Berlin nach dem Anschlag: Traurig, aber unverwüstlich

Breitscheidplatz

An diesem Mittwoch holen sich die Berliner und die Besucher das Herz der Stadt endgültig zurück. Bereits am Abend zuvor waren viele zum Anschlagsort gekommen, sie wollten mit eigenen Augen sehen, was sie zuvor im Fernsehen erfahren hatten, wollen nicht fassungslos allein sein. Nachdem es tagsüber ruhig geblieben war, kamen sie am Abend, um Blumen abzulegen und Kerzen anzuzünden. Es sind viele Blumen geworden, es sind viele Kerzen.

Am Mittwoch nun, an diesem kalten, sonnigen Wintertag, stehen Hunderte Menschen an den Absperrungen auf der Budapester Straße, schlendern an mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten vorbei durch das immer noch geschlossene Hüttendorf des Weihnachtsmarktes. Sie bringen immer noch Blumen und Kerzen mit, machen Fotos. Und doch liegt eine würdevolle Stille über der Szenerie, viele flüstern allenfalls, wenn sie sich unterhalten. Die meisten schweigen.

Eine lange Schlange bildet sich vor der Gedächtniskirche, wo das Kondolenzbuch des Landes Berlin ausliegt. Tatsächlich sind es zwei. Links und rechts vom Altar sind jeweils Loseblattsammlungen aufgeschichtet, die die Senatskanzlei anschließend zu einem Buch binden will. Unterbrochen nur vom Mittagsgebet, stehen die Leute geduldig an – in sich gekehrt, gesammelt.

Lauter geht es zur selben Zeit auf der anderen Seite des Kurfürstendamms zu. Dort singen auf dem Bürgersteig zwei Chöre und zufällig vorbeikommende Passanten gemeinsam „We Are The World“ und „Stille Nacht“. Initiiert hat das gemeinsame Singen die amerikanisch-berlinische Soulsängerin Jocelyn B. Smith. Sie probt seit längerer Zeit regelmäßig mit dem Laienchor „Everybody Can Sing“ in der Gedächtniskirche. Am Mittwoch nun haben sich die Jedermann-Sänger mit dem Begegnungschor zusammengetan, in dem Berliner einmal pro Woche mit Geflüchteten gemeinsam singen. Am Ende versucht sich der bunt gemischte Chor noch an dem Gospel „Shine A Light“.

Friedrich-Krause-Ufer, Moabit

Zwischen dem Schifffahrtskanal und dem S-Bahn-Ring am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit erstrecken sich die Industriegebäude von ThyssenKrupp. Am Mittwochmittag ist die Straße zwischen Uferböschung und Industriegebäuden auf einer Länge von circa 500 Metern abgesperrt. Die Kriminalpolizei sucht mit Metalldetektoren den Straßenabschnitt und die Gebüsche an der Seitenlinie ab.

Ein paar Meter entfernt parkt ein Lkw. Der Fahrer sitzt im Führerhaus und beobachtet die Arbeit der Polizisten aus der Ferne. Er sei in der Nacht aus Ungarn hergekommen, sagt er, und warte nun darauf, seine Ladung beim Stahlunternehmen ThyssenKrupp abzuliefern. Von dem Anschlag hat er im Radio gehört, auch ungarische Medien haben darüber berichtet. „Der Lkw kam also von hier?“ fragt er. Das habe er nicht gewusst.

Hier, unweit vom Westhafen, parkte am Montag der Lkw der polnischen Speditionsfirma, bevor der Laster sich laut GPS-Daten am frühen Montagabend in Richtung des Weihnachtsmarkts an der Gedächtniskirche in Charlottenburg in Bewegung setzte. Die Spurensicherung versucht zu rekonstruieren, was sich am Montag hier zutrug, ob der Laster möglicherweise mit Gewalt in die Hände des Attentäters gelangte.

Es sind kaum Passanten und Schaulustige zu sehen, es kommt nur vorbei, wer hier arbeitet, am Ufer spazieren geht oder in die Ausländerbehörde will, die direkt neben dem Gelände liegt.

Dort ist gerade ein junger Mann unterwegs, er sei Syrer, sagt er, er habe einen Asylantrag stellen wollen. Ohne Termin sei er aber wieder weggeschickt worden. Erst von den Mitarbeitern habe er erfahren, was es mit der Polizeiabsperrung auf sich hat.

Neben der Behörde steht ein kleiner Kiosk. Hier holen sich auch die Trucker, die ihre Ladung bei ThyssenKrupp abliefern, einen Kaffee. Die beiden Kiosk-Mitarbeiter räumen gerade auf, wollen für heute schließen. „Wir haben nicht gesehen, was hier am Montag los war, hier stehen jeden Tag Lkws“, sagt einer. Auch eine Spaziergängerin bleibt kurz stehen. Am Montag sei sie nicht weit vom Anschlagsort entfernt gewesen, sie arbeitet am Kudamm, erzählt sie. „Es ist schrecklich, was passiert ist“, sagt sie. Dann geht sie weiter.

Gendarmenmarkt

Es mag an der Sonne liegen, die sich am Mittwochnachmittag zum erstem Mal seit Tagen zeigt, dass über dem Gendarmenmarkt ein Lächeln zu liegen scheint. Es ist kein ausgelassenes Gelächter und auch kein grimmiges Jetzt-erst-recht-Grinsen, sondern wirklich ein Lächeln. Selbst die Polizeibeamten, die den Weihnachtsmarkt sichern, wirken hier weniger grimmig als am Breitscheidplatz. Sie schlendern eher unauffällig durch die Menge und gucken auch mal in die Auslagen der einen oder anderen Bude.

Vor den Glühweinständen stehen Angestellte der umliegenden Büros, die sich zur Mittagspause verabredet haben. „Das machen wir oft so in der Weihnachtszeit“, sagt ein junger Mann, und seine drei Kolleginnen nicken. Ihre Namen wollen sie lieber nicht verraten und schon gar kein Foto von sich machen lassen. Was aber nichts mit der Sicherheitslage in Berlin zu tun hat. „Unser Arbeitgeber erlaubt keinen Alkohol während des Tages“, sagt eine der jungen Frauen und saugt am Strohhalm den Rest ihres Eierpunsches aus dem Glas. Angst jedenfalls haben sie keine.

Auch das ältere Ehepaar, das am Schmuckstand ausgefallene Pinguin-Ohrringe bewundert, sagt: „Das Leben muss halt weitergehen.“ Seit Jahren fahren sie jedes Jahr aus Reinickendorf zum Gendarmenmarkt, weil der Markt „einfach ein anderes Niveau hat“. Die Taschenkontrollen am Eingang haben sie nicht verunsichert. „Die gibt es doch jedes Jahr, damit niemand Schnaps einschmuggelt“, sagt die Frau.

Bei den Händlern ist das Echo unterschiedlich. Sie finden es alle richtig, dass die Weihnachtsmärkte wieder geöffnet wurden. „Doch um das Geschäft geht es mir dieses Jahr nicht mehr“, sagt eine Designerin im Kunstgewerbezelt. Sie hat ihre Verkäuferin schon heimgeschickt. „Ich mache das bis zum Ende des Marktes jetzt alleine.“

Ein anderer Verkäufer, der Mützen und Schals verkauft, wird gerade von einem englischen Journalisten interviewt. Der stellt die Frage, die alle stellen: Wie er sich so fühle, nach den Anschlägen und überhaupt? Der junge Mann antwortet freundlich auf Englisch: „Es ist schon seltsam, aber das Leben geht eben weiter.“ Sophie, eine junge Verkäuferin, die am Stand für Weihnachtsbaumkeramik aushilft, findet, dass fast so viele Besucher da sind wie sonst auch an einem Mittwoch. „Nur die Rentnerbusse aus den anderen Bundesländern fehlen heute“, sagt sie, „die wollten wohl nicht kommen.“

Regierungsviertel

Immerhin, eine Handvoll Journalisten ist an diesem Mittwoch gekommen. „Wir haben einen ganz wichtigen Schritt zurückgelegt“, sagt Umweltministerin Barbara Hendricks. Die SPD-Politikerin hat zur Pressekonferenz im Ministerium an der Berliner Stresemannstraße einen Staatssekretär und fünf Beamte mitgebracht: „Das ist historisch betrachtet das wichtigste Gesetz in dieser Legislaturperiode unter meiner Verantwortung“, sagt sie.

Tatsächlich ist das Gesetz zur atomaren Endlagerung, das am Morgen vom Kabinett gebilligt wurde, ein Mammutprojekt mit mehr als tausendjähriger Langzeitwirkung. Doch das öffentliche Interesse wird ganz von dem Anschlag am Breitscheidplatz absorbiert.

Wer an diesem Mittwoch vom Umweltministerium am Potsdamer Platz zum Reichstag und weiter durch das Regierungsviertel läuft, spürt freilich wenig von möglichen Auswirkungen der mutmaßlichen Terrorattacke. Die Sicherheitsvorkehrungen um das Parlament sind nicht sichtbar verstärkt. Nur sieht man weniger Touristen als sonst. Der Pförtner öffnet nach kurzem Blick auf den Ausweis die Tür. Im Plenarsaal säubert die Angestellte einer Reinigungsfirma mit einem großen Staubsauger den blauen Boden. Durch die unterirdischen Verbindungsgänge zum Jakob-Kaiser-Haus huschen ein paar Abgeordnete, die letzte Arbeiten vor Weihnachten in ihren Büros zu erledigen haben.

Die Stimmung wirkt ernst, aber in keiner Weise alarmiert oder panisch. „Angst“ hat die Bild-Zeitung morgens groß getitelt. Im Regierungsviertel kann sie nicht gewesen sein. Fast ein bisschen unheimlich wirkt hier die besonnene Normalität. In der Kantine des Paul-Löbe-Hauses gibt es mittags Leberkäse mit süßem Senf. Man könnte glauben, die zahlreichen Besucher wollten demonstrativ zeigen, dass sie sich vom Terror nicht ihr Leben diktieren lassen.

Drei Etagen höher, im Sitzungssaal 2300, ist der Horror freilich präsent. Hier berät der Innenausschuss hinter verschlossenen Türen mit Sicherheitsexperten über die Konsequenzen des Berliner Anschlags. Draußen drängeln sich drei Dutzend Kamerateams. „Von der heutigen Sitzung sollte das Signal ausgehen, dass wir uns weder von Islamisten noch von Rechtspopulisten durch die Arena treiben lassen“, sagt die Grünen-Abgeordnete Irene Mihalic. Auch sonst wirken die Stellungnahmen deutlich weniger aufgeregt als in den Talkshows.

Über die Spree und vorbei an ein paar Joggern geht es zur Bundespressekonferenz. Wie an jedem Mittwoch berichtet Regierungssprecher Steffen Seibert über die morgendliche Kabinettssitzung. Normalerweise ist der Vortrag kurz, doch heute dauert er 17 Minuten. Vom Betriebsrentengesetz über neue Regeln gegen Steuerbetrug, das Verbot lauter Güterwagen bis zum Nationalen Aktionsplan Menschenrechte reicht das Spektrum. Man könnte glauben, die Regierung wolle in Zeiten des Terrors demonstrativ Handlungsfähigkeit beweisen. Doch die Vorlagen befinden sich seit Langem im Abstimmungsprozess. „Das ist der übliche Jahresendspurt“, sagt Hendricks. Etwas aber ist doch anders als sonst. Während sich das Kabinett meist gut gelaunt in die Feiertage verabschiedet, sei die Stimmung dieses Mal bedrückt gewesen, berichtet die Ministerin.

Pariser Platz

Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor steht eine große Tanne, geschmückt von Lekker. Der Stromanbieter wirbt mit Bändern für sein Unternehmen, einer der Sprüche heißt: „Wir laden Leben auf.“ Seltsam, wie nach dem Anschlag Worte plötzlich ihren Sinn verändern können. Rund um den Baum stehen Teelichter und Kerzen auf dem Boden, manche Besucher haben kleine Schilder aufgestellt. „From Aleppo to Berlin, we know your pain“, steht darauf. Oder: „Voller Liebe für die Vielfalt und Freiheit unserer unverwüstlichen Stadt.“

Gleich daneben steht der Droschkenkutscher bei seinen Pferden und wartet auf Kundschaft. Eigentlich sei der Platz für einen Mittwoch gut besucht, sagt er, aber meist sind es Gruppen, die nach dem Besuch im Reichstag zum Tor herüberkommen. Und die fahren nicht mit der Kutsche durch Berlin.

Ansonsten hat der Mann seine eigenen Sorgen – die Polizei verteilt Knöllchen, wenn sie mit ihren Droschken auf dem Platz erwischt werden, denn das wird seit einiger Zeit nicht mehr geduldet. Heute waren sie auch schon auf dem Platz, aber momentan haben sie andere Probleme.

Vor der amerikanischen Botschaft sind die Poller ausgefahren, davor stehen zwei Polizisten, aber das ist der übliche Sicherheitsstandard und keine direkte Folge des Terrors, der die Stadt erreicht hat. Davor erzählt eine Stadtführerin gerade ihrer Gruppe, wie die Fans im Jahr 2002 das nahe gelegene Hotel Adlon belagerten und Michael Jackson schließlich sein Baby aus dem Fenster hielt. Michael Jackson gehört inzwischen zur Geschichte des Pariser Platzes wie Max Liebermann, Ronald Reagan oder der Tanz auf der Mauer im November ’89. Und wie die Farben, in denen das Brandenburger Tor angeleuchtet wird, seit es den Terror gibt.

Über den Terroranschlag hätten sie hier nicht gesprochen, sagt ein junger Mann aus Ägypten, der zu der bunt zusammengewürfelten Touristengruppe gehört. Aber er habe davon am Morgen im Radio gehört. Für einen Moment geht er dann zu dem Baum mit den Blumen und Kerzen und schaut in die kleinen Flammen, die im Wind flackern.

Hauptbahnhof

Polizisten mit Maschinenpistolen gehören auf dem Hauptbahnhof eigentlich nicht zum Bild. Aber an diesem Tag patrouillieren sie in der Empfangshalle und vor dem Gebäude, paarweise, zwei bis drei Streifen, rund um die Uhr. Ab und zu kommt ein Passant auf sie zu, die meisten wollen nur eine Auskunft. Sonst ist eigentlich alles wie immer.

Oben, im ersten Stock, steht ein Ordner am Seiteneingang, aber er bewacht ihn nicht, er ist „nur mal eine rauchen“, wie er sagt. Es gebe keine besonderen Anweisungen für die Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn, nur diese: Augen offen halten.

Ansonsten geht auf dem Bahnhof jeder seinen Geschäften nach. Zwei junge Männer verteilen Gutscheine von Ikea, fünf Euro gibt’s beim nächsten Einkauf. Die Läden und Cafés sind gut gefüllt, die Reisezeit hat kurz vor Weihnachten schon begonnen. Eine Frau verteilt Broschüren, auf denen „Erwachet“ steht. Aber das ist kein Service, wie man sich vor Terror schützen kann, es sind Bibeltipps dazu, wie man Infektionen vermeidet.

Und die Polizei gibt in einer Broschüre, die an ihrem Stand ausliegt, Ratschläge gegen Tricks von Taschendieben, deren Anwesenheit hier, statistisch gesehen, viel wahrscheinlicher ist als ein terroristischer Angriff. Auch heute werden sie irgendwo auf ihre Opfer lauern. Alltag auf dem Bahnhof, hektisch wie immer, Männer und Frauen eilen mit Koffer und Taschen und Tüten auf die Bahnsteige, aber ohne sichtbare Angst oder Hysterie.

Auf einer Leuchttafel wechseln neueste Nachrichten mit Werbeclips. Die ARD vermeldet eine heiße Spur, die die Ermittler im Terrorfall verfolgen. Niemand bleibt stehen und schaut hin.