Der Klassiker: Die Siegessäule zählt zu den Wahrzeichen Berlins wie der Fernsehturm, das Brandenburger Tor und eine gewisse Form der Ruppigkeit. 
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BerlinGut, dass es die U-Bahn gibt. Das gleichförmige Rattern durchs Halbdunkel, das gleichbleibend freundliche „einsteigen bitte, zurückbleiben bitte“ an den Haltestellen – es erlaubt ein Atemholen in dieser atemlosen Stadt. Bis es nach ein paar Stationen eben wieder so weit ist. Bis sich die Neugier zurückmeldet.

Bis es einen wieder machtvoll nach draußen zieht zu weiß Gott was. Das heißt, auch Gott wird nicht wissen, was da draußen kommt. Immer kommt es anders als man denkt. Jedenfalls anders, als jemand denkt, der nach 15 Jahren in Paris die deutsche Hauptstadt erkundet. Spannung pur. Und natürlich kommt es auch in Wedding anders als gedacht.

Einen „noch proletarisch geprägten Kiez“ hatte der in Kreuzberg lebende Bruder prophezeit. Und zunächst sieht es auch danach aus. Kaum blinzelt man am U-Bahn-Ausgang Pankstraße ins Tageslicht, schaut man auch schon auf zu harten Kerlen. An einer Hausmauer prangen Megaporträts der fußballerisch unterschiedlich erfolgreichen Boateng-Brüder Jérôme, Kevin-Prince und George. „Gewachsen auf Beton“, steht über den dreien.

Was wohl heißen will: Hier kriegt man nichts geschenkt, hier kann man sich allenfalls hocharbeiten. Drum herum werben Kebab-Buden, Sonnenstudios und Spielautomaten-Casinos um Kundschaft. Am Panke-Ufer fällt der Blick auf rostige Schiebegitter, eine Lagerhalle mit der Aufschrift „No Future“ und einen zur ewigen Ruhe aufgebahrten löchrigen Kahn.

Helden in Wedding: Die bolzenden Boateng-Brüder.
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Doch schon bricht auch hier Unerwartetes, Unpassendes herein. Aus der Lagerhalle dringt der Bass eines Konzertflügels, mehr Donnergrollen als Musik. Ein Klavierstimmer bringt das Grollen hervor. Mit dem Schraubenschlüssel zieht er Saiten nach, kontrolliert auf der Tastatur den Erfolg seiner Arbeit. „Wir restaurieren Klaviere, das ist der Piano-Salon Christophori“, sagt der auf einem Schemel kniende Mann, deutet auf ein Dutzend weitere Konzertflügel.

Als die Dunkelheit hereinbricht, drängen Besucher in die Werkstatt. Und dann kommt auch noch sie, Schaghajegh Nosrati, eine Pianistin. Der Klavierstimmer schaut auf, sammelt sein Werkzeug ein, überlässt Nosrati den Schemel. Aber was heißt da Pianistin. Die Tochter iranischer Einwanderer erweist sich als vielfach preisgekrönte Virtuosin. Selbst das Concerto pour piano seul geht ihr leicht von der Hand, dieses gemeinhin als zu schwer, als unspielbar beiseitegelegte Werk des französischen Romantikers Charles-Valentin Alkan. Feiner, filigraner als hier im Kiez der Boatengs kann Klavier nicht klingen. Allenfalls der Preis mag ins noch proletarisch geprägte Viertel passen. Zwanzig Euro haben die Besucherinnen und Besucher bezahlt, um Nosrati aus nächster Nähe zu erleben.

Offen für alles und jeden

Gegenüber vom Piano-Salon haben auf ehemaligem Fabrikgelände die „Uferstudios für zeitgenössischen Tanz“ eine Bleibe gefunden. Auf einem stillgelegten Backsteinschlot steht, was als Motto von ganz Berlin herhalten könnte: „Open Spaces“. Offen für alles und jedes scheint diese Stadt.

Nichts ist ausrechenbar. Der alte Hamburger Bahnhof erweist sich als Museum für Gegenwart, das zum Aufwärmen aufgesuchte Café Oberholz als internationaler Start-up-Treff mit Coworking Zones, Meeting Rooms und Team Offices.

Die mit Spiegelregalen und Kolbengläsern bestückte Apotheke am Oranienplatz entpuppt sich als Cocktail-Bar, wo neben Daiquiris und Margaritas auch Sauerkraut- oder Tannenmixturen zu haben sind.

Früher Apotheke, jetzt Bar: ORA am Kreuzberger Oranienplatz.
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Und am Potsdamer Platz mit seinen himmelwärts strebenden Glitzerglasfronten gibt sich die hessische Landesvertretung bodenständig. Zum guten alten Martinimarkt bittet sie, lässt vor Holzbuden, Biertischen und Strohballen Glühwein ausschenken.

Berlin ist unfertig

Paris wirkt gefestigter, geschlossener, jedenfalls das Paris innerhalb der Ringautobahn. Zwei Millionen Einheimische und sämtliche Paris-Touristen drängen dort durch ein dicht bebautes, von Baron Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts entworfenes Ensemble von zeitloser Harmonie und Schönheit. Und so soll es bleiben, 1800 Häuser stehen unter Denkmalschutz.

Berlin ist unfertig, so sehr Baukräne und Pressluftbohrer auch allseits vollendete Tatsachen schaffen, so sehr Scharen von Bauherren unterschiedliche, wenn nicht widersprüchliche Pläne vorantreiben. Alles scheint erlaubt, auch Hässliches, wie etwa dieser vor der Vollendung stehende Verlagsneubau in der Axel-Springer-Straße. An einen aus dem Weltall herniedergegangenen, düsteren Gesteinsklumpen erinnert er.

Nicht Verbot, sondern Gebot

Als besonders offene Räume erweisen sich die Berliner Parks. Das Laisser-faire, das man an der Seine vermutet, gedeiht in Wahrheit an der Spree. Im Pariser Jardin du Luxembourg füllen an Besucherinnen und Besucher gerichtete Verbote sechs Seiten. Musizieren darf man dort allenfalls mit zuvor einzuholender Sondergenehmigung. Hunde sind an der Leine zu halten, Fahrräder und Roller ganz tabu. Das Betreten des Rasens ist nicht gestattet. Fußball spielen geht schon gar nicht. Und bei Einbruch der Dunkelheit ist ganz Schluss. Der Park macht dann zu.

Im Berliner Tiergarten geht alles und zwar rund um die Uhr. Im vergangenen August vergnügten sich dort Fußball- und Frisbee-Spielerinnen, Rad- und Rollerfahrer. Kinder tollten mit Hunden herum. Sonnenhungrige, teils bekleidet, teils nackt, breiteten Handtücher aus, machten sich über Picknickkörbe her.

Bei einem zweiten Tiergarten-Besuch im November fällt der Blick auf eine am Osteingang montierte Metalltafel. Nicht Verbote, sondern ein Gebot weist sie aus: das Gebot, nach der Verfolgung der Homosexuellen im nationalsozialistischen Deutschland Angriffen auf Schwule und Lesben entschieden entgegenzutreten.

Und als wäre das alles nicht schon beeindruckend genug, ist der Berliner Tiergarten auch nur eine von vielen Oasen nach Erholung dürstender Städter – ein Reichtum, dessen Ausmaß sich bereits bei der Anreise aus der Luft erschließt. Übersät mit grünen und blauen Tupfern, mit Wäldern, Wiesen, Wasser, zeigt sich die Stadt beim Landeanflug. Frankreichs Impressionisten hätten ihre Freude daran gehabt.

Berliner sind unverblümt offen – ohne verbalen Schnickschnack

Platz ist in Berlin aber auch für die unrühmliche Vergangenheit. Wo Frankreichs Hauptstadt stolz an glorreiche Historie erinnert, gemahnt die deutsche an die Zerstörung des Krieges, den Holocaust, die Mauer. Offen sind schließlich auch die Menschen – unverblümt offen. Verbale Verrenkungen im Namen der Höflichkeit? Versteckspiele hinter Floskeln? Fehlanzeige.

Allein der an Pariser Umgangsformen gewöhnte Fremde greift zum Konjunktiv. „Könnte ich bitte bei Ihnen bestellen?“, ruft er am Gendarmenmarkt dem vorbeieilenden Kellner hinterher. „Bei wem wollnse denn sonst bestellen, is ja sonst keener da“, bescheidet der Gerufene den Gast. Solch offenen Umgang nicht gewohnt, verfällt dieser in Schweigen. Bis ein breites Grinsen des Kellners erst zum Aufgeben der Bestellung ermutigt und später dann auch zum Austausch der jeweiligen Lebensgeschichte – ohne verbalen Schnickschnack, versteht sich.

Selbst der Weg von der Wohnungstür des Bruders zur nur eine Straßenecke entfernten U-Bahn-Haltestelle Gneisenaustraße birgt eine Fülle von Überraschungen. Bereits im Treppenhaus geht es los. Hier baumelt neben der Wohnungstür eine spanisch-sprachige Liebeserklärung an eine Katze. Dort lässt ein Klingelschild aufmerken, auf dem in trauter Harmonie jüdisch- und arabischklingende Namen zusammengefunden haben.

In Hausflur und Hof beeindrucken zwei Dutzend auf engstem Raum ineinander geschobene Fahrräder. Draußen vor der Tür beeindruckt das Selbstbewusstsein eines Fahrradbesitzers. Der Radler trommelt auf die Kühlerhaube eines Wagens, der Anstalten macht, in exklusives Zweirad-Terrain einzudringen. Der Autofahrer gibt klein bei, tritt den Rückzug an.

Gib Gummi! Berlin kann auch ganz schön nostalgisch sein. 
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An der Ecke zur Gneisenaustraße löst die Zyankali-Bar Erstaunen aus, die Gäste mit 66-prozentigem Absinth abfüllt. Noch mehr verwundert freilich ein nebenan montierter Automat. Es gibt ihn also tatsächlich noch, diesen in der Kindheit heiß geliebten Kasten, der nach Einwurf einer Münze und dem Drehen an einem Knauf knallbunte Kaugummi-Kugeln ausspuckt. Beim Anblick des ein halbes Jahrhundert verschollenen Geräts verdichtet sich die Ahnung zur Gewissheit. Wenn es irgendwo auf der Welt alles gibt, wenn irgendwo alles möglich ist, dann hier, dann in Berlin.