Berlin - „Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, gehn wir Tauben vergiften im Park“ – das sang schon Georg Kreisler. In Mitte, ausgerechnet am schönen Gendarmenmarkt, nehmen Tier-Hasser das satirische Lied zu wörtlich. Mehrmals wurde an Futterstellen, an denen sich Tierschützer um Stadttauben kümmern, Gift ausgestreut – nun fallen tote Vögel vom Himmel.

Für Tierfreunde sind es Bilder des Schreckens: Tote Tauben, die auf der Straße und in Grünflächen liegen, teilweise von Ratten angenagt, aus Schnäbeln und Augen fließt Blut. Ehrenamtliche Tierschützer, die sich an mehreren Futterstellen am Gendarmenmarkt um Stadttauben kümmern, werden immer wieder mit solchen Funden konfrontiert. Denn hier treibt ein Vogel-Hasser sein Unwesen.

Doreen O. (37) betreut seit einem Jahr eine Futterstelle am Platz. Ihren vollen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, zu oft gibt es Anfeindungen. Denn viele verstehen die Arbeit der Tierschützer nicht. „Wir betreiben die Futterstellen, um den Kontakt zwischen Taube und Mensch zu minimieren“, sagt sie. Heißt: Sie füttern die Tauben nicht zum Spaß, sondern damit diese nicht mehr zu Störenfrieden werden. „Sie suchen Kontakt zu Menschen, weil sie keine Nahrung finden. Wenn die Vögel richtiges Futter bekommen, nerven sie nicht mehr.“

An den Anlaufstellen, die es an Bahnhöfen, großen Plätzen und Straßen gibt, bekommen sie Körner und Wasser. Tier-Hasser nutzen das schamlos aus, werfen mit Gift versetztes Getreide in die Wasserschale und auf den Boden. „Vor einer Woche wurde viel ausgestreut, ein paar Tage später tauchten immer mehr tote Tauben auf“, sagt Doreen O. „Einmal fand ich sechs tote Vögel, die teilweise von Ratten angefressen waren. An einem anderen Tag entdeckte ich eine Taube, die aus den Augen blutete. Sie starb auf dem Weg zum Tierarzt.“

Gift auch für Hunde und Kinder gefährlich

Eine Kollegin erstattete bereits Anzeige, die Polizei bestätigte das auf Nachfrage der Berliner Zeitung. Ermittelt wird wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Die Tiere hätten einen solchen Umgang nicht verdient, sagt O. „Sie haben nicht das beste Image, aber mir tun sie leid. Sie sind oft auf den Menschen angewiesen, weil sie das Leben auf der Straße nicht gewöhnt sind.“ Denn oft handele es sich um gestrandete Brieftauben, die in Massen durch das Land geschickt werden. „Wenn sie keine Kraft mehr haben, kommen sie nicht weiter.“

Ein weiteres Problem: Auch andere Vögel – Spatzen, Meisen, Amseln – fressen das Gift, sterben daran. Da der Gendarmenmarkt ein Touristen-Hotspot ist, kann das Gift auch für Hunde und Kinder gefährlich werden, heißt es bei der „Aktion Fair Play“, einer Tierschutz-Seite auf Facebook. „Es werden aufgrund der vielen vergifteten Tauben dringend Pflegestellen gesucht und/oder Personen, die Tierarztbesuche übernehmen können. Die Tierschützer sind inzwischen völlig überlastet und über ihrem Limit.“

Gezielter Anschlag auf Vögel

An einen Zufall glaubt O. nicht, sondern an einen gezielten Anschlag gegen die Vögel. Denn richtig entsetzlich wurde es erst vor zwei Tagen – da legte jemand in der Wasserschale einen gerupften Vogel ab, vermutlich eine Taube. Im Juni gab es so einen Vorfall bereits, berichtet Carla H. (Name geändert), die eine Futterstelle am benachbarten Hausvogteiplatz betreibt, sich seit 20 Jahren um Hauptstadt-Tauben kümmert. „Da legte jemand ein Huhn aus dem Supermarkt vor Ort ab“, sagt sie dem KURIER. An ihrer Futterstelle seien die Giftanschläge auch ein großes Problem. „Mindestens jeden zweiten Tag streuen die Leute neues Gift und bedrohen uns beim Füttern.“ Sprüche wie „Bald gibt es wieder viele tote Vögel“ und „Wir werden Sie verfolgen, bis Sie oder die Tauben verschwunden sind“ habe sie schon häufiger gehört. „Das sind Kriminelle im bürgerlichen Outfit“, sagt sie. „Eigentlich normale Menschen, aber voller Hass gegen die Tiere. Dass sie mit den Attacken auch der Umwelt schaden, weil das Gift ins Grundwasser sickert, ist ihnen egal.“

Wie viele tote Vögel sie bereits finden musste, kann H. nicht sagen. „Aber es müssen Hunderte sein. Und das sind nur die, die wir sehen. Viele sterben auf Dächern oder im Gebüsch, wir finden sie gar nicht. Die Zustände sind grauenhaft!“