Berlin - Die Wiese ist jetzt abgesperrt. Dort, wo früher Bäume und Bänke standen, sind die Stümpfe abgesägter Pappeln und Linden übrig geblieben. Nur ein Bäumchen steht noch, in einem Loch des Stammes nistet ein Vogel. Früher gab es auf dieser Wiese zwischen Tor- und der Linienstraße in Mitte, gleich hinter der Volksbühne, einen schäbigen Imbiss, der die Vagabunden der Nacht anzog. Jetzt ist dieses Eckgrundstück eine Baustelle: Die Verlage Suhrkamp und Insel wollen dort ein neues Verlagsgebäude errichten.

Anwohner aber sind bereits jetzt verärgert. Sie haben Luftballons an die Bäume gebunden, als die Baumfäller kamen. Nachbarn fordern, dass der Neubau gestoppt wird.

Verlagssprecherin Tanja Postpischil sagt, Baubeginn für das neue Haus sei in den kommenden Wochen. 2019 soll alles fertig sein.

„Wir wissen nichts über die Pläne von Suhrkamp“

Suhrkamp möchte es sich schön machen. Vor dem neuen Verlagsgebäude entstehe ein Platz mit Grünflächen, Bäumen, Bänken und einer Terrasse, heißt es aus dem Verlag. Dieser Platz werde vom Verkehr auf der Torstraße abgeschirmt und auch später nicht weiter bebaut. Suhrkamp betont, dass früher auf 80 Prozent dieser Fläche Häuser standen. Das werde jetzt nur noch auf einem Drittel des Areals geschehen, der öffentliche Stadtplatz sei dauerhaft gesichert.

Es kann aber noch eine Weile dauern, bis die Nachbarn erfahren, was da genau gebaut wird. „Eine öffentliche Mitteilung wird es geben, sobald wir die eine oder andere Neuigkeit zu vermelden haben“, sagt Tanja Postpischil.

Markus B., ein Anwohner aus der Torstraße, hat eine Online-Petition gegen den Neubau geschrieben. Das letzte Stück Grün werde für den Neubau vernichtet, obwohl am Alexanderplatz immer noch Bürogebäude leer stehen, argumentiert B. „Suhrkamp tritt die einfachen Leute mit Füßen, zumal die Torstraße dort eine der am stärksten befahrenen Straßen in Alt-Mitte ist und nun endgültig zur Betonwüste wird“, sagt der 35-jährige B. Der Sozialarbeiter wohnt seit drei Jahren an der Torstraße.

„Wir wissen nichts über die Pläne von Suhrkamp“, sagt er. Seine Petition wird er an Suhrkamp versenden, an den Bezirk Mitte und an den Senat. Die Anwohner fordern, dass neue Bäume gepflanzt und die Kreuzung für Fußgänger, Radfahrer und Anwohner verbessert werde. Das Land Berlin hatte die öffentlichen Grün- und Erholungsfläche schon vor geraumer Zeit an einen Investor verkauft. Sie wurde entwidmet, die Abgeordneten im Berliner Hauptausschuss stimmten dem Verkauf im Juni 2016 zu.

Nie richtig in Berlin angekommen

Der traditionsreiche Suhrkamp Verlag wurde 1950 in Berlin von Peter Suhrkamp unter der Mithilfe des Schriftstellers Hermann Hesse gegründet. Nach dem Verlags-Umzug nach Frankfurt am Main stieg er zum führenden deutschen Literaturbetrieb auf. Martin Walser, Max Frisch, Wolfgang Koeppen – alle waren Suhrkamp. Der von dem Philosophen George Steiner geprägte Begriff der Suhrkamp-Kultur spielte denn auch auf den gesellschaftspolitischen Einfluss an, den der Verlag spätestens seit den 60er-Jahren auf die kulturelle Entwicklung der Bundesrepublik hatte.

Ein Hauch davon war noch zu spüren, als Suhrkamp 2010 Frankfurt am Main verließ und vorübergehend ein Verwaltungsgebäude an der Pappelallee in Prenzlauer Berg bezog. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hatte der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ein Angebot gemacht, das sie nicht ausschlagen mochte. In den Aufgängen des Hauses drängten sich zur Eröffnung die deutschen Geistesgrößen dutzendweise. Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge feierten als Altrocker der deutschen Literatur ein unverhofftes Wiedersehen.

Aber der glamouröse Beginn täuschte, in der Folgezeit schien es dem Suhrkamp Verlag nie so richtig zu gelingen, in Berlin anzukommen. Das lag vor allem an jahrelangen, erbittert geführten Rechtsstreitigkeiten zwischen den Gesellschaftern, die den Verlag beinahe die Existenz gekostet hätten.

Ein Symbolischer Neustart

Inzwischen sind die Verlagsverhältnisse geordnet. 2014 wurde der Suhrkamp Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, Ulla Unseld-Berkéwiczs wechselte in den Aufsichtsrat und überließ die Verlagsgeschäfte formal dem Vorstandsvorsitzenden Jonathan Landgrebe.

Nach all den Turbulenzen im Hause Suhrkamp soll der Umzug an die Torstraße ein symbolischer Neustart sein. Es gibt einen Bauvorbescheid, das Vorhaben ist nicht mehr zu stoppen. Es wäre daher an der Zeit, dass der künftige Nachbar Suhrkamp auf die Bewohner zugeht und von seinen Plänen erzählt.