Die Türen der Jahnsporthalle sind geschlossen. Zurück geht es nicht mehr für den 20-jährigen Nour, der vor dem Gebäude campiert. Eigentlich ist der junge Syrer auch froh, dass er die Halle, in der er seit zehn Monaten mit mehr als 130 anderen Menschen gelebt hat, verlassen kann.

Dennoch protestieren er und etwa zwei Dutzend (die Behörden sprechen von lediglich 15) weitere palästinensische, syrische und irakische Flüchtlinge gegen ihre Verlegung in eine neue Unterkunft. Denn für die Bewohner soll es nicht etwa in ein kleineres Heim oder eine private Wohnung gehen, sondern in die Großunterkunft Tempelhof. 90 der 120 ehemaligen Bewohner der Jahnsporthalle sind bereits dorthin umgezogen. Nour und seine Mitstreiter wollen nicht dorthin.

„Zehn Monate lang haben wir mit hundert Menschen auf engstem Raum zusammen gelebt“, begründet Nour seinen Widerstand. „Und jetzt sollen wir mit tausend Menschen im Tempelhof leben?“ Man merkt Nour, der weder seinen Nachnamen noch sein Foto in der Zeitung sehen will, Ungeduld und Frustration an. Die Massenunterkunft in Tempelhof sei kein Ort an dem man sich integrieren oder soziale Kontakte knüpfen könne. Dort gebe es auch Drogendealer. Keiner wolle dort wohnen. Seit Freitag campieren die Protestierer vor der verschlossenen Jahnsporthalle, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Am Montag organisierten sie einen Demonstrationszug zum Rathaus Neukölln.

Dutzende Unterstützer

„Wir wollen arbeiten, studieren und uns integrieren“, sagt Nour. Das ginge nicht in einer Massenunterkunft ohne Privatsphäre. Die Forderung der Flüchtlinge: Sie möchten in eine kleine Unterkunft gebracht werden. Fünf Zimmer würden für alle reichen. Eine Einrichtung in der Colditzstraße habe bereits signalisiert, die jungen Männer aufnehmen zu wollen. Das Lageso habe sich aber unkooperativ gezeigt. „Wie schlafen lieber auf der Straße, als nach Tempelhof zu gehen“, sagt der jugendlich aussehende Mann aus Damaskus, der am Montagmittag in gutem Englisch Passanten die Anliegen der Flüchtlinge erklärt.

Auch etwa 50 Unterstützer haben sich vor der Jahnsporthalle – wo noch immer Decken, Planen und Bastmatten liegen – eingefunden. Unter dem Motto „No Lager – gegen die Unterbringung in Massenunterkünften“ organisieren sie die Demonstration. Auf den Plakaten der Protestierer steht: „Wohnen ist ein Grundrecht “.

Lageso: Keine Alternative möglich

Am Ende des Protestzugs, am Rathaus Neukölln, wartet bereits Sascha Langenbach, Sprecher der für Flüchtlinge zuständigen Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, um die Sicht seiner Behörde zu schildern. Vor drei Wochen habe man Gespräche mit den Bewohnern der Jahnsporthalle aufgenommen. In der vergangenen Woche habe man ihnen eine Absichtserklärung zukommen lassen, die ihnen bevorzugten Zugang zu den auf dem Tempelhofer Flugfeld geplanten Containerunterkünften verspricht. „Die stehen aber nicht schon Übermorgen“ sagt Langenbach.

Bis dahin blieben als Unterkunft nur die Tempelhofer Hangars. „Es gibt zurzeit keine anderen Wohnheimplätze“, sagt der Sprecher. Das gelte im Übrigen auch für die Unterkunft in der Colditzstraße. Die medizinische und soziale Versorgung sei in Unterkunft auf dem früheren Flughafengelände auch deutlich besser als in den Turnhallen. Dennoch zeigt Langenbach Verständnis für die Anliegen der ehemaligen Sporthallen-Bewohner. „Ich kann nachvollziehen, dass sie finden, dass sie auch einmal an der Reihe sind, aus den größeren Unterkünften auszuziehen.“ Aber die Betroffenen müssten sich in diesem Fall drei bis vier Monate gedulden.

Nour möchte allerdings nicht so lange warten. „Wir werden weiter protestieren“ kündigt er an. Er hofft in Deutschland sein Architektur-Studium fortsetzen zu können. Doch dafür benötige er einen Ort an dem er lernen könne – und keine Massenunterkunft.