Ruth Andreas-Friedrich (1901 - 1977) war das Herz der Widerstandsgruppe "Onkel Emil".
Foto:  Gedenkstätte Deutscher Widerstand

BerlinDer Findling am Steglitzer Rodelberg ist gerade wieder gereinigt worden. Nur schemenhaft kann man das mit grüner Farbe auf den Gedenkstein gesprühte Hakenkreuz noch erkennen, das die Erinnerung an Ruth Andreas-Friedrich schänden sollte. Seit 1990 heißt der kleine Park neben dem Botanischen Garten nach der Journalistin und Schriftstellerin, die im Mittelpunkt der Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ stand. Ihre Mitglieder schützten Juden vor den Häschern des nationalsozialistischen Regimes und ihren Denunzianten, besorgten Lebensmittel, Papiere, Unterkunft. Und sie begehrten gegen die Diktatur auf.

Es ist eine der wenigen Widerstandsgruppen, die von den Nazis nie entdeckt wurden. Deshalb gibt es kaum Dokumente über sie, keine Verhörprotokolle, keine Gerichtsurteile, keine Briefwechsel. So ist diese Gemeinschaft mutiger Menschen, die mitten in Berlin unter Lebensgefahr das Leben anderer rettete, über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Doch nun hat der Historiker Wolfgang Benz die Erinnerung wieder wachgerufen.  Er hat die Lebensläufe der rund 20 aktivsten Kämpfer der Gruppe recherchiert und ihre bewegende Geschichte in seinem Buch „Protest und Menschlichkeit“ erzählt.

Ruth Andreas-Friedrich würde ihr Zuhause jener Jahre sofort wiederkennen, wenn sie heute in den Hünensteig am Steglitzer Friedhof zurückkehrte. Die Anfang der 30er-Jahre gebauten Mehrfamilienhäuser stehen dort mit ihren drei Etagen so schlicht und grau wie damals. Sogar das alte kleine Emailleschild mit der Nummer 6 an der Haustür ist erhalten.

Daneben zeigt eine Gedenktafel, wer hier gewohnt hat: Ruth-Andreas Friedrich und ihr Lebensgefährte, der aus Russland stammende Dirigent Leo Borchard. In der zweiten Etage lebte Ruth mit ihrer Tochter Karin, in der dritten Etage Leo. Offiziell waren sie kein Paar. Es war ein Arrangement, auf das Karins erster Ehemann Otto Friedrich bestanden hatte. Er wollte nicht, dass seine Tochter in einer „wilden Ehe“ aufwuchs.

Doch diese nur 50 Quadratmeter großen Wohnungen waren nicht nur die Heimat ihrer Mieter, sie wurden ab 1938 auch zum Domizil der Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ und zum Unterschlupf für Verfolgte.

Ruth und Leo hatten einen großen Freundeskreis, zu dem auch viele Juden gehörten. Es war eine lebenslustige Clique, die keine politischen Ambitionen verfolgte. Doch nach dem von den Nazis entfachten antisemitischen Novemberpogrom im Jahr 1938 erlebten sie, wie ihre jüdischen Freunde bedrängt und verfolgt wurden. Immer mehr mussten untertauchen, benötigten Hilfe, Papiere, Tarnung. So rückte die Clique immer enger zusammen und aus der humanitären Haltung wurde politischer Widerstand.

Die Tarnung der 1901 in Berlin geborenen Ruth Andreas-Friedrich war ihr Beruf. Die Journalistin schrieb für Frauenzeitschriften und verfasste Ratgeberbücher. Ab 1939 war sie Redakteurin der Zeitschrift Die junge Dame und wurde 1943 sogar Chefredakteurin des Nachfolgeblatts Kamerad Frau, das, wie der Titel schon besagte, immer mehr zu einem Organ der Durchhaltepropaganda des Regimes wurde. Andreas-Friedrichs Themen waren nun nur noch vordergründig unpolitisch. Wolfgang Benz stellt dazu fest: „Sie verliert im alltäglichen Kompromiss zwischen persönlicher Haltung und den Erfordernissen des Broterwerbs ihre politische Unschuld. (…) Aber sie hat sich als Autorin nie von jenem Opportunismus leiten lassen, der nach dem Ende des NS-Regimes als alternativlos und überlebensnotwendig verteidigt wird.“

Gleichzeitig ist Andreas-Friedrichs Arbeit die notwendige materielle und gesellschaftliche Voraussetzung für ihre illegalen Aktivitäten als „Herz und Flamme“ der Clique, wie der Arzt Walter Seitz sie 50 Jahre später, bei der Enthüllung des Gedenksteins im Steglitzer Park, charakterisiert. Seitz war selbst einer der Verschwörer und trug den Decknamen „Onkel Emil“, der später auf die ganze Gruppe übertragen wurde. Nach dem Krieg heirateten Andreas-Friedrich und Seitz, der nach der Befreiung 1945 erster Amtsarzt in Steglitz wurde und später Hochschullehrer in München.

Als wie segensreich das Wirken von Ruth Andreas-Friedrich von ihren Schützlingen empfunden wurde, ergibt sich aus einem 1965 verfassten Brief der jüdischen Journalistin Hanna Angel, der noch 1941 die Flucht in die USA gelang. „Wie viele ihrer vielen Freunde ihr ihr Leben verdanken, wie viele die Bewahrung persönlich wertvollen Besitzes, kann ich nicht schätzen. Sie brauchte nur zu erscheinen, und alles hatte sich geändert, die Hungernden hatten zu essen, die Obdachlosen ein Bett, die Hoffnungslosen wieder Hoffnung. Sie gab von ihrem Eigenen, sie rettete von anderen, was zu retten war. Ihre Furchtlosigkeit war einzigartig.“

Furchtlosigkeit war wohl ein Kennzeichen der ganzen Gruppe, die zum Teil mit verwegenen Aktionen überlebenswichtige Papiere für die Verfolgten besorgte – Ausweise, Lebensmittelkarten, gefälschte Atteste. All dies geschah direkt unter den Augen der Machthaber, die sich in Steglitz sehr zu Hause fühlen konnten.

Die NSDAP hatte hier besonders viele Anhänger und Mitläufer und bei den Wahlen in den 30er-Jahren mit über 40 Prozent der Stimmen die höchsten Wahlergebnisse ganz Berlins. Folgerichtig platzierten die Nazis wichtige Einrichtungen ihrer Machterhaltung in diesem Bezirk. Die Lichterfelder Kadettenanstalt wurde zur Kaserne der „Leibstandarte Adolf Hitler“, Unter den Eichen saß das Wirtschafts- und Verwaltungsamt der SS mit Hunderten Mitarbeitern, die das gesamte System der Konzentrationslager steuerten. Am heutigen Ortlerweg entstand eine Siedlung für Familien von SS-Angehörigen, in unmittelbarer Nähe zum KZ-Außenlager an der Wismarer Straße.

Wie eine besondere Provokation muss es auf die Widerständler gewirkt haben, dass die Nazis ausgerechnet den Wasserturm auf dem Steglitzer Friedhof zu einer Heldengedenkstätte für die „Gefallenen des 1. Weltkriegs und der Bewegung“ aufrüsteten. Der markante Turm lag in Blickweite vom Hünensteig und war eine Art emotionaler Fixpunkt der Gruppe. Nun wurde er zu einem Monument des Nationalsozialismus ausgebaut, mit Aufmarschgelände und ständigem Flaggenschmuck.

Dem machten fünf Mitglieder der Gruppe „Onkel Emil“ in einer Bombennacht Anfang 1945 ein Ende. Während die meisten Menschen in Luftschutzkellern verschwanden, strebten sie auf den Friedhof und schnitten die Hakenkreuzfahnen ab.

Wir wissen von diesen und vielen anderen Aktionen der Gruppe, weil sie zwei einzigartige Dokumente hinterlassen hat. In den Tagen nach der Befreiung Berlins setzten sich Ruth und einige andere zusammen und formulierten einen „Tätigkeitsbericht der Gruppe ONKEL EMIL aus den letzten Monaten der Kampfjahre“.

Er beginnt mit der Liste der sechs Mitglieder der „Stammgruppe“: Leo Borchardt, Dirigent; Fred Denger, Journalist; Karin Friedrich, Schauspielerin; Ruth Friedrich, Schriftstellerin; Josef Schunk, Arzt; Walter Seitz, Facharzt, Docent, genannt ‚Onkel Emil‘.“ Es folgen elf Namen „aktiver Mitarbeiter“, sodann die Aufzählung der Aktivitäten der Gruppe, beginnend mit „Beherbergung und Betreuung von Untergetauchten und politischen Flüchtlingen“ bis „Einsatz sämtlicher Mitglieder in der NEIN-Aktion in der Nacht vom 18. zum 19. 4. 1945“.

Der Bericht schließt mit den Worten: „Alle Gruppenmitglieder haben während des Naziregimes größtenteils erhebliche persönliche und berufliche Opfer gebracht. Sie fühlten sich verpflichtet, bis zuletzt unmittelbar am Ort der Gefahr für ihre Überzeugung einzutreten und alle Bemühungen daranzusetzen, im Dienste der Menschlichkeit zu wirken.“ Unterzeichnet haben die sechs Angehörigen der Stammgruppe am 14. Mai 1945.

Das Dokument folgt einem Wunsch Ruth Andreas-Friedrichs, den sie schon am 27. März 1943 in ihrem Tagebuch festgehalten hat: „Uns aber ist es ungeheuer wichtig, dass man draußen erfährt, dass auch in Deutschland Menschen leben. Nicht nur Judenfresser, Hitlerjünger und Gestaposchergen.“

Dem Ziel dient auch ihr Tagebuch, das sie 1938 begonnen hat und in dem sie die Aktivitäten und Entwicklungen der Gruppe detailliert festhält. Sie veröffentlicht diese Erinnerungen nach dem Krieg unter dem Titel „Der Schattenmann“, aber sie verschlüsselt und verfremdet das Geschehen und die handelnden Personen. Das Tagebuch erscheint 1946 zuerst in den USA, dann auch in Deutschland. Es gehört wie Eugen Kogons „Der SS-Staat“ oder Günther Weisenborns „Der lautlose Aufstand“ zu den wichtigsten frühen Werken zur Geschichte des Dritten Reiches. Es wird viel gelesen, erscheint auch in der DDR und erfährt bis in die 80er-Jahre mehrere Neuauflagen. Dann schwindet das Interesse, die Erinnerung verblasst.

Wolfgang Benz, der als langjähriger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung ein intimer Kenner dieser Phase der deutschen Geschichte und ihrer Quellen ist, hat das Buch nun erstmals fast vollkommen entschlüsselt. Er wirft einen achtungsvoll-kritischen Blick auf das Leben und das Werk von Ruth Andreas-Friedrich, der es ebenso ambitioniert wie geschickt gelungen ist, die fast alleinige Deutungshoheit über die Geschichte von „Onkel Emil“ zu erlangen. Sie wird dabei wohl nicht immer allen Beteiligten gerecht, wie Benz an einigen Stellen deutlich macht. Doch das ändert nichts an den Verdiensten dieser mutigen Frau und ihrer Gefährten.

Sie anzuerkennen, fiel der bundesdeutschen Gesellschaft, wie in vielen anderen Fällen auch, lange schwer. In den 60er-Jahren lehnte es der Berliner Senat mit kleinlicher Begründung ab, Ruth Andreas-Friedrich in das Verzeichnis der „unbesungenen Helden“ aufzunehmen. Es dauerte bis 1988, ehe die Gedenktafel am Hünensteig angebracht wurde, elf Jahre nach ihrem Freitod. 1990 hatten schließlich Bemühungen der Steglitzer SPD Erfolg, den Park nach ihr zu benennen. Am gleichen Tag erhielt die Musikschule Steglitz den Namen von Ruths Partner Leo Borchardt, dem ersten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker nach dem Krieg.

Es gab viele Widerstände. In der einstigen Hochburg der Nazis tun sich bis heute manche schwer mit dieser Vergangenheit. Das Hakenkreuz auf dem Gedenkstein ist eine besonders deutliche Botschaft.

Im Jahr  2002 verlieh der Staat Israel Ruth Andreas-Friedrich den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“, die höchste Auszeichnung für Nichtjuden. Zwei Jahre später wurde auch ihre Tochter Karin so geehrt.

Wenn Ruth Andreas-Friedrich heute in ihr Wohnhaus am Hünensteig zurückkehrte, sie würde wohl mit offenen Armen empfangen. „Wir sind eine tolle Hausgemeinschaft, hier hilft jeder dem anderen“, sagt Simone Brodowski, die gerade versucht, ihr Fahrrad durch das enge Treppenhaus zu bugsieren. Dank der Gedenktafel weiß sie, wer hier einst gelebt hat, näher beschäftigt hat sie sich mit der Geschichte noch nicht.

Das ist bei Maria Kubath anders. Sie wohnt seit 25 Jahren im dritten Stock in der Wohnung von Leo Borchard. Sie stammt aus Polen und kennt das Buch „Der Schattenmann“. Sie bewundere, was Ruth Andreas-Friedrich und ihre Freunde getan haben, sagt sie. Es scheint, als habe sich ein wenig von dem Geist „Onkel Emils“ in diesem Haus gehalten.