40 Kinder sollen pro ausgewählter Schule oder Kita getestet werden. 
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BerlinZwei wichtige Dinge haben sich am Dienstag in Berlin im Rahmen der Corona-Pandemie geändert: Erstens näherte sich einer von drei Indikatoren im Berliner Frühwarnsystem dem kritischen Grenzwert an. Und zweitens beschloss der Senat eine Strategie, die umfassende Corona-Tests an symptomfreien Kindern, Pflegeheimbewohnern, Pflegekräften und Angestellten in anderen sensiblen Bereichen vorsieht. Über beide Entwicklungen, die überaus zentral sind, diskutierte der Senat am Dienstag stundenlang. In der anschließenden Pressekonferenz informierte er dazu aber gar nicht beziehungsweise kaum konkret.

Der Berliner Zeitung liegt das „Konzept zur gemeinsamen Test-Strategie für das Land Berlin“ vor, das der Senat am Dienstag beschlossen hat. Das 19-seitige Dokument wurde von Vertretern der beiden landeseigenen Klinikbetriebe Charité und Vivantes erarbeitet. Vorab hatte es massive Kritik der Bezirke daran gegeben, dass sie nicht eingebunden wurden. Entgegen der ausweichenden Antworten von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) in der Senats-Pressekonferenz sieht das Konzeptpapier bereits sehr konkrete Schritte zur Testung von vielen Gruppen vor.

An Schulen und Kindertagesstätten sollen demnach „repräsentative Stichproben“ durchgeführt werden. Die Schulen und Kitas sollen zufällig ausgewählt und wiederholt untersucht werden. Die Teilnahme an den Tests soll freiwillig sein. Je Einrichtung sollen 40 Kinder beziehungsweise Jugendliche und zehn Angestellte getestet werden, empfehlen die Autoren des Konzeptpapiers. „Mobile Teams“ sollen die Testungen direkt an den Schulen durchführen – entweder in einem Minibus vor der Tür oder in einem Raum in der Schule.

Dabei soll ein Rachenabstrich oder eine Speichelprobe genommen werden, die Temperatur erfasst werden, Blut am Finger abgenommen und außerdem Daten zu „relevantem Verhalten, Freizeitaktivitäten und physischer Distanzierung erhoben werden“. Die Testungen an den ausgewählten Schulen sollten in Drei-Monats-Abständen wiederholt werden. Bei „anziehender Dynamik der Pandemie“ sollen die Zeitabstände „risiko-adaptiert verkürzt“ werden.

Infektionen unter Kindern „besondere Gefahr für Übertragung auf Risikogruppen“

Das Konzeptpapier führt als Gründe für die Testungen auf, dass Kinder zwar einen deutlich höheren Anteil milder oder asymptomatischer Verläufe zeigten, der „tatsächliche Wert im europäischen Kontext aber unbekannt“ sei. Solche unentdeckten Infektionen stellten eine „besondere Gefahr für die Übertragung auf Risikogruppen“ dar. „Ein unentdeckter Anstieg von Sars-CoV-2-Infektionen unter Kita-Kindern und Schülern geht daher mit einer Gefährdung von Kita- und Schulpersonal sowie Familienangehörigen einher sowie mit dem Risiko einer generellen Ausbreitung.“

In Pflegeheimen will Berlin alle Mitarbeiter einmal durchtesten. Vivantes hat in seinen Heimen bereits mit der Testung begonnen, die anderen Einrichtungen sollen nun nachziehen. Dieses Mitarbeiter-Screening solle je „nach epidemiologischer Entwicklung“ gepoolt wiederholt werden, schlägt das Papier vor.

Darüber hinaus sollen auch die besonders vulnerablen Bewohner bei Neuaufnahme in ein Heim getestet werden. Die Sterblichkeitsrate ist in dieser Altersgruppe besonders hoch, mehr als ein Drittel der Todesfälle in der Corona-Pandemie wurden in Pflegeheimen dokumentiert. Ein routinemäßiges Testen aller Bewohner sei aber nicht vorgesehen, schreiben die Experten, weil man davon ausgehen könne, dass unter korrekter Wahrung der Abstände bei Besuchen von außerhalb das Virus nur über das Personal in die Einrichtungen gelangen könne.  

Auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen hätten zum Teil ein stark erhöhtes Infektionsrisiko, heißt es weiter. Deswegen sollen auch auf Covid-Stationen in Krankenhäusern, in Rettungsstellen und Teststellen sowie auf Stationen mit besonders vulnerablen Patienten – zum Beispiel die Geriatrie oder Onkologie – in Zukunft „alle Mitarbeiter mit unmittelbarem Patientenkontakt“ einmal pro Woche beziehungsweise alle zwei Wochen getestet werden.

Das massive Testen, wie Berlin es nun praktizieren will, war am Anfang der Pandemie nicht möglich – es fehlte schlicht an Testkapazitäten. Berlin hat sie rasch extrem hochgefahren, dabei profitierte der Senat von den großen Krankenhäusern und Laboren in der Hauptstadt. Gestartet sei man mit 2.000 Tests pro Woche, sagte Kalayci am Dienstag, nun seien mehr als 58.000 Stück pro Woche möglich. Allerdings schöpft Berlin diese Kapazitäten seit Wochen schon nicht aus: Zurzeit werden laut Kalayci gerade einmal 36 Prozent dieser 58.000 Tests auch gemacht. „Wir müssen ein Gefühl dafür entwickeln, wann wir eingreifen müssen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller. 

Vivantes und Charité hätten gemeinsam mit der Verwaltung das Konzept vorgeschlagen, so Müller. Eine zentrale Steuerungsgruppe werde nun zum  „Nachsteuern“ eingerichtet. Sie soll mit Vertretern der Senatsgesundheitsverwaltung, des Corona-Krisenstabs in der Senatskanzlei, mit Vertretern von Charité und den Gesundheitsstadträten in den Bezirken besetzt werden. Darunter solle es noch einmal Fachgruppen aus der Wissenschaft und den praktischen Arbeitsbereichen geben. „Diese Struktur fängt jetzt an, zu arbeiten“, so Müller. „Unser Anspruch ist, dass wir spätestens in 14 Tagen konkrete Testungen vor Ort haben.“ 

Gesundheitssenatorin Kalayci sagte, dass zuvor noch umfassende rechtliche Prüfungen, vor allem in Bezug auf den Datenschutz, nötig seien.  Ein Test-Zwang bestehe nicht: „Wir gehen von freiwilliger Teilnahme aus.“

Reproduktionswert über 1: Berlin nähert sich Grenzwert

Große Fragen blieben zunächst ungeklärt: Wie viel soll das alles kosten? Und woher genau soll in nur zwei Wochen das Personal für die hohe Zahl neuer, aufwendiger, mobiler Tests genommen werden? Die Gesundheitsämter und Bezirke kritisieren bereits seit Wochen: Sie könnten die Pandemie-Bekämpfung personell bald nicht mehr bewältigen. Aus anderen Behörden abgestellte Angestellte würden mit den Lockerungen nun in Scharen wieder abgezogen. 

In seinem vergangene Woche eingeführten Corona-Frühwarnsystem kratzte Berlin am Dienstag mit einem von drei Indikatoren am kritischen Grenzwert. Laut Gesundheitsverwaltung lag der Reproduktionsfaktor bei 1,07 – vor sieben Tagen betrug er noch 0,79. Der Faktor gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt. Liegt der Wert in Berlin drei Tage in Folge bei 1,1 oder höher, schaltet die Infektionsampel des Senats auf Gelb. Ab einem Wert von 1,2 springt sie für diesen Indikator auf Rot. Stehen zwei Indikatoren auf Rot, folgen Beschränkungen.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte an, dass der Senat nun genau auf den Reproduktionsfaktor schaue: „Sorglos sollten wir alle miteinander nicht sein.“