Vor wenigen Wochen ging ein Aufschrei durch Neukölln: Die Straßen im Bezirk werden immer mehr zur Müllhalde! Neukölln sei „so richtig vollgemüllt“, titelte eine Boulevardzeitung. Vom „Möbelstrich“ war die Rede, weil sich mancherorts im öffentlichen Raum die zerschlissenen Sofas, ausrangierten Kühlschränke und vergilbten Matratzen stapelten. Politiker wetterten, die Situation um den illegal abgeladenen Unrat sei unhaltbar - und ließen sich vor Sperrmüll-Bergen fotografieren. Eines dieser Bilder wurde direkt gegenüber meiner Wohnung aufgenommen.

Ich lebe in einem Müll-Hotspot. Das lernte ich mehrheitlich durch die Berichterstattung. Meine Straße, die Thomasstraße im Körnerkiez, ist nördlich durch eine Friedhofsmauer begrenzt. Wer in seine Wohnung möchte, benutzt meist den Gehweg auf der anderen Seite entlang der Häuser. Bewusst ins Auge gestochen ist mir der wechselnd mit Brettern, Tüten, Lumpen, Autoreifen und Regalen bestückte Haufen unweit der Altglascontainer zuvor nicht. Vielleicht wird man als Anwohner auch ein Stück weit blind für den Schrott – was das illegale Sperrmüllabladen natürlich trotzdem nicht zu einem Kavaliersdelikt macht.

Alles, was achtlos auf die Straße flattert 

Aber einmal die Augen geöffnet, sieht man noch mehr: Neukölln hat – und das kam in der Debatte zu kurz – nicht nur ein Problem mit ausrangierten Möbelstücken auf den Gehwegen, sondern auch mit Papier: mit Servierten, Zigarettenschachteln und Bonbonpapieren. Mit Klarsichthüllen, Pommesschalen und Kippen. Kaugummis. Verpackungen. Pappboxen. Getränkedosen. Visitenkarten. Werbeflyer. Mit allem, was Menschen zufliegt und achtlos wieder auf die Straße flattert. Mit Kleinigkeiten, die Leute in der Jackentasche finden und für nicht mehr brauchbar erachten. Ein Flickenteppich aus Schnipseln überzieht die Straßen in meinem Kiez. An manchen Tagen denkt man, Neukölln ersticke in Weggeworfenem.

Kürzlich diskutierte ich mit Nachbarn, was Menschen dazu treibt, Schnipselzeug einfach fallen zu lassen. Ist es Unwillen, Verantwortung zu übernehmen? Der öffentliche Raum gleicht in Neukölln, Kreuzberg oder Friedrichshain einem Abenteuerspielplatz. Mal kapern Experimentierfreudige die Fläche für Kleingartenprojekte, mal entsteht Kunst auf Brachflächen, im Sommer setzen sich Grüppchen von Gitarrenspielern einfach auf dem Gehweg in einen Kreis und machen Musik. Alles scheint allen zu gehören. Folgt daraus auch, dass alles niemandem gehört? Denken alle, dass ein anderer sich schon nach dem Weggeworfenen bücken werde? Oder die Müllabfuhr es irgendwann mitnimmt?

Umtriebige ohne Verantwortung

Viele Bewohner der hippen Kieze leben dort vorübergehend. Sie sind für ein Austauschjahr gekommen, für einen befristeten Job mit einer Wohnung zur Untermiete, manchmal nur für ein Wochenende. Menschen, die hier ihre Wurzeln haben, trifft man immer seltener. Jeder kommt von irgendwo her oder geht irgendwo hin. Sie leben in einer vorübergehenden Bleibe, nicht in einem Zuhause. Verantwortungsgefühl für den Kiez entsteht da sicher schwerer als in der Vorstadt, wo die Grundstücke nahtlos ineinander übergehen.

Möglicherweise äußert sich in der Achtlosigkeit auch ein Stück weit die Ablehnung des Establishments, warf meine Nachbarin ein. Wer Straßen verdreckt, drückt aus, dass ihm die Geschicke des Ortes egal sind. Er tritt den Kiez mit Füßen. Vielleicht als Reaktion darauf, dass er sich selbst von seiner Umgebung so behandelt fühlt? Von der Stadt, die keinen Job bietet, dem Amt, das die Leistungen kürzt oder dem Vermieter, der mit der Räumung droht. Wie du mir, so ich dir.

Vor ein paar Tagen sah ich morgens auf dem Weg zur Frühschicht eine Gruppe BSR-Männer. Es war etwa 6.15 Uhr, der Wind pfiff entlang der Friedhofsmauer und es nieselte etwas. Die Kapuze ins Gesicht hängend, pickten die drei orangefarbenen Gestalten Schnipsel für Schnipsel mit einer Greifzange auf. Keiner sprach, einer der Männer hatte Kopfhörer im Ohr. Ein Zettel, ein Deckel, noch ein Zettel. Stoisch, als würden sie nicht am nächsten Tag wieder dort liegen. Was für Sisyphosarbeit! Was für Helden!

Die drei Männer sollten ein Mahnmal sein für mehr Achtsamkeit. Vielleicht taugen sie dazu besser als die Politiker vor Sperrmüll-Bergen. Fallenlasser gehören geächtet wie Käufer von Eiern aus Käfighaltung. Ein öffentlicher Pranger dürfte fernab von Bußgeldern oder Sauberkeitskampagnen das effektivste Mittel im Kampf gegen den Schund auf Berlins Straßen sein. Wer ein Bonbonpapier runterwirft, muss mit strafenden Blicken belegt werden. Wem ein Flyer aus der Hand gleitet, gehört aufgefordert, ihn aufzuheben. So lange, bis auch der letzte verstanden hat: Achtloses Wegwerfen von Müll ist eine Unart. Das tut man in Neukölln einfach nicht. Das tut man einfach nirgendwo.