Berlin-Moabit: Tag der offenen Tür im Kriminalgericht

Der Angeklagte wird in den Gerichtssaal geführt. Er ist an den Händen gefesselt, was in einem Strafgericht nicht ungewöhnlich ist. Der Prozess beginnt, da machen zwei Männer, die unter den Zuschauern sitzen, lautstark auf sich aufmerksam. Sie lassen sich nicht beruhigen, werden handgreiflich. Schließlich müssen die Wachtmeister einschreiten. Die Uniformierten bringen die Störer zu Boden und führen sie schließlich aus dem Saal.

Solche oder ähnliche Szenen werden sich am kommenden Sonnabend im Moabiter Kriminalgericht abspielen. Europas größtes Strafgericht öffnet an diesem Tag seine Tore für Besucher. Achtmal werden die Wachtmeister ihr Können unter Beweis stellen und auf Störer einer Gerichtsverhandlung reagieren.

Fragen an die Wachtmeister

„Solche Situationen sind zum Glück selten, aber es gibt sie“, erzählt Gerd Beister, der Leiter der Zentralen Dienste Sicherheit (ZDS) und damit Chef über die 238 Wachtmeister, die derzeit in Moabit arbeiten. Der 59-Jährige wird am Sonnabend die Vorführungen der Beamten moderieren. Und er wird dabei auch Fragen des Publikums beantworten. „Oft wird beispielsweise gefragt, ob und wie wir bewaffnet sind“, erzählt Beister.

Es ist der fünfte Tag der offenen Tür am Moabiter Kriminalgericht, der seit dem Jahr 2006 in unregelmäßiger Folge durchgeführt wird und bis zu 2 500 Neugierige angelockt hat. Beister sagt, die Veranstaltung sei für ihn so reizvoll, weil „wir damit fernab jedes Dienstbetriebs unsere Arbeit darstellen können“.

141 Mitarbeiter des Amtsgerichts Tiergarten, des Landgerichts Berlin, der Staatsanwaltschaft und der Amtsanwaltschaft sind an diesem Sonnabend dabei, um das Publikum über die Arbeitsweise des Gerichts zu informieren und die Besucher auch dorthin zu begleiten, wo es normalerweise keinen Zutritt gibt. Zum Haftrichter zum Beispiel oder in die Innenhöfe. In den Höfen wird gegrillt, und historische Polizeiwagen sind zu sehen.

„Es gibt auch die Möglichkeit, die Briefannahmestelle zu besuchen“, erzählt Beister. In diesem internen Postamt bewältigen die Mitarbeiter jeden Tag fünf Tonnen Papier. In den Sälen 217, 220 und 537 werden Gerichtsverhandlungen nachgestellt. Mit echten Richtern und Staatsanwälten sind sie echten Fällen zumindest etwas nachempfunden.

Auch die bekanntesten Schwurgerichtssäle in Moabit – der 500er und der 700er - können besichtigt werden. Die eichengetäfelten Hochsicherheitsräume dienten schon immer den großen Berliner Strafprozessen. Das bisher letzte spektakuläre Verfahren um den Mord an einer jungen Pferdewirtin endete dort Anfang des Jahres mit lebenslangen Haftstrafen für vier der fünf Angeklagten. Derzeit sind die Säle in der Woche unter anderem Schauplatz für das Mordverfahren gegen den harten Kern der Berliner Hells Angels sowie den Prozess gegen zwei Dschihadisten und Syrien-Rückkehrer.

„Bei den Hausführungen wird es zwei verschiedene Routen geben, damit sich die Leute nicht auf die Füße treten“, erzählt Gerichtssprecher Tobias Kaehne. Launig und kurzweilig würden die Besucher dabei durch die Geschichte des Anfang des vergangenen Jahrhunderts erbauten Gebäudes geleitet.

Verlobt im Verlobungsring

Man erfährt beispielsweise, dass es ein besonders System von Gängen gibt, durch die die inhaftierten Angeklagten in die Sitzungssäle geführt werden. Und auch solche Episoden werden erzählt, wie die über den sogenannten Verlobungsring. Jener Stelle, an der sich früher Frauen mit ihren angeklagten Freunden spontan verlobten, umso vor Gericht ein Zeugnisverweigerungsrecht begründen und somit schweigen zu können.