Berlin - Der Müll steht am Straßenrand, illegal entsorgt: Autoreifen, fleckige Matratzen, ausrangierte Kühlschränke, kaputte Möbel. Ein Ärgernis, nicht nur für Klaus Winkelmann, der seit seiner Geburt vor 68 Jahren im Stadtteil Neukölln lebt, in einem Eckhaus zwischen Teupitzer- und Harzer Straße. Nebenan gibt es eine Grünanlage mit Spielplatz, daran grenzen eine Kita und ein Kleingartenverein an. Eigentlich eine Oase in einer Stadt, in der man mit Grünflächen nicht verwöhnt ist, doch auch dieser Ort wird zunehmend als öffentliche Müllkippe missbraucht.

Ein von seinem Besitzer abgestelltes Autowrack nervt Winkelmann ganz besonders. Plötzlich hätte er dagestanden, der weiße Transporter, direkt vor dem Eingang der Kleingartenanlage Rübezahl. Die Kennzeichen waren abmontiert, die Türen standen offen, im Innenraum lagen zwei Kinderfahrräder. Vor ein paar Wochen rief Winkelmann dann die Polizei, denn so solle man es ja machen wegen der immer häufiger werdenden Fahrrad-Diebstähle, sagt der Rentner.

Das Autowrack steht immer noch an seinem Platz. Eine zerlegte Couch mit braunem Lederbezug, zerfledderte Zeitungen, Kartons stapeln sich im Innenraum des Transporters. In einem Teeglas, das im Getränkehalter steht, steckt noch ein Löffel. Auf der Straße noch mehr Sperrmüll: Ein paar Meter von dem Transporter entfernt hat jemand einen alten Sessel abgestellt.

Die zunehmende Vermüllung im öffentlichen Raum ist sicherlich nicht nur ein Problem in Neukölln – aber der Bezirk gilt als einer der schmutzigsten. 40 000 Meldungen über illegale Müllplätze gab es berlinweit von 2015 bis jetzt. Allein in Neukölln bekam das dortige Ordnungsamt im vergangenen Jahr online 10 000 Meldungen über Abfall und illegalen Müllablagerungen. Laut Bezirksamt gibt es etwa 1 700 illegale Müllplätze in Neukölln. „Möbelstrich“ – so nennen Neuköllner in manchen Kiezen ihre Straßen.

Autos illegal entsorgt

„In den vergangenen Jahren mussten wir im gesamten Stadtgebiet im Durchschnitt 24000 Kubikmeter illegal abgeladenen Müll entsorgen“, sagt BSR-Sprecher Sebastian Harnisch. Kosten: Vier Millionen Euro pro Jahr. „Menschen, die ihren Müll illegal entsorgen, verhalten sich doppelt rücksichtslos: Zum einen verschmutzen sie die Umwelt, zum anderen bürden sie der Allgemeinheit hohe Kosten auf.“ Dabei sei niemand gezwungen, seinen Unrat auf der Straße zu entsorgen. Die Recyclinghöfe nehmen drei Kubikmeter kostenlos an. Für 50 Euro werden fünf Kubikmeter abgeholt. Ein Trend zeichnet sich deutlich ab: „Immer mehr Leute entsorgen ihre Autos auf der Straße“, sagt Steffen Krefft, Leiter des Amtes für Regionale Ordnungsaufgaben, das im Bezirk Lichtenberg sitzt.

Exakt 18.930 Anzeigen gingen dort im vergangenen Jahr ein. Die Polizei klebt gelbe Punkte an die Autos und meldet die Fahrzeuge dem Amt. Dort sind aber nur fünf Mitarbeiter für alle in Berlin illegal abgestellten Fahrzeuge zuständig. Sie schreiben, wenn möglich, die Besitzer an, damit diese ihr Gefährt entsorgen. Passiert das nicht, lässt das Amt die Autos abholen und auf einer Sonderfläche lagern. 3116 Mal passierte das im vergangenen Jahr. Was noch verwertbar ist, wird später versteigert. Um das Auto vor dem Haus von Winkelmann in Neukölln wolle er sich nun kümmern, sagt Krefft.

Aber wer entsorgt nun den unrechtmäßig entsorgten Müll? Die alte Matratze, die schon seit drei Monaten in der Grünanlage neben Klaus Winkelmanns Haus liegt, den kaputten Tisch daneben, den Rest von einem Stuhl, die Autoreifen und Flaschen? Fünfzig Meter entfernt steht die Kita, die Kinder spielen im Freien. Zwei Mitarbeiter des Grünflächenamtes hätten erklärt, sie seien nur für die Spielgeräte zuständig, sagt Klaus Winkelmann. „Immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich den Abfall. Auch Ratten sind schon da.“ Mehrfach haben Winkelmann und seine Nachbarn die Ordnungshüter zudem auf ein verlassenes Zeltlager hingewiesen, das etwa 200 Meter entfernt liegt – ein Platz, auf dem im Sommer Wanderarbeiter lebten.

Geringe Bußgelder

Der illegal entsorgte Müll ärgert auch Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). „Es gibt kein Unrechtsbewusstsein“, sagt sie. „Die Leute sind zu bequem.“ Zwar kostet das illegale Abladen von Müll bis zu 50000 Euro Strafe. Es sei aber schwierig, jemanden dabei zu erwischen. Lediglich acht Verursacher konnten 2015 in Neukölln ausgemacht werden, gerade mal 765 Euro Bußgeld nahm der Bezirk in diesem Zusammenhang ein. Das geht aus einer Antwort der Innenverwaltung auf eine Anfrage des Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) hervor. Mehr waren es in Pankow (12 Verursacher, 1 215 Euro Strafe) und in Reinickendorf (13 Verursacher, 220 Euro Strafe). In Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Steglitz-Zehlendorf wurden keine Müllablader gefasst.

Dass das unrechtmäßige Müllabladen nur in bestimmten sozialen Schichten vorkomme, verneint Franziska Giffey. Das illegale Müllabladen komme in allen Einkommensklassen vor.