die nie richtig renoviert wurde. Wo die Einschusslöcher aus dem Frühjahr 1945 noch immer den Putz spreizen. Und ein altes Plakat vom Berlin-Marathon 1983 zerrissen über dem Klo hängt.

Ursula von der Leyen, Eileen Behrens, ihr Mann Björn und ihre Söhne Liam und Ben, sie leben und arbeiten in einem Haus. Tom Cruise hat hier schon im Hinterhof gedreht, der Musiker Max Raabe hatte im ersten Stock in einer Wohngemeinschaft gelebt, lange her; eine Künstlerin aus Litauen hat die zerstörte Wohnung unterm Dach gemalt. Sie alle hat der Lauf der Geschichte in ein Haus geführt, in dessen Hof in der Nacht des 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg ermordet wurde. Er hatte es nicht geschafft, Hitler zu töten. Aber jeder, der nach ihm in dieses Haus kam, hat auf die alte Mauer geblickt, an der Stauffenberg starb, jeder.

Der Bendlerblock, das ist dieses Berliner Haus, das so viele Schichten der Vergangenheit in und auf sich trägt, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, die Farben abzukratzen und die Dielen ein wenig anzuheben. Aber eine Geschichte gibt es, die ist so seltsam unglaublich und doch so normal, dass sie nur in diesem zerschossenen, geteilten und wiedervereinigten Berlin erzählt werden kann. Es ist die Geschichte der letzten Mieter im Bendlerblock.

Es gibt sie immer noch, zwei Wohnungen im Seitenflügel und drei im Vorderhaus, in denen kein Krieg geplant, sondern Risotto gekocht wird, in denen keine Stiefel aufs Parkett knallen, sondern Katzen müde durch die Zimmer wandern.