Der Kleine Tiergarten in der Turmstraße. Hier wurde Tornike K. von einem Fahrradfahrer erschossen.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Berlin-MoabitEs geschah am helllichten Tag, mitten in Berlin, im Kleinen Tiergarten in Moabit. Es ist sonnig und heiß, als sich an diesem 23. August der gläubige Moslem Tornike K. zur Mittagszeit auf den Weg zum Freitagsgebet in die Moschee macht. Plötzlich nähert sich von hinten ein Mann auf einem Fahrrad. Zwei Teenager in der Nähe hören zweimal ein leises Klicken. Mit einer Pistole vom Typ Glock 26 samt Schalldämpfer schießt der Täter dem Vierzigjährigen aus kurzer Distanz zweimal in den Kopf. K. ist sofort tot

Ein Mord auf offener Straße. Und zugleich eine Tat, die das ohnehin schwer belastete deutsch-russische Verhältnis noch mehr erschüttern könnte. Denn jetzt stellt dieser Mord die Bundesregierung vor eine schwierige Frage: Wie soll sie reagieren, wenn sich der Verdacht bestätigt – und die Auftraggeber tatsächlich in Russland sitzen?

Mordopfer wurde schon länger verfolgt

Der Tschetschene mit georgischem Pass, der nach dem Mord unter dem Aliasnamen „Zelimkhan Khangoshvili“ bekannt wurde, balancierte schon lange am Abgrund. Im ersten und zweiten Tschetschenien-Krieg kämpfte K. als Rebellenkommandeur gegen die russische Armee. Seither fürchtete er, ermordet zu werden. Das erste Attentat überlebte er vor vier Jahren in Tiflis. Wenig später floh er in die Ukraine, entkam einem Anschlag und ging dann in den Untergrund. Vor drei Jahren kam er nach Deutschland.

Der russische Staat sei hinter ihm her, erklärte er bei seiner Asylanhörung im brandenburgischen Eisenhüttenstadt im Januar 2017. „Die russischen Organe werden einen Mord inszenieren“, sagte K. einem Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) auf die Frage, was er denn zu befürchten habe, wenn man ihn nach Russland zurückschicke. In Deutschland wolle er ein neues Leben beginnen.

„Endlich fühlte er sich sicher. Er dachte an eine glückliche Zukunft für mich und unsere vier Kinder. Er wollte nicht mehr kämpfen. Und er wollte auch nicht mehr zurück“, sagte seine Frau Manana Tsatieva vor wenigen Wochen dem Guardian. Da war ihr Mann schon tot.

Diplomatische Krise

Der Mord ruft Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges wach. Und er schürt einen Verdacht: Haben russische Dienste auf deutschem Boden einen unliebsamen Gegner ermorden lassen? Es wäre der Beginn der wohl schwersten diplomatischen Krise zwischen beiden Staaten seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Es geht um Staatsterrorismus. Und die Frage: Wie kann Deutschland auf ein solches Verbrechen reagieren?

Für die Bundesanwaltschaft scheint festzustehen, dass die Tat einen politisch motivierten Hintergrund besitzt. Ohne Moskau direkt beim Namen zu nennen, zieht die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wegen der Brisanz des Falles an sich. Karlsruhe ist offenbar davon überzeugt, dass russische Geheimdienstkreise hinter dem Anschlag stecken. Das Auswärtige Amt erklärte zwei russische Diplomaten zu unerwünschten Personen. Sie haben nun sieben Tage Zeit, Deutschland zu verlassen.

Der mutmaßliche Killer wird kurz nach der Tat festgenommen. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft – und schweigt. Die Ermittler finden bei ihm 3 000 Euro in bar, zwei Hotel-Karten und einen brandneuen russischen Pass. Das Dokument weist den Verdächtigen als den russischen Staatsbürger Vadim Sokolov aus.

Fahndungsausschreibung russischer Behörden

Deutsche Fahnder stoßen im Verlauf ihrer Ermittlungen auf eine Fahndungsausschreibung der russischen Behörden. 2013 soll der gebürtige Kasache Vadim Krasikov einen russischen Kaufmann erschossen haben – per Kopfschuss mit einer Pistole samt Schalldämpfer. Auch damals nähert sich der Täter mit einem Fahrrad seinem Opfer. Ein Vergleich der biometrischen Daten der Fahndungsbilder legt nahe, dss es sich um ein und dieselbe Person handelt.

Laut Hypothese des Bundeskriminalamtes ist Vadim Krasikov unter dem falschem Namen Vadim Sokolov vom russischen Geheimdienst nach Deutschland geschleust worden, um K. zu ermorden. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Indizien (die Berliner Zeitung berichtete).

Ein weiterer Mann wird mit dem Fall in Verbindung gebracht: Ramzan Kadyrow, seit Mai 2007 kremltreuer Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Kadyrow soll laut Guardian eine ganze Reihe von Morden an Ex-Rebellen in Auftrag gegeben haben, viele davon in der Ukraine, wo zahlreiche Tschetschenen an der Seite ukrainischer Regierungstruppen gegen prorussische Kräfte kämpfen.

Russland streitet Tatbeteiligung ab

Die offizielle russische Seite streitet eine Tatbeteiligung vehement ab, verweigert aber gleichzeitig jede Form der Zusammenarbeit. „Wir haben den Typen, aber er spricht nicht, während Russland jede Hilfe verweigert“, klagte schon im September Patrick Sensburg (CDU), Mitglied im Geheimdienstausschuss des Bundestages. Sensburg fügte hinzu: „Russland sollte helfen, wenn es nichts zu verbergen hat.“ Stephan Thomae, Vizechef der FDP im Bundestag, spricht nun von einem „diplomatischen Störfall allerersten Grades“, der „nicht ungeahndet bleiben kann.“

Grünen-Außenexperte Omid Nouripour forderte die Bundesregierung auf, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verschärfen. „Wir können nicht immer nur Pappkameraden aufstellen. Geschäftsbeziehungen dürfen nicht über der Souveränität Deutschlands stehen. Was Russland in Moabit inszeniert hat, ist eindeutig eine Verletzung der deutschen Souveränität, die nicht geduldet werden darf“, sagte Nouripour.

Wie tief der Kreml tatsächlich in den Berliner Mordfall verwickelt ist, werden die weiteren Ermittlungen zeigen.