Es muss einer dieser Tage gewesen sein, an dem sich die britische Hauptstadt von ihrer besten Seite zeigte. Andreas Gebhard flanierte bei strahlendem Sonnenschein in Londons Stadtviertel Camden umher und genoss das Gewusel aus Live-Musik und unbeschwertem Vergnügen beim Festival „Camden Crawl“. Er kam auf die Idee, dass Berlin das auch brauche. So entstand das Konzept für das Torstraßen-Festival, dass heute zum sechsten Mal in Mitte beginnt.

Musikbands und Solointerpreten werden in Clubs, Cafés, Bars und Geschäften auftreten, Künstler, die in Berlin leben oder die Szene der Stadt beeinflussen. Es ist nicht das klassische Event mit gesperrter Straße und Handwerks- und Gourmetständen, sondern ein Treffen mit Nachbarn und Neugierigen in den Läden am Straßenrand.

Das Konzept passt zu dem, was den 41 Jahre alte Gebhard in Berlin umtreibt. Er kam vor 15 Jahren aus dem Rheinland nach Berlin, wo er Bundessprecher der Grünen Jugend war. Die kreative Seite Berlins leben zu lassen – das ist sein Ding geworden. Dafür braucht es aus seiner Sicht nicht Unmengen an Geld und auch nicht hinlänglich bekannte Weltstars und erst recht keine Menschen, die sich in der Hauptstadt nicht auskennen, sondern Typen mit Mut und Szene-Kenntnis.

So ging das vor zehn Jahren auch mit der Re:publica los, deren Geschäftsführer Gebhard ist. Am Anfang war es ein Bloggertreffen, inzwischen ist es die wohl größte Gesellschaftskonferenz Europas, geprägt von Tüftlern und Denkern aus der Digitalszene Berlins. Auch die Veranstaltung wird bereichert von Künstlern aus den Hinterhöfen. Dem Establishment der Stadt scheinen seine Konzepte offensichtlich nicht immer zu passen. Gebhard sagt jedenfalls, dass er mit seiner sperrigen Meinung immer wieder anecke.

Mit seiner Entscheidung, das Festival in die Torstraße zu bringen, hatte er auch Glück, denn die Straße hat sich in den vergangenen Jahren mit ihren Klubs, Galerien und Bars zwar verändert, ohne jedoch gleich zur Schicki-Micki-Adresse zu werden. Darüber hinaus hilft, dass die Musikszene Berlins internationaler und vielfältiger geworden ist.

Gebhard wird auf dem Festival am kommenden Wochenende Zeit haben, das Programm zu genießen, denn die Organisation hat er an drei Leute übergeben, die noch näher dran sind an der Szene. Er freut sich besonders auf den Auftritt der afrikanischen Künstlerin A.W.A. „Extrem tanzbar“, urteilt er. Und mit extrem weiter Anreise. Denn über den Tellerrand hinausschauen, das passt auch zu Gebhards Bild von Berlin.