Zu Füßen des Fernsehturms erstreckt sich bis zum Humboldt-Forum eine Stadtbrache. Rechts die Marienkirche, links das Rote Rathaus, dazwischen die Alte Mitte, die ihrer Neugestaltung harrt.

Foto: Imago/Hoch

Berlin-MitteEine vernachlässigte Brache  mit traurigen  Blumenbeeten liegt seit 30 Jahren dort, wo andere Städte ihr Zentrum haben. Der Raum zwischen Rotem Rathaus, Marienkirche, Fernsehturm und Marx-Engels-Forum harrt zwischen einem Gestern als sozialistischer Renommierfläche und einem unbekannten Morgen der Dinge. Man kann dem Zustand aber auch eine positive Seite abgewinnen: „Dort liegt ein unvergleichliches Potenzial - ungenutzt“, sagte Stefan Richter, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Zukunft am Dienstag vor Journalisten in Berlin.

In der Tat haben Städte wie London, Paris oder Wien kaum Gestaltungsmöglichkeiten, überall stehen fertige Zentren. Es sei denn, man entschließt sich, so wie Frankfurt am Main, Nachkriegsfehler zu korrigieren und auf dem freigeräumten Platz neue Urbanität für Bürger und Besucher zu bauen.

Eine Art neue Altstadt schwebt der Stiftung Zukunft nicht vor. Aber jetzt, da die Eröffnung des Humboldt-Forums in der Hülle des neu errichteten Stadtschlosses bevorsteht, drängen die in der Stiftung engagierten Stadtplaner, Architekten, Gartenhistoriker und Archäologen darauf, dass der Senat endlich eine stadtplanerische Antwort auf die neue Situation gibt.

Stefan Richter erinnerte an die jahrelangen Debatten, an Studien, Entwürfe, Gutachten. 2016 hatte der Dialog „Alte Mitte - Neue Liebe“ Bürgerleitlinien beschlossen. Dann passierte lange nichts, bis neue Diskussionen im Rahmen der Stadtwerkstatt anhuben. Dennoch zeichne sich keine „Vorstellung ab, die der Bedeutung der Aufgabe“ entspräche, beklagt die Stiftung. Stattdessen verstärkten unkoordinierte Einzelmaßnahmen den Zustand der Konzeptlosigkeit: Hier eine Sonderlösung für das Lutherdenkmal an der Marienkirche, dort eine für das Mendelssohn-Denkmal oder ein paar privat gesponserte Bäume, sagt Richter. 

Demnächst soll ein Wettbewerb zur Gestaltung des einzigartigen Freiraumes beginnen. „Noch mehr Verwirrung, Geld- und Zeitverschwendung“ sieht die Stiftung darin, „ein probates Mittel, um Entscheidungen zu vermeiden“.  2017 stellte der Senat die „sozialistische Zentrumsfläche“ unter Denkmalschutz - samt Schlossbrunnen, den die DDR-Stadtplaner unter dem Namen Neptunbrunnen als Wohlfühlpunkt ins sozialistische Ensemble integriert hatten. Der neue Denkmalstatus trägt jedenfalls nicht dazu bei, die Neugestaltung zu beflügeln.

Welche Elemente zu einer „abgestimmten Agenda“ gehören sollten, beschrieben Mitglieder der Stiftung. Die Journalistin Lea Rosh regte an, die Berliner Mitte wiederzugewinnen, indem man einen Ort für zentrale Demonstrationen schafft, wo sich bis zu 60.000 Menschen versammeln können. Dieses Anliegen formuliert auch eine der Bürgerleitlinien.  „Platz der Demokratie“ solle der mit „attraktiver Randbebauung“ versehene Raum dann heißen. Der Rathauskeller solle wieder attraktiv werden - und statt des zum Neptunbrunnen „verhunzten“ Schlossbrunnens, der auf den Schlossplatz gehöre, stellt sie sich etwa ein Wasserspiel vor, das immer dann versenkt werden kann, wenn Demonstranten den Platz beanspruchen.

Den Brunnen will auch der Archäologe Wolf-Dieter Heilmeyer  wieder am angestammten Ort sehen. Die Rathausstraße stellt er sich als Geschichtsmeile vor - beginnend am Alexanderplatz, vorbei am Roten Rathaus, hin zum Werderschen Markt. Aufgewertet durch archäologische Fenster und ohne Straßenbahn, die „in die Geschichte hineinplatzt“. Vorhandene Denkmäler möchte er neu inszenieren.

Dem Stadtplaner Bernhard Schneider liegt besonders daran, den Großraum, der derzeit als Barriere zwischen den umliegenden Quartieren wirkt, zu revitalisieren und ihn von den Quartieren her besser zugänglich zu machen. 

Und was könnte aus der Marx-Engels-Forum genannten Wiese werden, dort, wo einst das historische Heiliggeist-Viertel stand? Ein Weltgarten schwebt Wolf-Dieter Heilmeyer vor, wo Pflanzen jener Länder wachsen, aus denen die Kunst- und Kulturobjekte im Humboldt-Forum stammen. Im Kleinformat wird es das geben, in Gestalt der am Schloss Richtung Lustgarten vorgesehenen Humboldt-Terrassen. 

„Die Berliner sollen den großen Freiraum Alte Mitte selber zu ihrer Mitte machen“, findet Stiftungsvorstand Stefan Richter. Von ihrer gewählten Stadtregierung dürfen sie eher keine Orientierung erwarten. Senatorin Katrin Lompscher (Linke) will zum Beispiel den Neptunbrunnen lassen, wo er ist. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) meinte dieser Tage, er könne ihn sich vor dem Schloss vorstellen. Klingt nach weiterem Stillstand.

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