Berlin - Zerschlagene und aufgeplatzte Urnen, die Asche der Verstorbenen auf dem Boden verstreut, direkt daneben eine neue Wippe für Kinder. Es ist ein verstörendes Bild, das Anna Hemminger bei ihrem Spaziergang im Anita-Berber-Park in der Neuköllner Hermannstraße vorgefunden hat. Ein Bild das zeigt, welche Geschichte dieses Gelände hat.

Der Anita-Berber-Park wurde benannt nach einer Berliner Nackttänzerin der 20er-Jahre und war früher der Neue St. Thomas-Kirchhof. Daran erinnern noch heute einige der Inschriften am Eingangstor.

Urnengräber nur noch in Einzelfällen

Seit 2015 ist der Friedhof zwischen Hermann- und Oderstraße allerdings entwidmet. Das 60.000 Quadratmeter große Gelände wird seither zum Erholungsgebiet umgestaltet. Urnengräber sollte es hier – wenn überhaupt – nur noch in Einzelfällen geben. Und dennoch sind sie da. „Jemand hat die Urnen offenbar ausgegraben“, sagt Hemminger. „Und mein Hund hat daran geschnüffelt.“

Pfarrer Jürgen Quandt zeigte sich entsetzt, als er von dem Urnenfund erfuhr. Er geht davon aus, dass die Schäden durch die anhaltenden Bauarbeiten und nicht durch Vandalismus entstanden sind. Dafür spricht auch der Zustand des Bodens, der offenbar umgegraben wurde. „Trotzdem: Man hätte uns die beseitigten sterblichen Überreste übergeben müssen“, sagt Pfarrer Jürgen Quandt, der den Evangelischen Friedhofsverband Stadtmitte leitet. Das sehe auch der Kaufvertrag für das Gelände vor.

Darin festgehalten ist ferner, dass im Falle eines Urnenfunds eine würdige Nachbestattung stattfinden muss. Doch die hat es offenbar nicht gegeben. Auf dem Boden lagen am Wochenende noch Asche, Knochenreste und Urnenteile.

Ausgleichsfläche für A100

Der ehemalige Friedhof und heutige Park gilt als „Ausgleichsfläche“, die den Verlust von Grünflächen kompensieren soll, die der Bau der A100 mit sich bringt. Der Evangelische Kirchenverband Mitte hat das Areal 2016 an den Bund verkauft. Ein Schild weist das Bundesinnenministerium als Bauherrn und die Senatsverwaltung für Umwelt als „Vertreter“ aus.

Inzwischen ist der Großteil des gruseligen Fundes weggeräumt. Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung haben die Urnen ordnungsgemäß gesichert und abtransportiert, hieß es am Montagabend. Und weiter: „Die ausführende Firma ist für den pietätlosen Umgang mit den Urnen gerügt worden“, teilte die Friedhofsverwaltung mit. „Der Vorgang wird von allen Beteiligten außerordentlich bedauert. Sie können davon ausgehen, dass Ähnliches zukünftig nicht mehr vorkommen wird.“