Am frühen Freitagmorgen, wenn die Sonne aufgeht, und die meisten Berliner die Kaffeemaschine noch nicht angeworfen haben, wird Kazim Erdogan in seiner Dienststelle in Neukölln ein Glas Tee ausgetrunken haben, vor ihm ein Regal, das zur Hälfte ausgeräumt ist.

Erdogan, Psychologe, Familienberater, Träger des Bundesverdienstkreuzes, fängt seinen Arbeitstag gern früh an, meist sitzt er zwischen fünf und sechs am Schreibtisch. Manchmal auch früher. Seit 2003 arbeitet er für den Psychosozialen Dienst des Jugendamtes Neukölln. Bundesweit bekanntgeworden ist er als Gründer der ersten türkischen Väter- und Männergruppe, in der all die Themen angesprochen werden, die sonst in Familien tabu sind: Ehe, Sex, Gewalt, Scheidung, Geschlechterrollen.

„Kalif von Neukölln“

An diesem Freitag hat Kazim Erdogan seinen letzten Arbeitstag beim Bezirksamt Neukölln. Mit 63 geht er in Rente. „Mir wird der tägliche Kontakt mit den Menschen fehlen“, sagt er am Donnerstag, und er klingt wehmütig, als ob er ein wenig an seiner Entscheidung zweifele. Er hat sich sein ganzes Leben lang der besseren Verständigung zwischen Deutschen und Türken gewidmet, und ausgerechnet jetzt, wo das Verhältnis einen neuen Tiefpunkt erreicht, soll er aufhören?

Erdogan beriet Frauen, die von ihren Männern geschlagen wurden, Männer, die als Bräutigame aus der Türkei geholt wurden, Eltern, die sich Sorgen um ihren Sohn machten, der dauernd in die Moschee rannte. Erdogan hat für die Arbeit gelebt. Neben den acht Stunden beim Psychosozialen Dienst packte er ehrenamtlich an, er hat eine Woche des Lesens gegründet, eine Online-Beratung für Spielsüchtige, einen Verein. Der „Kalif von Neukölln“, so nennt er sich selbst ironisch.

Von der Abschiebehaft ins Bezirksamt

Die Idee zu der Vätergruppe hatte er schon in den Achtzigerjahren. Wo sind die türkischen Männer, die Paschas, fragte sich Kazim Erdogan. Sitzen sie im Teehaus, vor dem Fernseher? Zu den Elternabenden kamen nur die Frauen. Erdogan war damals Hauptschullehrer in Moabit.

Er war 1974 aus einem zentralanatolischen Dorf nach Berlin gekommen, mit wenig Ersparnissen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Studieren wollte er. Er geriet in eine Routinekontrolle, die Papiere waren abgelaufen, landete in Abschiebehaft. Nach vier Tagen wurde er freigelassen, nachdem er eine Zulassung der FU Berlin vorweisen konnte. Er machte einen Deutschkurs, studierte Psychologie und Soziologie, bekam eine feste Stelle. Man kann es schaffen, wollte er fortan anderen zeigen.

2007 gründete er die Vätergruppe. Es war die Zeit, als viel über türkische Männer geschrieben wurde, aber wenig mit ihnen geredet, die Zeitungen waren voller Geschichten über Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen. Er fing mit zwei Männern an, inzwischen gehört ein fester Kreis von 30 Männern zur Gruppe. Es entstanden Vätergruppen in anderen Städten, es entstand ein Theaterstück, ein Buch, ein Film, im nächsten Jahr erscheint ein weiteres Buch über Erdogan. „Süperman“ ist der Arbeitstitel.

Wenn gestandene Männer weinen

Woher wusste er, dass die Männer sich öffnen würden und in großer Runde über ihre Probleme sprechen? „Ich wusste es nicht“, sagt Erdogan, „und ich war überrascht, als ein gestandener Mann hier zwei Stunden lang vor 30 anderen weinte.“ Ein anderer Teilnehmer saß schon im Auto, mit einem Messer, auf dem Weg zur Frau, die mit einem anderen in einer anderen Stadt lebte.

Doch nach zwei, drei Stunden Fahrt erinnerte er sich im Auto, worüber sie in der Gruppe gesprochen hatten, dass Gewalt nichts bringt. Er drehte um. Erdogan erzählt davon lächelnd, solche Begebenheiten geben ihm Kraft.

Im vergangenen Jahr wurde er sehr krank, der Arzt riet ihm dringend, weniger zu arbeiten, sich mehr auszuruhen. Betrübt informierte er die Dienststelle. Er will sich nun vor allem der ehrenamtlichen Arbeit des Vereins Aufbruch Neukölln widmen, er habe unzählige weitere Ideen auf der Festplatte, sagt er.

Einen Nachfolger hat das Bezirksamt noch nicht gefunden. Ein neuer Kalif von Neukölln wird noch gesucht.