Berlin - Brütende Spatzen und Mauersegler haben nur für einen kurzen Aufschub gesorgt: Seit dieser Woche wird das leer stehende Wohnhaus in der Wilhelmstraße 56–59 in Mitte abgerissen. Mit schwerem Gerät werden dort die Betonplatten abgetragen und zerkleinert, ein Flügel an der Französischen Straße ist schon weg.

Diese Tatsache ist für den Senat eine Niederlage: Obwohl der Wohnungsmarkt insbesondere in der Innenstadt angespannt ist, konnte er nicht verhindern, dass preiswerter Wohnraum abgerissen und ein Luxuswohnhaus errichtet wird.

Der Abriss erfolgt mit einem Jahr Verzögerung. Ursprünglich sollte das Haus mit 100 Wohnungen vor über einem Jahr weg. Doch die Einigung mit den Mietern gestaltete sich für die Eigentümerfamilie aus dem österreichischen Tirol schwierig: Bis zuletzt hatten sich Bewohner gegen einen Auszug gewehrt, dann aber doch bei Abfindungen von mehr als 200.000 Euro zugestimmt.

Schneller als die Abrissbagger waren dann aber die Vögel. Sie nutzten jede Einflugschneise, um in den Nischen zwischen den Betonplatten und im Dach Brutplätze anzulegen. Anwohner hatten den Bezirk darauf hingewiesen. Eine Ornithologin fand dann im Frühjahr im Auftrag der Naturschutzbehörde 72 Nistplätze von Haussperlingen und Mauerseglern sowie sechs Ruhe- und Fortpflanzungsstätten von Fledermäusen. Erst jetzt, nach Ende der Brutsaison, konnten die Eigentümer die Bagger losschicken.

Für rund 100 Millionen Euro wollen die Österreicher auf dem Grundstück einen Neubau errichten. 165 Luxuswohnungen sind dort zwischen Behren- und Französischer Straße vorgesehen. Voll ausgestattet sollen die Appartements sein und eine Größe zwischen 38 und 80 Quadratmetern haben. Kaufpreis: ab 490.000 Euro. Kaufverträge im Wert von 25 Millionen Euro sollen schon unterzeichnet sein.

Investoren trennen sich

Bisher agierte Zsolt Farkas, der Vorstandsvorsitzende der Mundial AG aus München, als Generalbevollmächtigter der Eigentümerfamilie. Offensichtlich hat man sich nicht gerade im Einvernehmen getrennt: „Mundial ist aus dem Projekt ausgestiegen. Wir klagen unsere Forderungen gerichtlich ein“, sagt Farkas. Auskünfte zu dem Projekt wollte er keine geben. Auf Anfrage äußerten sich am Freitag die Eigentümer sowie Projektverantwortliche nicht.

Das Abrisshaus gehört zu einem Gebäudeensemble mit 1000 Wohnungen, das 1988 bis 1992 errichtet wurde. Um den Abriss weiterer Plattenbauten zu verhindern, hat der Bezirk das Wohnviertel im Juni unter Schutz gestellt. In einer Expertise heißt es, dass das Gebiet „anhand seiner Entstehungsgeschichte und als städtebauliches Ensemble die Entwicklung des Städtebaus in der DDR-Zeit“ dokumentiere. Zu spät für Haus Nr. 56–59.