Berlin - Ein Laster mit einer Werbeplane für Bäder schiebt sich am Böhmischen Platz in Rixdorf zwischen den geparkten Autos entlang, hinter ihm folgen zwei Pkw. „So was hier meine ich“, sagt Denis Petri von der Bürgerinitiative für Verkehrsberuhigung „Mehr Kiez für Rixdorf“ und zeigt auf die Fahrzeuge. Das größte Problem, sagt Petri, sei der Durchgangsverkehr zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße. Diesen zu reduzieren, ist das erklärte Ziel der Bürgerinitiative.

Nachdem im April ein offener Brief des Quartiersrates Richardplatz Süd nur geringe Reaktionen hervorgerufen hat, haben nun etwa 40 Anwohner die Initiative „Mehr Kiez für Rixdorf“ gegründet. Die Mitglieder seien zwischen Mitte 20 bis Anfang 70 Jahre alt, sagt Petri. „Wir haben eine ziemlich große Bandbreite.“ Manchen Mitgliedern gehe es vor allem um Lärmreduzierung, anderen mehr um einen sicheren Schulweg für die Kinder. Auch ältere Bewohner seien durch den vielen Verkehr stark eingeschränkt. Viele Senioren wagten sich wegen der vielen Autos kaum auf die Straße. Petri ist Stadtführer und wohnt seit eineinhalb Jahren im Kiez. Er wolle sein Umfeld und die Stadt, in der er wohnt, aktiv mitgestalten, sagt er.

Problem lösen, nicht verlagern

Petri ist auch einer der Mitinitiatoren für den Volksentscheid Fahrrad, der ein fahrradfreundlicheres Berlin fordert. Er betont aber: „Wir sind keine Gruppe von Leuten, die das Autofahren ablehnen.“ Das Problem sei der Durchgangsverkehr, nicht die Anlieger.

Das erfahren bei einem Kiezrundgang auch Joschka Langenbrinck (SPD), der seit 2011 für Neukölln im Abgeordnetenhaus sitzt und wieder kandidiert, sowie Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Giffey hat um eine Liste der wichtigsten Forderungen gebeten – und darum, diese der Wichtigkeit nach zu ordnen. Aber eine Einzelmaßnahme allein wäre aus Sicht von Denis Petri wenig hilfreich. „Das wird den Verkehr in diesem Kiez nur verlagern.“ Joschka Langenbrinck spricht ebenfalls von Verlagerungsproblemen. Auch der Körnerkiez leide unter zu viel Verkehr. Er sei daher dafür, ein Verkehrskonzept für ganz Nord-Neukölln auszuarbeiten. „Denn eine Änderung wirkt sich immer auch auf den Nachbarkiez aus.“

„Mehr Kiez für Rixdorf“ schlägt vor, vier oder fünf kleinere Straßenabschnitte in Rad- und Fußwege umzuwandeln, sowie Diagonalsperren anzubringen. Diagonalsperren führen dazu, dass an einer Kreuzung nur noch in eine Richtung abgebogen werden kann. Die Kreuzung wird also diagonal in zwei Hälften geteilt, zum Beispiel durch Poller oder Beete. „Alle Ideen haben zum Ziel, den Verkehr, der hier hereinfährt, an der gleichen Seite wieder herauszuleiten“, sagte Petri.

Als besonders stark belastet sieht die Bürgerinitiative die Braunschweiger Straße, Richardplatz und eben den Böhmischen Platz an. Sie fordert auch, dass die sogenannte Rixdorfer Schnalle geschlossen wird – das Nadelöhr vom Karl-Marx-Platz zum Richardplatz.

Petri steht vormittags gegen halb zehn am Richardplatz und schildert die Lage. Es ist eigentlich noch nicht so viel los, doch auf einmal biegen rasch hintereinander Autos nach rechts oder links ab, eine Fahrradfahrerin schiebt sich dazwischen. Dass auf der rechten Seite eine Zehn-Stundenkilometer-Zone besteht, ignorieren die meisten Autofahrer. Sie sind deutlich schneller unterwegs.

Aktuelle Zahlen fehlen

Besonders viel sei im Berufsverkehr los und zwischen 15 und 18 Uhr, so Petri. Der Grund heißt „Fahrzeugnavigation mittels Echtzeitverarbeitung“. Das heißt: Um Staus zu umgehen, suchen viele Autofahrer eine alternative Route zu den großen Straßen und fahren durch Rixdorf.

„Mehr als die Hälfte des Verkehrs ist Durchgangsverkehr“, sagt Denis Petri. Allerdings gebe es keine aktuellen Zahlen. Petri stützt seine Einschätzung auf einen Bericht von 2008, der im Auftrag des Bezirkamtes Neukölln erarbeitet wurde. Und selbst der beruhte auf Verkehrszählungen der TU Berlin aus dem Jahr 2003 und der Verkehrsinitiative Richardplatz von 2002 und 2003. Nach Einschätzung der neuen Initiative hat sich die Situation massiv verschärft. Um das genauer beurteilen zu können, wünscht sie sich eine aktuelle Verkehrszählung.

Immerhin stoße das Anliegen der Initiative auf Interesse in der Kommunalpolitik, sagt Petri. Bei einer Kiezversammlung seien Politiker von der SPD, den Grünen, der Linken, der CDU und den Piraten dabei gewesen. Er habe den Eindruck, dass sich diese Parteien „auch noch nach der Wahl um das Thema kümmern werden.“