Berlin - Es gibt sie nicht mehr. Was nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg von der Waisenbrücke übrig geblieben war, wurde 1960 abgerissen. Doch Bürger, Planer und der Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin setzen sich dafür ein, dass die traditionsreiche Spreebrücke in Mitte wieder aufgebaut wird.

Um ihr Herzensprojekt voranzubringen, verabschiedeten sie nun ein Manifest an den Senat. Die Querung müsse als „leichte, filigrane Konstruktion“ wiederentstehen – als „Attraktion“, zur Verkürzung von Wegen und auch, damit das Märkische Museum besser erreichbar ist.

Kaufhaus Neu-Kölln

Der Treffpunkt ist gut gewählt. Wenige hundert Meter von dem Ort, an dem die nach einem alten Waisenhaus benannte Brücke die Spree überspannte, haben sich viele Fans getroffen. Eingeladen hatten das Forum Stadtbild Berlin, unterstützt unter anderem von der Gesellschaft Historisches Berlin. Im Kahn „Renate-Angelika“, der im Historischen Hafen ankert, hält Paul Spies ein Plädoyer für den Wiederaufbau.

Er leitet die Stiftung Stadtmuseum, zu der das Märkische Museum gehört. Dorthin führte die Waisenbrücke einst. Am damals belebten Märkischen Platz vor dem Museum stand sogar ein Warenhaus, das Kaufhaus Neu-Kölln.

„Dies ist das Herz von Berlin“

„Ich bin Niederländer, und es gibt viele niederländische Gründe, diese Verbindung wieder herzustellen. Wir lieben Wasser und Brücken, wir lieben es, ins Wasser zu schauen. Stadt und Wasser gehören zusammen.“ Doch hier gehe es nicht um sein Heimatland, sondern um Berlin. „Es ist eine Schande, dass die alte Brücke abgerissen wurde“, sagt Spies.„Heute ist dies eine tote Ecke. Dabei ist dies das Herz von Berlin.“

Die neue Brücke werde dazu beitragen, dass es auf dem Südufer wieder lebhaft wird. Sie erleichtere es, vom Humboldt-Forum zum Märkischen Museum zu gelangen. Und sie könnte Teil des geplanten archäologischen Pfades sowie von Fuß- und Radwegverbindungen werden. „Es wäre schön, wenn wir das schaffen könnten. Meine Unterstützung habt ihr“, sagte Spies.

Erste Ideen gibt es. Professor Ludger Brands aus Potsdam präsentierte Entwürfe seiner Studentinnen und Studenten – unter anderem eine Holzbrücke, die wie eine Skulptur wirkt, oder eine Brücke mit Pavillons aus Stahl. Wie berichtet haben sich die angehenden Architekten Detlev Kerkow und Tom Walter ebenfalls mit dem Thema befasst. Kerkow war am Abend dabei.

Die Machbarkeit wird untersucht

Die alte Waisenbrücke war eine Brücke, die auch zum Verweilen einlud. Es gab Balkone, Kandelaber, Wappenschmuck. Diese Flanierbrücke könnte, so Kerkow, in moderner Form wieder entstehen – mit Sitzbänken, Balkonen und mit Guckkästen, in denen man Dias aus der Berliner Vergangenheit betrachten kann. Der Beton der Spannbetonbrücke soll rot gefärbt werden. Das erinnert an die rote Sandsteinverleidung, die der 65 Meter langen und 20 Meter breiten alten Waisenbrücke eine besondere Prägung gab.

Die alte Holzbrücke, die es davor dort gab, soll ebenfalls neu entstehen – 80 Meter stützenfrei, als raffinierte Konstruktion aus Zug- und Spannseilen. „2020, wenn Groß-Berlin 100 Jahre wird, sollten die Brücken fertig sein“, so Kerkow.

Ein Optimismus, den kaum jemand teilte. Bislang hat der Senat lediglich mitgeteilt, dass er die Machbarkeit eines Wiederaufbaus untersucht. In der Sanierungsverwaltungsstelle des Bezirks Mitte haben die Brücken-Fans jedenfalls einen Unterstützer. „Wir begrüßen das Projekt“, sagte Gruppenleiter Reinhard Hinz. In den Plänen für die Sanierung der Luisenstadt sei eine neue Waisenbrücke vorgesehen.