Im Oktober 2019 war der Mittelteil der Friedrichstraße bereits ein Wochenende lang autofrei. 
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BerlinDie geplante Sperrung der Friedrichstraße in Mitte rückt näher. In anderthalb Monaten soll der Abschnitt zwischen Leipziger und Französischer Straße autofrei werden. „Wir gehen davon aus, dass der Verkehrsversuch autofreie Friedrichstraße Mitte oder Ende August beginnt“, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Meine Senatsverwaltung kümmert sich um das Verkehrskonzept, Ideen für den Straßenraum koordiniert der Bezirk Mitte.“ Dort ist davon die Rede, dass der Startschuss zwischen dem 15. und 20. August fällt. Wo heute noch Kraftfahrzeuge rollen, sollen Einkaufsbummler spazieren und Radfahrer sicher vorankommen – bis Ende Dezember. Inzwischen ist klar, wie das Projekt heißen soll: Friedrich, the Flâneur.

Mit dem Versuch wollen Senat und Bezirk ausloten, wie die Straße attraktiver werden kann. Händler klagen über schlechte Geschäfte, Ladenlokale stehen leer – was daran liegen könnte, dass es nicht angenehm ist, neben Autos und Lastwagen auf schmalen Gehwegen zu flanieren.

BVG nutzt einen kleinen Teil der provisorischen Fußgängerzone

Nach kurzen Testsperrungen soll ein Teil der Friedrichstraße nun für längere Zeit von Lärm und Abgasen befreit werden. In der Mitte wird eine „Safety Lane“ für den Radverkehr abgesteckt, die in Notfällen Einsatzfahrzeugen zur Verfügung steht. Am Rand werden Bäume aufgestellt, in Seitenstraßen Lieferzonen geschaffen. Am Checkpoint Charlie entsteht ein verkehrsberuhigter Bereich. Der Nachtbus N6 fährt über benachbarte Straßen. Wenn die BVG in den Herbstferien die U6 zwischen Französische Straße und Naturkundemuseum unterbricht, wird ein 90 Meter langer Teil der Friedrichstraße zum Wenden der Busse benötigt.

Im Senat hieß es, dass die straßenverkehrsrechtlichen Anordnungen inzwischen vorliegen. Nun haben die Ausschreibungen begonnen, hieß es. Während eines „Händlerfrühstücks“ informierte Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Donnerstag über den Planungsstand. Berichten zufolge ist ein sechsstelliger Betrag vorgesehen – relativ wenig Geld, wie es bei Beobachtern hieß. Nicht nur für die Bäume werden Paten gesucht. Auch für die angekündigten fünf Großvitrinen (Showcases), in denen Einzelhändler oder Künstler ausstellen können, will der Bezirk Partner finden. Parklets sind ebenfalls geplant: Holzpodeste, auf denen Fußgänger Platz nehmen können, ohne etwas konsumieren zu müssen.

Anrainer bleiben skeptisch. „Wir erkennen keine Zielsetzung und kein Konzept“, hieß es. Eine Begleitforschung, die diesen Namen verdient, finde nicht statt: „Der Ist-Zustand wurde nicht untersucht.“ Die Sperrung werde den Bereich rund um den Gendarmenmarkt mit Verkehr belasten.

Bei einer Umfrage, an der 137 Gewerbetreibende teilnahmen, stand zwar eine knappe Mehrheit dem Verkehrsversuch grundsätzlich positiv gegenüber. Doch sie sieht Politik und Verwaltung in der Pflicht, den Aufenthalt angenehmer zu machen. Damit ein Konzept erarbeitet werden kann, sollte die Sperrung später beginnen – etwa wenn am Jahresende die U5-Verlängerung eröffnet wird. „Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen unsere Position, dass ein Verkehrsversuch ohne ein klares Konzept keinerlei positiven Effekte für die Friedrichstraße haben wird“, mahnte Guido Herrmann vom Verein „Die Mitte“.

„Wenn Projekte dieser Art realisiert werden sollen, geht das nie ohne Skepsis ab – das muss es auch nicht“, sagte Senatorin Günther. Es fanden mehrere Gespräche mit Anwohnern und Gewerbetreibenden statt. „Uns ist es wichtig, Fußgängern mehr Raum zur Verfügung zu stellen und dadurch diese Einkaufsstraße zu stärken. Einzelhändler und Gastronomiebetriebe können sich beteiligen, es gibt Ideen wie etwa Modeausstellungen oder die Ausdehnung des Weihnachtsmarkts auf die Friedrichstraße. Es wird aber kein Nonstop-Straßenprogramm nötig sein, wenn die Menschen die Straße ohne Autos nutzen können.“