Silvester in Neukölln: „Krass, dass die Polizei hier nichts zu melden hat“

Nicht nur die Sonnenallee ist in der Silvesternacht ein „Schwerpunkt“ und einer der gefährlichsten Orte der Stadt. Ein Bericht aus der lautesten Berliner Nacht.

In der Silvesternacht ist die Sonnenallee ein gefährliches Revier.
In der Silvesternacht ist die Sonnenallee ein gefährliches Revier.Volkmar Otto

Die letzten Vernünftigen flüchten. Ein paar Frauen und ein etwa 50-jähriger Mann eilen weg von der Straße, weg von der Gefahr. Sie versammeln sich in einem Hauseingang. Glücklicherweise hat hier auch noch ein Café geöffnet und bietet Schutz. Schutz vor der Druckwelle. Denn die ist tatsächlich so stark, dass sie kaum von einem legalen Böller stammen kann.

Es ist die Silvesternacht in Berlin. Die ganze Stadt ist in Feierlaune. Und besonders krass ist es in Neukölln. Ein Stadtbezirk, in dem schon in normalen Nächten von einigen beklagt wird, dass es so manchen rechtsfreien Raum gibt. Doch nun herrscht die alljährliche Anarchie am allerletzten Tag des Jahres. Ein Böllergewitter, das fast so klingt wie Bürgerkrieg.

Auch Kadriye Ercan steht hier an diesem Café. Die 29 Jahre alte Berlinerin ist erst vor einer Woche nach Neukölln gezogen, sagt sie. Und nun das. Sie wollte nur zu einer Party, und nun steckt sie hier fest. Sie ist sich sicher: „Diese Art von Silvester gefällt niemandem.“ Raketen fliegen durch die Luft, ein Böller nach dem anderen wird gezündet und auf die gegenüberliegende Straße geworfen. „Es ist doch wirklich krass, dass die Polizei hier nichts zu melden hat“, sagt Kadriye Ercan.

Die Berliner Polizei erklärt die Sonnenallee, Ecke Reuterstraße auch an diesem Silvesterabend zu einem der „Schwerpunkte“. Gegen 22:30 Uhr stehen hier noch sechs teils behelmte Polizisten. Ihnen gegenüber eine Gruppe, vielleicht 20 Mann stark. Ein Polizist sagt, er und seine Kollegen befürchten, dass es Mitternacht noch viel mehr Ärger geben wird.

Die Silvesternacht an der Sonnenallee, Ecke Reuterstraße
Die Silvesternacht an der Sonnenallee, Ecke ReuterstraßeVolkmar Otto

Junge Männer zünden ihre Raketen an bereits ausgebrannten Batterien an. Teenager schießen Raketen aus der Hand in die Luft. Eine Aral-Tankstelle steht unter Beschuss. Die Sonnenallee in der Silvesternacht ist Chaos pur.

Gefeiert wird überall und zwar heftig

Natürlich sind die berüchtigten Silvester-Böller-Schlachten von Neukölln extrem. Aber auch in anderen Teilen der Stadt wird in diesem Jahr ebenfalls heftig geböllert – auch wenn solche Eindrücke immer schwer mit Zahlen zu belegen sind. Schon am Abend des ersten Verkaufstages ist es in einigen Gebieten dieser Stadt so laut wie früher erst am Silvesternachmittag.

Berlin feiert sich laut ins neue Jahr. In den Corona-Jahren waren die Silvesterfeiern oft stillere Feste. Doch dieses Mal werden bereits am Abend vor Silvester bundesweit etliche Menschen in Krankenhäuser eingeliefert – mit Verletzungen durch wohl illegales Feuerwerk.

Weihnachten ist klassischerweise das Fest der Familie, der Stille, der Behaglichkeit. Silvester ist das Gegenteil davon: Das Jahresende wird gern mit einem sehr lauten Knall verabschiedet. Und das neue Jahr mit einem noch lauteren Feuerwerk um Mitternacht begrüßt.

Mittendrin: Mustafa Öcalan. Er sitzt vor einem Dönerimbiss am Hermannplatz in Neukölln. Die Sprachbarriere ist dank Smartphone schnell überwunden. Öcalan ist Kurde und vor einem Jahr aus der Türkei nach Neukölln gekommen. Ihm scheint das Chaos nichts auszumachen. Der 43-Jährige sagt, er liebe Deutschland.

Jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund

Die Sonnenallee gilt als „arabische“ Straße. Jeder Zweite hier hat laut dem Mediendienst Integration einen Migrationshintergrund. Shishabars und Hähnchenimbisse prägen das Straßenbild. Bei vielen Berlinern ist die Sonnenallee berüchtigt. Berüchtigt für gewalttätige Auseinandersetzungen und misslungene Integration.

Doch Andi M. mag es hier. „Hier ist was los“, sagt er. Der Mann kommt aus Leipzig und sitzt nun ebenfalls vor dem Imbiss am Hermannplatz und lässt sich seinen Döner schmecken. Seiner Meinung nach sei es hier nicht anders als anderswo in Berlin. In Friedrichshain und Prenzlauer Berg sei es am Silvesterabend ähnlich. Er habe jahrelang in Berlin gewohnt. Der 35-Jährige räumt aber ein, dass er langsam aus dem Alter rauskomme, in dem er diese Art von Silvester „lustig“ findet.

Vor Mitternacht ist die Polizei in der Sonnenallee, Ecke Reuterstraße vor Ort.
Vor Mitternacht ist die Polizei in der Sonnenallee, Ecke Reuterstraße vor Ort.Volkmar Otto

Auch in anderen Gegenden Berlins ist die Party in vollem Gange. Zum Beispiel schon um 17 Uhr in Friedrichshain. Dort steht eine Familie auf der Straße. Die Leute böllern schon jetzt, weil sie ein Kleinkind im Kinderwagen dabei haben. Der junge Vater zündet die Wunderkerzen an und wirft ein paar Knallerbsen, der deutlich angetrunkene Großvater ruft den Passanten tatsächlich zu: „Saufen, Silvester, Saufen.“

Polizei: Zahl der Angriffe auf Einsatzkräfte hat zugenommen

Die Berliner Feuerwehr ruft in der Silvesternacht den Ausnahmezustand aus. Die Feuerwehr ist zu Hunderten kleineren und größeren Bränden unterwegs. Die stehen meist im Zusammenhang mit Pyrotechnik, darunter auch Wohnungs- und Balkonbrände. Zeitweise sind die Einsatzkräfte bei 85 Notfällen gleichzeitig unterwegs. Zudem gibt es auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Angriffe auf Polizei, Feuerwehr und Notfallhelfer. Feuerwehr und Polizei werden am Morgen in der Hauptstadt insgesamt 33 verletzte Einsatzkräfte zählen. „Die Zahl der Angriffe hat im Vergleich mit den Jahren vor der Corona-Krise deutlich zugenommen“, klagt ein Polizeisprecher.

Auch sein Kollege von der Feuerwehr zeigt sich überrascht „von der Masse und der Intensität der Angriffe auf unsere Einsatzkräfte“. So seien unter anderem Bierkisten und Feuerlöscher auf Fahrzeuge geworfen worden, Retter seien beim Löschen mit Pyrotechnik beschossen und Einsatzfahrzeuge geplündert worden. „Dieses Verhalten ist durch nichts zu rechtfertigen, und ich kann es nur auf das Schärfste verurteilen“, sagte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen.

Als Reaktion verlangt anderntags unter anderem die Gewerkschaft der Polizei Berlin, mit einem Böllerverbot endlich Ernst zu machen. „Wir haben deutschlandweit gesehen, dass Pyrotechnik ganz gezielt als Waffe gegen Menschen eingesetzt wird“, kritisierte GdP-Landeschef Stephan Weh. Das müsse ein Ende haben. Es brauche ein Verkaufsverbot für alle, die nicht beruflich mit Pyrotechnik hantierten. Auch die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey wird sich am Neujahrstag „zutiefst erschüttert“ zeigen über „dieses Ausmaß an Gewaltbereitschaft und Zerstörung“.

Am U-Bahnhof Hermannstraße schießt jemand am Abend mit einer Schreckschusspistole vom Balkon. Ein kurzer, schneller Knall folgt auf den nächsten. Ein Teenager auf der Straße zeigt zu dem Balkon. Sein Kumpel sagt: „Da wär’ ich mir nicht so sicher, mit was die hier schießen.“ Auch an der nur wenige Hundert Meter entfernten Sonnenallee sind immer wieder Schreckschüsse zu hören.

Für das Führen von Schreckschusswaffen ist der Kleine Waffenschein nötig

Schreckschusswaffen sehen aus wie echte Pistolen oder Revolver. Anders als bei scharfen Schusswaffen werden damit aber keine Projektile verschossen, die jemanden treffen, verletzen oder gar töten können. Es sind sogenannte Gas- oder Signalwaffen.

Aber sie sind trotzdem nicht ungefährlich. Denn: Werden Schreckschüsse mit aufgesetzter Mündung oder aus wenigen Zentimetern Entfernung zum Körper abgegeben, ist mit schwersten Verletzungen zu rechnen, sagen Experten. Es kann auch tödlich enden. Der Gasstrahl ist in der Lage, nicht nur „Weichteilgewebe“, sondern auch Knochen – zum Beispiel den Schädel – zu durchdringen. Und für viele Leute – meist junge Männer – sind diese Waffen ein idealer Ersatz für Silvesterraketen.

Die Rechtslage ist eindeutig. Für den Kauf von Schreckschusswaffen ist der sogenannte Kleine Waffenschein nicht nötig. Die Waffen können also einfach gekauft werden. Aber für das Führen, also die Benutzung, ist der Kleine Waffenschein nötig.

Geldbuße von bis zu 10.000 Euro

Und die Aufrüstung beginnt schon lange vor der nächtlichen Feier. Ein Beispiel: 13 Uhr, Frankfurter Allee im Bezirk Friedrichshain, vor einem Laden, in dem das ganze Jahr lang nicht viel los ist, hat sich eine sehr lange Schlange gebildet. Über der Tür und den Schaufenstern steht in großen roten Buchstaben: Soldier of Fortune, Soldat des Glücks. Es ist ein Waffenladen.

In der Schlange stehen um diese Zeit knapp 50 Leute, fast alles Männer zwischen 20 und 45 Jahren, fast alle sind Macho-Typen mit modisch getrimmten Bärten und ausrasierten Nacken. Leute mit ernsten und grimmigen Mienen, die auf ihre Handys blicken und geduldig warten. Ein Mann, der im benachbarten Laden ein paar Knaller kauft, sagt: „Ich bezweifle mal, dass die alle den Kleinen Waffenschein haben.“

Vorsicht ist nicht immer das erste Gebot in der Silvesternacht.
Vorsicht ist nicht immer das erste Gebot in der Silvesternacht.Volkmar Otto

Ein paar Stunden später, als alle anderen Läden längst geschlossen haben, ist der Waffenladen noch immer geöffnet. Nun stehen 37 Leute vor der Tür und warten, dass sie sich mit Waffen und Munition eindecken können.

Für das Schießen mit einer Schreckschusswaffe müssen einige Bedingungen erfüllt sein. Zum Beispiel muss der sogenannte Hausrechtsinhaber ausdrücklich dem Abfeuern der Schreckschusswaffe zustimmen. Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und kann mit einer Geldbuße von bis zu 10.000 Euro bestraft werden. Offiziell ist das Schießen nur auf dem eigenen Grundstück erlaubt und nur, wenn dabei keine Lärmbelästigung entsteht.

Eltern schieben den Kinderwagen durch das Böller-Chaos

Doch all die Vorschriften haben wenig mit der Realität in der Berliner Silvesternacht zu tun. Ob nun in Neukölln oder anderen Brennpunkten. An der Sonnenallee, Ecke Reuterstraße stehen sich Gruppen gegenüber und böllern, was das Zeug hält. Batterien werden mitten auf die Straße gestellt. Kurz sieht es so aus, als würde eine Rakete einen Balkon in Brand setzen, was in dieser Nacht anderswo – zum Beispiel in Bernshausener Ring in Wittenau – gleich mehrfach geschieht.

Zwischen all dem Lärm und Geblitze auf der Sonnenallee sind immer wieder Eltern unterwegs, die hektisch ihre Kinderwagen durch das Chaos schieben. Am Hermannplatz haben die Eltern einem Kleinkind Ohrenschützer aufgesetzt – immerhin.

Um kurz vor Mitternacht ist keine Spur mehr von der Polizei zu sehen. Jedenfalls an der Sonnenallee, Ecke Reuterstraße. Die Polizisten haben sich von dem „Schwerpunkt“ zurückgezogen. Nun gehört die Straße ganz den vielen Männern, die sich hier mit Böllern bewerfen und mit Raketen beschießen. Sie stehen einfach nur da. Ohne Gebrüll oder Rufe. Sie lassen ihr Feuerwerk sprechen.

Die Sonnenallee am Neujahrstag.
Die Sonnenallee am Neujahrstag.Katrin Bischoff

Besonders gern beschießen sie die Autos, die zu dieser Zeit unterwegs sind. Böller fliegen unter oder auf vorbeifahrende Wagen. Die Passanten, die durch die Szenerie müssen oder wollen, bewegen sich meist im Laufschritt. Sie meiden die Männergruppen mit den Raketen und achten darauf, dass sie keinen Knaller ins Gesicht bekommen.

Die Funken fliegen, die dunkle Silvesternacht leuchtet im bunten Licht der Fontänen am Himmel. Am Boden wird es lauter. Immer lauter.

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