Berlin - Die Waisenbrücke? Wo ist die denn? Die Antwort lautet: Es gibt sie nicht mehr. Was nach dem Krieg in Mitte von ihr übrig geblieben war, wurde 1960 abgebrochen. Doch die Chancen, dass eine der ältesten Spreebrücken Berlins in moderner Form neu entsteht, steigen.

„Zurzeit wird die Machbarkeit eines Wiederaufbaus untersucht“, sagte Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Wie die neue Brücke aussehen könnte, zeigt ein Entwurf, den zwei angehende Architekten vorgelegt haben. Sie soll ein neuer städtischer Treffpunkt werden und das Viertel am Märkischen Museum, das ins Abseits geraten ist, aufwerten. „Dieser traurige Ort könnte so schön sein“, sagen Detlev Kerkow und Tom Walter. „Wir wollen zurückholen, was verloren gegangen ist.“

Detlev Kerkow (31) ist in Chile geboren, Tom Walter (23) stammt aus Berlin und wurde zunächst Forstwirt. Sie trafen sich beim Studium an der Beuth Hochschule für Technik, im Studiengang Architektur. Beide finden Brücken interessant. Als es um ihre Abschlussarbeit ging, stießen sie per Zufall auf die Reste der Waisenbrücke – die Anschlüsse in der Uferbefestigung sind noch gut zu erkennen. Ihnen war klar: Sie hatten das Thema ihrer Bachelor-Thesis gefunden.

Gute Aussicht vom Balkon

„Wir fingen an, uns mit der Philosophie dieses Ortes zu befassen“, sagt Walter. Das Duo fand heraus, dass die nach einem früheren Waisenhaus benannte Brücke in einen belebten Platz mündete, an dem sogar ein Kaufhaus stand. Sie erfüllte das Südufer mit dem Märkischen Platz mit Leben, war aber auch selbst ein Anziehungspunkt – mit Balkonen, Wappenschmuck, Kandelabern und drei Bögen über der Spree. Die rote Sandsteinverkleidung verlieh dem 65 Meter langen und 20 Meter breiten Bauwerk einen zusätzlichen Reiz. „Es war eine Flanierbrücke. So soll es wieder sein“, sagte Kerkow.

Die neue Brücke soll aus rotem Beton und autofrei sein. Ausgerichtet auf mehrere Blickachsen sieht sie von oben wie ein Zickzack aus, 4 bis 15 Meter breit. Es soll angenehm sein, sich dort aufzuhalten, sagt Kerkow. „Bänke soll es geben und wie früher Balkone zur Spree.“ Fernrohre mit historischen Dias laden zu Blicken in die Vergangenheit ein, Metallstreifen im Brückenpflaster zu weiteren Entdeckungstouren .

Treppenlandschaft am Wasser

Nebenan soll eine zweite Überführung einen zusätzlichen Akzent setzen. Dort könnte der hölzerne Vorläufer der alten Steinbrücke neu entstehen, 2,50 Meter breit und aufgeständert mit einer Durchfahrtshöhe von neun Metern – für weite Ausblicke. Das Bauwerk, dem eine Konstruktion aus Zug- und Spannseilen Stabilität verleiht, soll 80 Meter Spree stützenfrei überbrücken.

Besonderes Augenmerk legten die jungen Planer auf die Ufer. Sie wollen den Märkischen Platz wiederbeleben – mit einer Promenade, einem Café und einer Treppenlandschaft am Wasser. Auch auf der Nordseite sollen Schiffe anlegen.

„Mit unserer Arbeit wollen wir die Diskussion voranbringen“, sagt Kerkow. Die Planer wissen, dass es eine Ausschreibung geben muss, falls die Brücke neu gebaut wird. Ob es dazu kommt, ist noch nicht entschieden, sagt die Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung Petra Rohland. „Letztendlich ist ein Brückenneubau immer eine Frage der Prioritätensetzung und der Finanzierbarkeit.“